Abstrakter Rat an Kinder

Menschen gar nicht zu erwähnen / Denn bei ihnen geht’s viel tiefer.

 

In der online-Ausgabe der faz erklärt Dietmar Dath Kindern Erdogans Präsidialsystem. Er verwechselt dabei Abstraktion und „einfache Sprache“ mit alterstypischem Denken, das höchst konkret ist.

Meinem elfjährigen Sohn habe ich das da einmal probehalber vorgelesen:

Wenn du was machen oder lassen kannst, musst du dich entscheiden. Wenn du zu einer Gruppe gehörst, die was machen oder lassen kann, muss die Gruppe sich entscheiden. Weil eine Gruppe aus verschiedenen Leuten besteht, die nicht alle dasselbe wollen, braucht so eine Gruppe für Entscheidungen länger als eine Einzelperson. Wenn einige in der Gruppe anderen nicht trauen, können sie zusammen eine Einzelperson wählen, die entscheidet, wenn die Gruppe als Ganze unentschieden ist. Auch auf diese Person muss sich die Gruppe aber erst mal einigen.

Das Kind verstand jedes Wort, wußte aber nicht, worauf der Autor dieser Zeilen hinauswollte und was der Text soll. Seltsam, sich Kindern ausgerechnet auf dem Wege der größtmöglichen Abstraktion nähern zu wollen, als hätten sie keine Assoziationen, keine Geschichten, keine unverstandenen aber irgendwo abgelagerten Nachrichtenfetzen, keine Wertungen, Märchen, Familienlegenden, Kiezspielplätze, Freundeskreise und YouTube-Videos (alles in allem: kantische „Anschauungen“), sondern hätten allein leere „Begriffe“. Kant hatte in der Kritik der reinen Vernunft“ zusammengefaßt:

Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen).

Das Kind begann sofort, sich Diethmar Daths Abstraktionen sinnlich zu machen. „Ich finde, das ist doch viel besser bei den Griechen gewesen, so wie ich das gelernt habe. Also Demokratie halt. Die Leute mit besseren Ideen wurden gewählt, die mit den schlechteren Ideen außer Landes geschickt, ich mein‘, würd‘ man heutzutage wohl nicht mehr so machen, aber Demokratie hat halt so funktioniert, als es sie damals gab in Athen.“

Der Adressatenkreis dieses Textes, vermutlich in vorgelesener Form, ist neun- bis zwölfjährig, erblich bedingte Intelligenz von faz-Leser-Nachkommenschaft ließe sich auch voraussetzen, außerdem irgendein Interesse an Politik. Gute Voraussetzungen eigentlich. Die darf man doch nicht kaputtabstrahieren, sondern man muß sie mit sinnlicher Anschauung füttern!

Dath kommt vor lauter Abstraktion in völlig vom Thema abführende Seitenzweige des anthropologischen Grundlagenalgorithmus:

Denn Menschen haben kein Fell und halten schlimmes Wetter schlecht aus, Menschen sind langsamer und schwächer als viele Tiere, die uns fressen können und wollen, außerdem sind Menschen auch langsamer und schwächer als viele Tiere, die wir essen können und wollen, und wenn Menschen lieber keine Tiere essen sondern irgendwas, das wächst, fressen das die stärkeren und schnelleren Tiere den Menschen leicht weg.

Vegetarier unter den Urmenschen hatten’s irgendwie schwer, aber was hat das alles mit Erdogan zu tun? Der Abstraktionskulminationspunkt ist erreicht, wenn der Autor schreibt

Vor zweihundert Jahren waren viele kluge Leute überzeugt, dass es irgendwann überhaupt keine Mächtigen mehr geben würde und alle immer alles zusammen entscheiden würden, dass also die ganze Macht irgendwann bei den Regeln liegt und nicht mehr bei einzelnen Leuten.

Okay, das kennen die Kinder: das ganze Leben ist eine Herrschaft der „Regeln“, vom Unterricht bis zur Nachmittagsbetreuung bis zur Familienkonferenz. Die ganze Macht liegt bei den Regeln, nicht mehr bei den Menschen.

Und jetzt kommt da einer und will das nicht mehr? Nicht, daß unsere Bürgerkinder plötzlich Geschmack an Erdogans Autokratie finden, des pädagogischen Mantras „Wir hatten uns doch alle zusammen auf unsere Regeln geeinigt“ überdrüssig?

Soweit kommt es nicht, Gottlob, denn am Ende des Aufklärungsvorlesetextes wird Dath konkret, indem er ganz einfach – wertet. Alle Abstraktion dient nur dem Zwecke, das „Schlimmste“, nämlich „die falsche Entscheidung“ abzuwehren.

