Erwin Mosers Blick

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Erwin Moser ist gestorben, vorletzte Woche in Wien.

Ein Kinderbuchschriftsteller und Maler ohnegleichen. Unter Kindern gibt es zwei Arten, die Realisten und die Phantasten. Die Realisten wollen als Gutenachtgeschichte Querschnitte durch Vulkane und deren Beschriftung, Eisenbahntypen im Lauf der Geschichte und Rekorde der Technik in möglichst schwindelerregenden Zahlen, denn so weit sind sie von ihren versponneneren Altersgenossen doch nicht entfernt, es lockt das Gewagte, Konstruierte, Extreme.

Die Phantasten ihrerseits hängen an Gestalten aller Formen, Namen und Vermischungen, Hauptsache, es sind Gestalten, die nicht von dieser Welt sind. Für die Phantasten kann eine Katze oder eine Maus so weltfremd sein wie ein Rüsselbär oder ein Riesentintenfisch alltäglich. Kleine Ankerpunkte im Realen, sei es ein Name wie Klausdieter oder ein simpler schlecht funktionierender Drehverschluß am fliegenden Ballon, tragen die Spinngedanken besonders weit fort.

Erwin Moser konnte man im Palmenhaus aus einem Automaten ziehen. Da gab es, um 2000 herum, einen Zettelgeschichtenautomaten, ein Geldstück hinein, und heraus kamen „Der Mäusejaguar“, „Der erkältete Eber“ oder „Die Trompetenblume“.

Die Zettel überlebten den inzwischen erwachsenen Realisten, zwei nachgeborene Phantasten waren gleichermaßen hin und weg, die orangen Bücher aus dem Beltz-und-Gelberg-Kinderbuchverlag mußten her. Der ältere Phantast verschmolz Erwin Mosers Gestalten mit dessen eigener Gestalt. Das Bild oben entstammt des Autors „Großem Fabulierbuch“, das Kind blätterte immer wieder zum Umschlagfoto und es gruselte ihn wohlig. Dieser Blick. Es muß der Blick hinter die Dinge sein, so sieht er wohl aus.

„Er begleitet die Kinder bis zu jener Schwelle, nach deren Überschreiten sie keine Kinder mehr sein werden,“ hieß es im Nachruf im Standard. Nach Übertreten des Rubikons sind Kinder unwiederbringlich mit der Welt zerfallen. Wenn sie sich Erwin Mosers Blick mitnehmen konnten über ihr neuntes Jahr hinaus, irgendwo in den Sedimenten und Spuren und Wortsteinbrüchen ihres Hirns konserviert, dann ist auf ihren Willen gewirkt worden. Bilder vermögen dies, Mosers phantastische und zugleich realistische Gestalten im ganz besonderen.

Mangold und die Euryalistik

 

Euryale

„Jede Beobachtung ist paradox. Sie unterscheidet, obwohl oder weil sie nicht unterscheiden kann, was sie beobachtet.“ (Niklas Luhmann)

In der ZEIT erschien eine Doppelrezension der Bücher „Mit Rechten reden“ (Zorn/Steinbeis/Leo) und „Mit Linken leben“ (Lichtmesz/Sommerfeld) von Ijoma Mangold.

Es ist doch a Wahnsinn, sagt man in Wien, wenn in der ZEIT ein Buch aus dem Antaios-Verlag besprochen wird, und darüber zu lesen ist, es habe

„einen scharfen Blick für die blinden Flecken der linksliberalen Öffentlichkeit“.

Allein, im weiteren Verlauf der ausführlichen Besprechung fallen Ijoma Mangold allerhand blinde Flecken unseres Buches auf, die zu erkennen er sich auf „Mit Rechten reden“ stützt. Ich mache mich also daran, diese Beobachtung gegenzubeobachten.

Ein Beobachter kann, wenn er eine Beobachtung handhabt (also einen Code anlegt, in unserem Falle links/rechts), die Beobachtung als Unterscheidung nicht unterscheiden. Er steckt sozusagen drin.

Das heißt nun nicht, daß ein Mensch (Ijoma Mangold oder Zorn und Co.) reflexionsunfähig wäre (also außerstande, den eigenen blinden Fleck jemals einzusehen), er kann nur nicht zugleich die Unterscheidung gebrauchen (Beobachtung 1. Ordnung) und reflektieren (Beobachtung 2. Ordnung).

