Lang lebe die Pest!

Die Causa „Finis Germania“ zeigt einen seichten Abgrund der gegenwärtigen Kulturelite. Ein seichter Abgrund ist genauso ein Widerspruch in sich wie der Titelschlachtruf.

Heute steht ein der FAZ-Druckausgabe auf der gleichen Seite, auf der Sieferles Text als von seinem Kollegen Hintermeier als „ebenso ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik“ bezeichnet wird, ein langer Artikel von Christian Geyer: „Lebenshunger? Fehlanzeige!“

Darin der auf den ersten Blick hellsichtige Befund: Radikalisierung und Außenseitertum werden gnadenlos ausgeschlossen, die ubiqitär beschworenen Quer- und Andersdenkenden soll es nicht geben, sie könnten ja der Demokratie gefährlich werden.

Kaum eine institutionelle Wortmeldung, von den Kirchen bis zum Anglerverein, die es an zivilgesellschaftlicher Couragiertheit fehlen lässt, der Radikalisierungsbereitsschaft in ihren zartesten Anfängen eine Absage erteilt… Auf Prävention getrimmt, schwingt in  Verlautbarungen naturgemäß auch ein unausgesprochener Verdacht gegen jedes auf Wurzel bedachte Außenseitertum mit, das sich nicht schert um die Folgen der Folgen, ein Verdacht also gegen das Abseitsstehen überhaupt. … Aus der Öffentlichkeit ist ein klinischer Raum geworden, ein Areal mit Putzfimmel …

Das ist der Befund, noch ohne Nennung von Namen, so allgemein wie gültig. Jetzt kommt die Diagnose. Und die steht nicht in der faz, leider zu „ekelhaft“ , leider „von der populistischen Pest infiziert“.

 

Durch die Kombination von Zerknirschung und Gutherzigkeit kann ein neuer, entpolitisierter Typus geschmiedet werden. Die neue Staatsreligion herrscht praktisch unangefochten. Ihre Anhänger und Verkündiger finden sich in praktisch allen politischen Lagern, von der mittleren Rechten über die mittlere Linke bis zum antifaschistischen Terrorismus.

Sieferle gibt den Namen. Der „Auschwitz-Mythos“ ist die „neue Staatsreligion“ – und genau diese erzeugt den klinisch sterilen Befund, den Geyer beklagt. Abseitsstehen unterliegt einem Generalverdacht, Radikalisierung ist  d e s w e g e n  eine latente Dauerbedrohung der „liberalen Demokratie“, weil sie „rechts“ sein oder werden könnte.

Und rechts meint in Deutschland gegenwärtig so viel wie rechtspopulistisch, also rechtsradikal, also rechtsextrem, also Nazi, das sind die Gleichsetzungsdelirien in der deutschen Öffentlichkeit.

Sieferle? Nein, Rüdiger Safranski .

Christian Geyers Artikel  mündet in einem Lob  auf Rüdigers Safranskis Plädoyer für mehr Anarchie und Selbstradikalisierung. Ungeniert  romantisierend verteidige Safranski  „die Revolution als „seelisches Großereignis“ … gegen die politische Gesinnungshermetik“. Safranski ist großartig, Sieferle die Pest.

Wenn Prävention gegen Radikalisierung zum alleinigen Maßstab wird, ist die Wurzel unserer liberalen Demokratie bedroht!

Um aber sicherzugehen, daß Andersdenken nicht zum Falschdenken entarten könnte, daß nämlich womöglich „der Bürger das bisschen  Aufruhr, das er im Kopf hat, von der Wurzel her lebt„, rahmt Geyer den Artikel mit starken Präventivmaßnahmen gegen die „Pest des Rechtsradikalismus„. Und vollführt damit in einem Selbstwiderspruch das, wovor er warnt. Radikalität wird seicht.

Wie schaut’s aus, Herr Geyer? Hat sich da ihr romantischer Held der Radikalisierung „von der populistischen Pest infizieren und töten lassen„?

Safranski:

Woher dieser normative Druck? Ist es ihre Aufgabe, uns Leser zu informieren und aufzuklären, oder ist es ihre Aufgabe, uns zu bekehren und zu belehren?

Sieferle:

In dieser normomorphen Welt (…) Die Welt will geheilt und belehrt werden, sie verlangt nach Rezepten und Wegweisungen. Das Beste, was man ihr aber bieten kann, ist eine harte und klare Beschreibung ihrer Oberfläche.

Safranski:

Konservative Positionen sind in Deutschland gegenwärtig fast undenkbar. Es gibt eine flächendeckende Sozialdemokratisierung.

Sieferle:

Ein zentrales Merkmal der Deutschen ist ihr fundamentaler Sozialdemokratismus, der sich über das gesamte politische Spektrum erstreckt.

Lang lebe die Pest!

Nur durch gute und gründliche Infektion bleibt der „Lebenshunger“ erhalten. Ich nehme an, das weiß auch Safranski und hat vom Pestvirus genippt. Die Immunisierungsanstrengungen muß er selber unternehmen, oder mit Sieferle als „Neutraler in einer normomorphen Welt zum Außenseiter werden.