Alte extremistische Texte abfeiern

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hat am 4. Februar ihr ganzes Feuilleton unter das Jubiläum des Jahres 1968 gestellt.

Ein halbseitiger Text widmet sich dem „Scum-Manifest“ der linksextremen Aktivistin und Andy-Warhol-Attentäterin Valerie Solana von 1967. Der Text sei „lange Zeit als Dokument des männerhassenden Radikalfeminismus gelesen worden„, doch berge er in Wirklichkeit sowohl „satirische Qualitäten“ als auch „literarische Kraft„.

Die wichtigste Emanzipation Solanas‘ besteht daher in der Aneignung eines abgeklärten und entschiedenen Sounds, dessen vermeintliche Maskulinität sie ihren Leserinnen und Lesern gleich noch um die Ohren haut.

Es sei

schon die Energie der expliziten Gewalt, der das Scum-Manifest seine Kraft verdankt … doch seine wahre Kraft entfaltet Solanas‘ Text nicht, wenn man ihn einfach als Anleitung zur Gründung einer feministischen Terrororganisation liest. Es ist der Anschlag auf die Ordnung der Geschlechter, der zählt.

Schreibt Harald Staun, ein Mann. Und hält Solanas außerdem der ausgleichenden Gerechtigkeit halber zugute, daß sie ja auch „für die meisten Frauen nicht viel übrig hatte„.

Uff. Das ist es also, was Sophie Liebnitz in „Tote weiße Männer lieben“ und Karlheinz Weißmann in „Kulturbruch ’68“ (beide aktuell erschienen, beide unbedingt lesenswert!) diagnostizieren: es ist heute vollkommen normal geworden, linksextreme Sätze abzufeiern. Liebnitz schreibt:

Auf Basis dieses feministischen Apriori sind die krassesten Aussagen möglich, solange sie sich gegen primär heterosexuelle und weiße Männer richten. Und sie sind nicht nur möglich, sondern werden geduldet und als Diskussionsbeiträge erwogen, weil sie doch „irgendwie“ gerechtfertigt erscheinen. Blicken wir nicht auf Jahrtausende bösartiger männlicher Weltbeherrschung zurück, die nach Beendigung schreit?

 

Stellen wir uns diesen FAS-Beitrag mal andersherum vor, eine probate Testmethode zur Feststellung von „Hierarchien der Opfer“ (Martin Lichtmesz).

Nehmen wir an, es gäbe einen schicken faschistischen, NS- oder mindestens reaktionären Text, der Gewalt gegen Frauen, Juden oder eine sonstige heute geschützte Minderheit völlig ungebrochen feiere, zur Vernichtung derselben aufriefe, dies alles literarisch gut gemacht (je älter die Texte, desto wahrscheinlicher findet sich diese Kombination). Irgendwo bei Weininger, Blüher, Spengler, Steiner, George, Benn oder Schmitt, Marinetti oder Mussolini würden wir schon fündig. Und dann schriebe ich einen Artikel für die FAS, in dem ich die „literarische Kraft“, die trickreich-subversive „Aneignung eines abgeklärten jüdischen Sounds“ lobte und resümierte, es sei der „Anschlag auf die Ordnung der Rassen“, der hier zähle, wenngleich der Aufruf zur Gewalt und zur Gründung einer antisemitischen Terrororganisation ebenfalls zentral seien.

Mein Punkt ist nicht: bestimmte literarische Texte, vor allem Manifeste und Pamphlete, seien gefährlich und richteten sich gegen Minderheiten, riefen zur Gewalt auf, weshalb es moralisch verwerflich sei, sie im Feuilleton ob ihrer dichterischen Dichte oder suggestiven Elementarkraft abzufeiern, stattdessen sollte man sich von ihnen distanzieren oder sie verbieten. Es wäre also dringend geboten, Solanas‘ Manifest in Acht und Bann zu tun, damit es endlich mal die Linken träfe. Mein Punkt ist das Gegenteil.

Solche Texte darf man feiern, hassen, auseinandernehmen, imitieren, kontextualisieren, dekontextualisieren, aktualisieren oder vernichten. Sie sind Texte. Für ihr Grenzgängertum ist bisweilen die Justiz zuständig, bis dahin: die Kunst und die Politik.

Ich weise nur darauf hin, wo erschienen, in welchen Kontext gestellt, von wem geschrieben und insoweit signifikant dieser Feuilletonartikel ist. Er ist nämlich signifikant für das „historische Apriori“ (Michel Foucault) des Hasses gegenüber „toten alten weißen Männern“, von dem Liebnitz‘ Buch handelt. Es fällt uns überhaupt nicht mehr auf, daß hier jemand einen Text in Schutz nimmt, der ihn selber vernichten will, der als Mann den „Anschlag auf die Ordnung der Geschlechter“ mit weit mehr als klammheimlicher Freude begrüßt. Und – hier kommt Weißmann ins Spiel – es fällt uns deshalb nicht mehr auf, weil die Linke eine diskursive Zivilreligion geschaffen hat, die uns alle auf ihren kryptoreligiösen „Heptalog“ eingeschworen hat. Sieben „Gebote“, von denen abzuweichen ein Sakrileg ist. Das 6. Gebot beschwört den „selektiven Humanismus“:

Der hat damit zu tun, daß man seinem politischen Gegner grundsätzlich den guten Willen abspricht, und sich nicht verpflichtet fühlt, ihm gegenüber die Anstandsregeln einzuhalten. Das erklärt auch die Schärfe, mit der man die Massenverbrechen der anderen Seite beurteilt, die in jedem Fall „unvergleichlich“ waren, und die Milde, mit der man die eigene Seite betrachtet, obwohl es sich zweifellos um die schlimmsten der Geschichte handelt.