Menschenrechte, Frauenwahlrecht: religiöse Sozialexperimente

Der Standard wieder einmal. Gehört zur Standardlektüre Wiener Kaffeehäuser. Vorne das Einserkastl vom Rauscher. Diesmal unter der mich verläßlich triggernden Überschrift „Frauenwahlrecht“. Rauscher zählt auf, in welchen Wahlen der jüngeren Vergangenheit in Österreich die Stimmenmehrheit für SPÖ und Grüne eindeutig durch Frauen zustandegekommen ist. Männer wählen mehrheitlich rechts.

Während dieser Umstand mir schon Gelegenheit gab, darüber zu sinnieren, ob man deshalb besser das Frauenwahlrecht abschaffen sollte, oder den Jason Brennan bei seinem pragmatistischen Schopfe packen und seinerseits für unsere Zwecke instrumentalisieren sollte, ist Rauscher ganz zufrieden lächelnder Feminist.

Brennan hatte die Vorstellung vertreten, ob zur Wahl unqualifizierte Leute, die einfach nicht für ein liberales Abtreibungsrecht oder offene Grenzen zu gewinnen wären, nicht besser aus „demokratischen“ Gründen nicht wählen sollten, zum Wohle der offenen Gesellschaft. Nonchalant sein Vorstoß, daß es echt Leute gibt, die zu dumm zum wählen sind, und daß dies ein notorisches Problem der Demokratie sei. Der Pferdefuß liegt allerdings dort, wo er den Inhalt der Dummheit definiert nach Maßstäben der herrschenden globalistisch-individualistischen Elite.

Rauscher hat’s gern sibyllinisch, weil seine Leser eh wissen, worauf er hinauswill.

Noch in den 70er-Jahren wählten Frauen mehrheitlich konservativ, inzwischen hat sich viel verändert. Nicht überall, aber jedenfalls bei den Frauen.

Es soll sich halt auch bei den Männern endlich was tun! Männer sind prägsam, bildsam, knetbar, beeinflußbar … wenn man sie wie Hans Rauscher als Kryptofrauen definiert. Hier schlägt der linke Utopismus Purzelbäume. Seine Logik: Männer würden dann wie Frauen wählen, wenn sie nur lang genug von Frauen bearbeitet würden. Wovon sind aber dann die Frauen seit den 70er Jahren bearbeitet worden? Entweder sie haben eine weibliche Linksgrünwählernatur (was ich als Anhängerin des „metaphysischen Weibes“ vermute, Rauscher aber wohl eher abstreiten muß) und sind bloß von Patriarchen geknutet gewesen bis in die 70er. Oder sie sie sind genauso prägsam, bildsam, manipulierbar wie er sich das heute für die Männer wünscht. Dann bleibt aber die Frage nach dem linken Demiurgen offen, der sich eines Tages darangemacht hat, die Frauen zur Befreiung zu zwingen. Wer ist der Sozialexperimentator?

 

Schauplatzwechsel, aber immer noch heutiger Standard: Der Grazer Vizebürgermeister Mario Eustacchio  „wetterte gegen die Menschenrechte“, dabei sei doch Graz „Stadt der Menschenrechte“! Wie kann es das nur übersehen haben?

Im Standard jammert man ausführlich darüber, nicht eingeladen worden zu sein zum Kongreß „Verteidiger Europas“, was ja wohl allzu nachvollziehbar ist nach den Hetzartikeln zum Kongreß im Vorfeld des 3. März, wie ich hier dargestellt hatte. Also hat man auch nicht den Wortlaut der Eustacchio-Rede zur Hand.

Wie darf man sich eigentlich „Wettern gegen die Menschenrechte“ vorstellen? Wohl genauso, wie ich in meiner „Gegenerklärung gegen die Wiener Erklärung gegen Rassismus und Diskriminierung“ gegen die Menschenrechte „gewettert“ habe. Damals hatte sich auch eine Dame vom Waldorfbund auf der Versammlung hingestellt und gegen diesen Fall von Häresie das geltende Dogma bekräftigt, daß die „Wiener Erklärung“ für uns alle weiterhin gelte. In Eustacchios Falle spielte die Rolle der heiligen Inquisition sein ÖVP-Koalitionspartner Siegfried Nagl. Er betonte am Montag in einer Aussendung, die Menschenrechte seien weiter „die Richtschnur für politisches Handeln in Graz“. No na net.

Eustacchio hat eine Rede über das zweifelhafte politreligiöse Vermächtnis der 68er gehalten, die ich angehört habe vor Ort. Daß die „Menschenrechte“ waschechte Züge einer Zivilreligion angenommen haben, führte er auf den linken utopischen Universalismus der 68er zurück. Diese These ist nicht neu, „verkappte Religionen“ hatte schon in den 20er Jahren Carl Christian Bry argumentativ zerlegt und die These aufgestellt:

Jede verkappte Religion wirkt ihre eigenen Ausgangssätze ins Gegenteil um.

Die ungestüme Befreiungsdrift der Menschenrechte hat keinen eingebauten Stopknopf und ist daher selbstdestruktiv. Und weil das so ist, macht sie in ihrem Befreiungs- und Immer-neue-Anspruchsrechte-für-alle-Furor vor nichts halt und kehrt sich – gut dialektisch – um in ihr Gegenteil, wird also zerstörerisch statt glücksverheißend. Nichts anderes meinte Eustacchio.

Alain de Benoists Kritik der Menschenrechte ist ähnlich gehalten. Die Menschenrechte stoppen zwar aufgrund ihres universalistischen Anspruchs den Relativismus der partikularen Lebensformen und somit Rechtfertigungen von Not und Gewalt. Sie untergraben jedoch genau dadurch die partikularen Lebensformen und streben nach ihrer globalen Vereinheitlichung. Insofern sind sie eben kein allgemeingültiges, ahistorisch-abstrakt gültiges, sondern ein echt links-utopistisches Sozialexperiment im Hier und Jetzt einer globalistischen Weltplanung.

Dies zu kritisieren muß möglich sein, und zwar genau dann, wenn man das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit voraussetzt (was ja auch alle vom Standard herbeizitierten empörten Linken und Linksextremen tun). Die Geltung der Menschenrechte wird nicht angekratzt durch eine vernichtende Kritik ihrer historischen Genese, ihrer ideologischen Voraussetzungen und auch ihrer eingebauten Implosion.

Für Rauschers Feminismus gilt dasselbe: Frauenwahlrecht kennt keinen Stopknopf und keinen Zurück-zum-Start-Befehl. Wer von uns rechten Kritikern maßte sich denn an, der Sozialexperimentator sein zu wollen?

Das Perfide daran ist bloß: schon allein darauf hinzuweisen, daß hier Sozialexperimente laufen, ruft die historisch konkreten Wächter über die Experimente auf den Plan, die ihre Aufgabe voller Eifer erfüllen. Frauenwahlrecht und Menschenrechtsreligion sind in diesem Sinne eben nicht a priori gültige Sittengesetze.

Das stimmt aus der unendlichen Perspektive Gottes, vor der wir alle klein werden, aber es bleibt entweder Unverschämtheit oder Schwachsinn, sich diese Perspektive anzumaßen.

(C.Ch. Bry, Verkappte Religionen, 1924).