Emanzipation gebiert Zensur

Das Schicksal der Freiheit hängt deshalb davon ab, daß Mündigkeit im rechtlichen Sinne nicht an denjenigen Zustand als Bedingung geknüpft wird, der im Rahmen der Emanzipationsideologie Mündigkeit heißt. Andernfalls wäre das Resultat eine allgemeine Entmündigung zugunsten neuer informeller Zensur- und Inquisitionsbehörden.

Robert Spaemann (1971): Autonomie, Mündigkeit, Emanzipation. Zur Ideologisierung von Rechtsbegriffen. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hg.) Zur Emanziapation verurteilt. Herderbücherei Initiative Bd. 6, 1975.

Der konservative Philosoph Robert Spaemann hat da frühzeitig etwas ganze Großes heraufziehen sehen. Denkfutter für Leute wie mich, die heute verzweifeln an Zensurphänomenen nie gekannter Art und nie gekannten Ausmaßes. Ich will Spaemanns Überlegung umreißen, um zu verdeutlichen, warum das NetzDG, die seit gestern um sich greifende offen praktizierte Löschung rechter Konten in den Sozialen Medien, Bankkontenkündigung, Hausdurchsuchungen, linkes Meldemuschiunwesen und Denunziantengratismut etwas mit bewußten Begriffsumdeutungen zu tun haben, deren Folgen wir genau jetzt erleben.

Spaemann stellte 1971 fest, daß die Begriffe „Mündigkeit“, „Emanzipation“ und „Demokratie“ soeben umgedeutet werden von der „Kritischen Theorie“. Waren es ehedem und stets Rechtsbegriffe, die einen Zustand von Individuen oder Gesellschaften bezeichneten, werden sie nun zu Prozeßbegriffen. So hieß „Mündigkeit“ juristisch zunächst der Erwerb von gewissen Rechten, durch welche man zu einer freien Person wurde (beispielsweise als erwachsener Sohn unabhängig von des Vaters rechtlicher Vormundschaft). Insofern war der Mündigkeitsbegriff ein sozialer Ordnungsbegriff, der einer eindeutiger Grenzziehung zwischen Mündigen und Unmündigen diente. Kants „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ hieß indes nicht länger, daß bestimmte Menschen rechtlich unterprivilegiert sind, sondern ist pädagogisch gemeint.

Damit ging’s los – Mündigkeit wurde zu einem emanzipatorischen Erziehungsideal. Kant hat in gewisser Weise nicht ahnen können, was aus seinem rationalistischen Ideal sozialtechnologisch noch rauszuholen sein würde. Der wirklich mündige Mensch ist – wenn man’s pädagogisch sieht – nämlich nicht mehr z.B. per Alter oder Berufsstand definierbar, sondern wird ins Ideal verlegt.

Hier ist der Punkt, wo der der Rechtssphäre entfremdete Begriff in die Rechtssphäre zurückwirkt und diese zu verwirren droht.

Marx hat die pädagogischen Begriffe politisiert, also in die Hände der Macht gelegt. Wenn nun die kritische Erziehungswissenschaft der 68er- Marxleser sich dranmacht, eine Gesellschaft von Unmündigen in den Zustand der Mündigkeit zu überführen durch Beibringen „kritischen  Bewußtseins“, werden die Emanzipationsideologen selber zu Nutznießern – nur sie selber sind die wahren Schon-Mündigen.

Indem, so Spaemann anhand der Semantik von „Mündigkeit“, der Begriff vom Ordnungsbegriff zum (geschichtsteleologischen) Prozeßbegriff gemacht wird, wird die Zahl der Unmündigen nicht etwa (könnte man ja meinen, daß die kritischen Pädagogen die Masse mündig werden lassen wollte) kleiner, sondern größer. Denn alle werden zu bloß potentiell Mündigen degradiert, ihre wahre „Emanzipation“ steht immer erst aus. Freiheit wird so als fortgesetzte Befreiung gedacht.

Klingelt schon etwas? Spaemann argumentiert weiter: von Marx ausgehend denken die damaligen Emanzipationsideologen, daß der Mensch erst umkonditioniert werden muß, um als Freiheitssubjekt infrage zu kommen. Der theoretische Trick ist der: wenn man Mündigkeit (oder strukturanalog „Demokratie“, „Freiheit“ etc.) in einen zukünftig erst zu erreichenden Idealzustand verlegt, hat man das Ruder der Gesellschaftssteuerung in der Hand. Die Leute sind ja leider noch zu unmündig, zu unfrei, noch nicht „demokratisiert“ genug, um mit entsprechenden Rechten ausgestattet zu werden. Wir müssen uns ihrer annehmen und sie bis dahin führen. Ihre Handlungen und Äußerungen reichen nicht ans Ideal heran, deshalb disqualifizieren sie sich (noch) für z.B. das Recht auf Meinungsfreiheit.

An dem Punkt sind wir augenscheinlich angelangt, an dem

niemand mündig ist, sondern jeder des anderen Pädagoge, Psychotherapeut und Vormund im Namen des gemeinsamen Ideals der Mündigkeit und Emanzipation.

 

 

Ein Gedanke zu “Emanzipation gebiert Zensur

  1. Parodistische Einlassung weiland eines Gemeinschaftskunde-Lehrers von mir auf dergleichen progressive Vormundschaftsusurpation: „Natürlich! Die sind doch alle dumm! Die wissen doch gar nicht, was sie wollen sollen!“

    Ich vermute allerdings, dass der Trick schon sehr viel älter ist als die Kritische Theorie. Warum wohl hat man lange den Vermögenslosen allenfalls ein minderes Wahlrecht zugebilligt? Arm = dumm = unmündig = nicht oder nur wenig zur Bürgerschaft tauglich. Schon das Verbot von Bibelübersetzungen in die Landessprache war wohl von genau derselben „Fürsorglichkeit“ diesmal für die fremde unsterbliche Seele angetrieben. Nichts Neues unter der Sonne.

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