Eine Philosophie der Anhänglichkeit

Der englische Philosoph Roger Scruton hat ein Büchlein mit dem Titel „How To be A Conservative“ (Bloomsbury, London 2017) geschrieben, dem ich nur uneingeschränkten Beifall zollen kann.

Sein versteckter Kernbegriff ist „attachment„.  Auf Deutsch ist das etwa: „Bindung“, „Anhänglichkeit“, „Verbundenheit“. Von diesen drei Möglichkeiten ist „Anhänglichkeit“ die kindlich-widerständigste. Wir wollen uns die Welt, an der wir hängen, nicht wegnehmen lassen.

In der Tat hat Scruton sich einen kindlichen Geist bewahrt, fast romantisch ist der folgende Gedanke:

Konservativ ist, wer den zweiten Satz der Wärmelehre einfach nicht zu akzeptieren bereit ist.

Entstrukturierung, Verfall, Dissoziierung sind fast naturnotwendig unaufhaltsam, aber wir halten sie auf.  Was sein Buch so einnehmend macht, ist womöglich sein rundheraus kindlicher Gestus. Er fragt bei allen großen dem Konservativismus entgegenstehenden Ideologien, was eigentlich an ihnen so schlimm ist, was eigentlich das Körnchen Wahrheit in ihnen ist, ob wir uns eigentlich mit ihren Verkündern streiten müssen. Wir müssen es!

 

Die Wahrheit des Nationalismus

Nationen definieren unsere Loyalität über unsere Rechte und Pflichten als Bürger. „Nationalismus“ als Chauvinismus (etwa wie der Abbé de Sièyes in der Französischen Revolution ihn ausrief oder wie sie dem NS eigen war) hilft nicht dabei, die eigene Nation gegen die Eine-Welt-Ideologie und den supranationalen Islam zu verteidigen, weil man ständig damit beschäftigt ist, gegen andere Nationen zu sein.

 

Die Wahrheit des Sozialismus

Gerechtigkeitsgefühl und das Bewußtsein wechselseitiger Abhängigkeit begründen sozialistische Impulse. Es ist aber ein großer Fehlschluß (zero-sum-fallacy) zu glauben, der Erfolg des einen sei der Mißerfolg des anderen, etwa so, wie der Sieg der Arbeiterklasse nur durch die Niederlage der Bourgeoisie, oder der Sieg der Frauenrechte nur durch die Niederlage der Männerherrschaft zu erringen sei. Gleichheit und Gerechtigkeit treiben Sozialisten genauso wie Konservative um, nur glauben erstere, Gleichheit und Gerechtigkeit seien dasselbe. Wer sie trennt, kann Gerechtigkeit zwischen Ungleichen herzustellen bestrebt sein.

 

Die Wahrheit des Kapitalismus

Freier Markt und freie Moral konvergieren und brauchen keine Regulierung. Der konservative Einspruch gegen den Kapitalismus muß dennoch lauten: die Lebenswelt vor dem Martk zu retten. Adam Smith‘ invisible hand funktioniert nämlich nur mit vertrauenswürdigen Individuen – diese brauchen jedoch traditionelle Werte, um überhaupt zu vertrauenswürdigen Individuen zu werden.

 

Die Wahrheit des Liberalismus

Freiheitsrechte (z.B. das Recht auf Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit) sind konservative Minima. Ihre Dialektik entwickelt sich jedoch dann, wenn sie sich gegen den Staat richten und das Individuum stärken, dadurch aber neue  Anspruchsrechte erzeugen (z.B. das Recht auf Bildung, Gesundheit, Migration), deren Adressat unbekannt ist.

 

Die Wahrheit des Mulitkulturalismus

Herder unterschied bekanntlich zwischen Kultur und Zivilisation. Kultur begründet die Unterschiedlichkeit der Völker, während Zivilisation das Gemeinsame aller europäischen Nationen bilde. Daraus wurde eine „civic culture“, in die jeder immigrieren und sich an sie assimlieren kann. Konservativ ist das Beharren auf der herderschen Trennung.

 

Die Wahrheit der Umweltschützer (environmentalism)

Oikophilía, die Liebe zur Heimat, wäre eigentlich genuin konservatvi, wäre da nicht die große globale Ökonomie, der viele conservatives anhängen. Und wäre da nicht die unerträgliche Propaganda der Umweltschützer. Diese machen sich radikal internationalistische Denkfiguren zu eigen, um jegliche Souveränität in die Knie zu zwingen. Das gemeinsame zu schützende Gut sowohl der Konservativen als auch der Umweltschützer ist: Land (territory). Globalistische Umwelt-Institutonen tragen zur globalen Entropie bei und schwächen damit die einzig wahren Quellen des Widerstands gegen die Entropie.

 

Die Wahrheit des Internationalismus

Die EU- und NATO-Gründung war nach dem 2. Weltkrieg vollkommen berechtigt, doch zeigt sich 50 Jahre später ein tiefliegendes Problem: Bismarcks „Kulturkampf“ hatte den Sinn, den Nationalstaat gegen die überstaatliche katholische Kirche zu verteidigen. Wenn man nun aber das bismarcksche Prinzip „Einheit durch Regulation“ auf größere Gebilde als die Nation überträgt, handelt man sich unplanbare Folgen ein, die den Internationalismus zu einer Gefahr werden lassen.

Roger Scruton entdeckt in diesen „Nicht-mit-ihnen-und-nicht-ohne-sie“-Verklammerungen des Konservativismus und seiner Gegner eine Art Umschlagbewegung. Linke und liberale Ideologien müssen um derselben Ziele willen in rechtes Denken kippen.

 

Er hat noch einen zweiten schwer übersetzbaren englischen Begriff zu bieten: der Sinn des Konservativseins liegt im „dwelling„. Vielleicht kann man auf Deutsch sagen: eine Heimstatt haben, „Wohnen“ in einem heideggerschen Sinne, Daheimsein.

Wenn man das nicht hat, diese Anhänglichkeit, dieses Daheimsein, dann kann man gegen die großen ideologischen Erzählungen der Moderne nichts ausrichten, weil man nicht weiß, worum willen. Kinder haben beides, Anhänglichkeit und ein Daheim.