Wenn nun Zorn et.al. den Code „rechts/nicht-rechts“ statt „rechts/links“ gebrauchen, dann sind sie nur zum Schein auf der Ebene der Beobachtung 2. Ordnung. Wenn man  so tut, als könnte man eine Hälfte des Politik-Codes (links/rechts) rausnehmen, weil man nicht auf derselben Streitebene mitspielen will, und annimmt, „nicht-rechts“ wäre Umwelt (z.B. Teil des wissenschaftlichen Beobachtens des Argumentationslogikers Zorn oder des ästhetischen Beobachtens des Schriftstellers Leo) dann wird man blinder statt sehender. Man kann nämlich nicht einmal mehr die komplette politische Unterscheidung gebrauchen (links/rechts), sondern hat den Code unbrauchbar gemacht UND keine übergeordnete Beobachtungsebene erklommen. Halberte Sache, könnte man sagen, oder Systemzerstörung.

Zum Vergleich, damit es deutlicher wird: Es ist so, als wenn man sich beim moralischen Code nicht traut, gut/böse zu setzen, weil böse ja so böse ist, und daher vorschlägt, lieber gut/nicht-gut zu setzen.

„Bei Unterscheidungen binären Typs geht es primär darum, an die eine positive Seite anknüpfen zu können, also etwa unterscheiden zu können, was Recht (und nicht Unrecht), wahr (und nicht falsch) etc. ist. Binarität impliziert den Ausschluß dritter Werte.“

„Links“ definiert sich über sein Gegenteil und vice versa – das bedeutet aber nicht, daß „wir“ persönlich (also psychische Systeme) von den Linken „abhängig“ wären. Das wäre so, als wenn man einem Gläubigen vorwürfe, vom Teufel, oder einem Wissenschaftler, von der Unwahrheit, oder einem Juristen, vom Unrecht „abhängig“ zu sein. „Abhängig“ können nur psychische Systeme voneinander werden. Ich glaube, daß es also ein psychologisches Motiv ist (muß ja nicht gleich Wahnsinn sein), den Code des Politischen nicht als Ganzes sehen zu wollen oder zu können.

Niklas Luhmann hat dazu einen zauberhaften Aufsatz mit dem ironisch-überkandidelten Titel „Sthenographie und Euryalistik“ geschrieben. Stheno ist eine der Gorgonen, deren Anblick jeden Sterblichen erstarren läßt. Wenn man hinsieht, sieht man nichts mehr, man kann sie einfach nicht beobachten. Paradoxien werden (auf der 1. Beobachtungsebene) nur vorgeführt, aber nicht entparadoxiert, das nennt Luhmann „Sthenographie“.

Euryale ist ebenfalls eine der Gorgonen, sie belohnt den, der sie nicht beobachtet. „Euryalistik“ ist dann die „Lehre“ vom Nichthinsehenkönnen als Voraussetzung des Sehenkönnens, auf diese Weise (B1 + B2) kann man die Paradoxien entparadoxieren.

Die Herren Mangold, Zorn und Co. stehen im Banne der Euryale! Booooh!

Wir haben der linken, Verzeihen’s, der „nicht-rechten“ Kritik zufolge, einen blinden Fleck, indem wir uns innerhalb von links/rechts verorten. Was auch sonst, entgegne ich, denn sonst könnten wir den Code nicht gebrauchen. Wir anerkennen diese Blindheit aber offen. Und indem wir das genau tun, das Anerkennen, schauen wir drauf, auf uns und die Linken. Wir sehen also den blinden Fleck von außen, wollen ihn aber nicht entfernen, sondern seinerseits gebrauchen. D.h. wir beschreiben das Panorama alles dessen, was sich mit dem Blick (oder binären Code) links/rechts sehen läßt, von rechts aus. Wir wissen, daß wir nicht gleichzeitig Linke sein können. Die Kritiker hingegen wollen zugleich sie selbst und wir sein. Daher auch das Psychologische, Ästhetische, Überdrahte, es sind Annäherungsversuche, die aber nicht anschlußfähig an den politischen Code sind, sondern immer und immer dessen Umwelt bleiben.

Es gibt im ZEIT-Beitrag noch zwei weitere „blinde Flecken“, die wir Rechten anscheinend übersähen oder strukturell unfähig zu erkennen wären und daher dringend der Gegenbeobachtung bedürften.