Das können sie jetzt entscheiden, aber wenn sie die falsche Entscheidung treffen, können sie in Zukunft viel weniger entscheiden. (…) Das ist das Schlimmste an ihnen.

Wäre es nicht viel besser gewesen, er wäre beim Konkreten geblieben und hätte sich den Umweg über Anthropologie und Gruppensoziologie gespart, und die Kinder gewarnt:

„Paßt auf, in der Türkei will einer als islamischer Sultan alleine herrschen, und will, daß das Volk ihm die Erlaubnis dazu gibt.  Islamische Alleinherrscher sind gefährlich, das türkische Volk darf das nicht erlauben, wenn es ein selbstbestimmtes Volk sein will!“

Vor lauter Furcht, Kinder zu indoktrinieren mit wertenden Begriffen entschwebt man in der politischen Didaktik seit langem schon in Allgemeinplätze, anschauungslose Abstraktion und „leichte Sprache“ für geistig Minderbemittelte, „logo“ läßt grüßen.

Um wievieles einprägsamer liest sich doch Ringelnatzens „Ernster Rat an Kinder“ von 1931:

Wo man hobelt, fallen Späne.
Leichen schwimmen in der Seine.
An dem Unterleib der Kähne
Sammelt sich ein zäher Dreck.

An die Strähnen von den Mähnen
Von den Löwen und Hyänen
Klammert sich viel Ungeziefer.
Im Gefieder von den Hähnen
Nisten Läuse; auch bei Schwänen.

(Menschen gar nicht zu erwähnen,
Denn bei ihnen geht’s viel tiefer.)

Nicht umsonst gibt’s Quarantäne.

Allen graust es, wenn ich gähne.

Ewig rein bleibt nur die Träne

Und das Wasser der Fontäne.

Kinder, putzt euch eure Zähne!!

Und das jetzt bitte als Anti-Erdogan-Gedicht – Böhmermann, übernehmen Sie!

 

 

 

 

 

 

 

Kriecher

Die weltweiten Reaktionen auf Trumps Angriff auf Syrien bringen unterschiedliche Sorten von Kriechern zutage.

1.) Linke Kriecher. Die globale Linke ergeht sich in Erleicherung, Begeisterung, Ranschmeißerei und Abfeiern der kriegerischen Intervention. Und sowas will pazifistisch und humanitär sein! Die Kriecherei besteht darin, seit Beginn der trumpschen Wahlkampagne unentwegt an die Wand gemalt zu haben, wie gefährlich der Kandidat doch wäre, er brächte gewiß Faschismus und Krieg. Kaum agiert er eindeutig und unmißverständlich militärisch, freuen sie sich, daß er genauso ist, wie sie ihn nie haben wollten.

2.) Republikanische Kriecher. Das sind die alten Neocons, die endlich wieder ihr „Achse-des-Bösen“-Narrativ an den Mann bringen dürfen und Trumps plakatierten Nichtinterventionismus freudestrahlend Lügen strafen. Die Kriecherei besteht darin, daß sie sich der Opposition anbequemen, man findet Mc Cain neuerdings auf der Seite von Hillary Clinton und ihrer gesamten linken Gefolgschaft.

3.) AltRight-Kriecher. Wer sind hier die Kriecher? Nachdem Sorte 1.) und 2.) leicht zu bestimmen sind, ist es im Lager der Trumpunterstützer komplizierter.

One white pill to come from this is the near uniform opposition on the true Right. Few Trump supporters are sycophants. (American Renaissance)

a.) Hier trennt sich die „wahre AltRight“ von spärlich zu findenden „Kriechern“, die ihm trotz dieses Vertrauensbruchs weiterhin huldigen. Die „white pill“ meint eine moralische Hoffnung auf die eigene Aufrichtigkeit – aufrechte Rechte halten jetzt gegen Trump, auch wenn sie ihn früher noch so sehr unterstützt haben, wie beispielsweise Richard Spencer. Ihr Argument ist einfach, aber wirkungsvoll: wir haben diesen Präsidenten gewählt, weil er genau dies nicht tun würde, was er jetzt getan hat.

b.) Diejenigen wenigen, die weiterhin zu Trump halten wollen, fühlen sich ihrerseits verraten von der AltRight.

Eine junge Dame schreibt unter einen Tweet von Stefan Molyneux

Trump supporters have no media now.

Die Mainstreammedien sind nämlich ungebrochen gegen Trump und fühlen sich jetzt bloß bestätigt (was teilweise im Widerspruch zu 1. steht), die alternativen Medien reagieren jetzt ebenfalls kritisch bis bitter enttäuscht und brechen teilweise offen mit Trump. Wer jetzt noch zu Trump hält, hat keine Repräsentation mehr. Zu Trump zu halten bedeutet keineswegs, seine Attacke als notwendig legitimieren und rhetorisch begrüßen, wie es seine Sprecher tun. Dies zu tun ist eines kritischen medienkompetenten Beobachters nicht würdig, solche Kriecher kann’s gar nicht geben!

4.) Schwarzsehende Kriecher. Anders als die linke Erscheinungsform Nummer 1.), die sich heuchlerisch über den Anngriff freuen, und anders auch als die reuigen AltRighter vom Typ 3. a), gibt es konsequente Trumpkritiker, die schon immer vorausgesagt haben, daß sich die Unterstützer böse irren würden in ihren Hoffnungen auf Trump. Jetzt suhlen sie sich in Bestätigung. Dieses Verhalten, anscheinend aufrichtig und nicht kriecherisch, hat aber ebenfalls einen sykophantischen Nebeneffekt – die moralische Überheblichkeit der „black pilled“ gegenüber den hoffnungsvollen „white-pilled“ führt zu selbstgerechtem Nachtreten.

Gewiß spricht einiges für den Versuch, einen Menschen nach den durchgängisten Zügen seines Lebens zu beurteilen; angesichts der naturgegebenen Unbeständigkeit unserer Verhaltensweisen und Meinungen habe ich oft den Eindruck gewonnen, daß selbst die guten Schriftsteller irren, wenn sie sich in den Kopf setzen, ein festes und haltbares Ganzes aus uns zu weben: Sie greifen irgendeinen Grundzug einer Person heraus und ordnen und deuten danach all deren Handlungen; soweit sich diese aber nicht genügend zurechtbiegen lassen, werden sie als bloße Täuschungsversuche abgetan.

(Michel de Montaigne, Essais, 1588)

Wie ist es möglich, zu Trump zu halten, ohne sich kriecherisch zu verbiegen? Montaigne könnte eine kleine moralische Hilfe bieten: es handelt sich nicht um Täuschung und Enttäuschung, was hier gespielt wird, nicht um Entlarvung und Bestätigung.  Die „Unbeständigkeit“ ist bei Donald Trump das, was Montaigne als „une forme maitresse“ bezeichnet hat. Nehmen wir ihn als großen Strategen und spielen das Spiel der (Ent-)Täuschungen, des Verrats und Verratenwordenseins möglichst nicht mit. Ein erster Versuch in dieser Richtung ist einem Kommentator hier gelungen:

1.) Um es kurz zu sagen: wir kennen den Deal nicht. „Ihr gebt mir XY bei Obamacare, ich gebe euch YZ in Syrien.“ So oder so ähnlich läuft das, und nicht nur weil Trump Geschäftsmann ist. Alles in den USA läuft so, vom Strafprozeß nach dem Dienstahl eines Snickers über die Baugenehmigung bis hin zum Weltkrieg. Der Bakschisch ist in den USA zu einem so hohen Grade offizialisiert, daß jeder Inder vor Neid erblaßt (und jeder Preuße gar nichts mehr von den dortigen Abläufen versteht).

2.) So hart und zynisch das auch sein mag: er muß dem Kongreß, seiner eigenen Partei usw. immer wieder Placebos ins Maul schieben und zu deren Blendung Nebelkerzen zünden. Diesmal hat er Dynamit eingemischt, unter Inkaufnahme sehr hoher Kollateralschäden.

3.) Wie schnell er auch wieder zurückschwenken und alles Vorherige als taktische Luftnummer dastehen lassen kann, hat er schon mehrmals gezeigt, z. B. gegenüber Netanjahu. Mit Merkel spielt er ja auch abwechselnd das Good-Cop-Bad-Cop-Spiel in Personalunion mit sich selbst. Und wenn Sie sagen, „das funktioniert freilich nicht“ (auf Dauer), dann entgegne ich: doch, das funktioniert, er bedient damit bestens die Durchwurstel-Strategie, aus der die Gegenseite in all ihren Verstrickungen nicht mehr ausbrechen kann.

4.) Jetzt wird es noch zynischer (aber es ist nicht mein Zynismus): in den USA ist alles Show. Man muß wirklich zu den Axiomen vordringen und sich fragen, wie ernst man die jeweils nehmen kann. Bei Trump zieht sich ein roter Faden der Treue zu seinen Axiomen durch sein Wirken, auch wenn dieser Faden für oberflächliche Augen bis sonstwohin mäandert oder sich längst verlören hat. Diese Axiome sind in einer für die Meisten unvorstellbaren Tiefe und Epochalität verankert. Selbst die Wiederbelebung des intergalaktischen Imperativs, apollinischen Imperativs offenbart nur einen schwachen und schalen Abglanz dieser Tiefe (Höhe) und Epochalität.