  1. Der Holocaust-Fleck

„Dies ist der größte blinde Fleck im Denken der Rechten: dass sie nicht sehen, dass der Umgang der Deutschen mit ihrer historischen Schuld ein souveräner, reflektierter und deshalb selbstbewusster ist. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nennt man nicht Masochismus, sondern Geschichtsbewusstsein.“

Mangold kapiert nicht, daß es ums WIE geht. Mit H hab ich das ja auch ständig: nicht DASS es den NS gab und den Krieg und den Holocaust, ist ja unser Problem, sondern WIE Linke gebannt vor ihm stehen. Auch so ein Gorgonenblick, der blinde Flecken macht. H meint dann immer, ich würde die Greuel leugnen oder lächerlich machen oder runterspielen. Es ist doch aber die Metaperspektive! Beobachtung zweiter Ordnung. Wir schauen auf die Art des Blickens, und nicht aufs Objekt. Das ist der Unterschied. Und da kommen wir  zu dem Eindruck, daß auf der Ebene B1 eine Blicklähmung besteht.

„Auseinandersetzung“ hätte ja strukturell ein offenes Ergebnis, was erstens die Wertung und zweitens das Auf-sich-Beziehen betrifft, d.h. „Auseinandersetzung“ hat die Form: ich kann es falsch/richtig finden oder gut/böse (und nicht: nur falsch und böse) und ich kann es auf mich beziehen (systemtheoretisch: Kopplung psychisches System/Wissenschaft oder psychisches System/Moral) oder nicht (d.h. mich „betrifft“ diese historische Fragestellung oder dieses moralische Problem, oder eben nicht). Wie bei den anderen blinden Flecken auch: wer nur die eine Hälfte einer Zweiseitenform sehen kann oder will, der hat ein Problem und nicht Souveränität, Reflexion und Selbstbewußtsein!

2. Der Linke-Linke-Nennen-Fleck

Er wirft uns als „blinden Fleck“ vor, daß wir alle, die nicht rechts sind, „Linke“ nennen. Ich glaube, sein Begriff von „blindem Fleck“ ist hier einer der moralischen Zuschreibung von Individuen oder psychischen Systemen. Also, etwas abzuweisen, was man nicht sein will, nicht fremdetikettiert werden zu wollen, Zumutungen nicht zu akzeptieren. Das ist ein verständlicher Impuls, den haben wir ja auch, d.h. wir wollen nicht „rassistisch“ etc. genannt werden, weil’s nervt, weil’s inhaltsleer ist, weil wir die Leier schon kennen usw.. Soweit, so gut – all das spielt sich auf der Ebene psychischer Motive, Akzeptanz und Selbstbezüglichkeit ab. Dieser „blinde Fleck“ ist wohl sozialpsychologisch, und nicht systemtheoretisch zu verstehen. In der Theorie des „Johari-Fensters“ wird als „blinder Fleck“ das beschrieben, was man über seine Geheimnisse nicht weiß, was aber die anderen an einem erkennen:

Blinder Fleck: Unter dem „blinden Fleck“ versteht man alles, was vom Betroffenen aus gesendet und vom Empfänger wahrgenommen wird, ohne dass sich der Betroffene dessen bewusst ist. Andere erkennen Verhaltensweisen und Merkmale, die der Betroffene bei sich selbst nicht wahrnimmt. Durch Feedback der Mitmenschen können Informationen vom blinden Fleck in den Quadranten „Öffentlich“ transportiert werden.

Aber: unser Begriff von „Linken“ ist ein analytischer. Wir arbeiten ja heraus, was genau Denkmuster/Dispositive der Macht/Ideologeme sind, die für ein bestimmtes Denken, Sprechen und Handeln wesentlich sind (z.B. eben Gleichheit, Utopismus, Vertrauen in die Massenmedien, Globalismus). Und die nennen wir „links“, weil sie oppositionell (binärer Code) zu unseren genau gegenteiligen Denkmustern usw. sind.

Es verhält sich, so gedacht, eben nicht so, wie Mangold unterstellt: daß wir die Welt in Freund und Feind einteilen, ohne das große und vielfältige Mittelfeld und all die anderen Positionen quer dazu (z.B. Liberale, Libertäre, Unpolitische) erkennen zu können. Es gibt eben, wenn man so analysiert wie wir, in der politischen Welt im Augenblick allenthalben (also eben auch in diesem „Mittelfeld“ und den vielen Liberalismusspielarten) deutlich erkennbare Elemente von linker Ideologie. Linke wollen keine Globalisten sein, und Globalisten keine Linken – aber sie sind es nun einmal nolens volens. Und da liegt das Ärgerliche, aber Präzise, unserer Idee!