10 Möglichkeiten, k e i n e n Hitlervergleich zu ziehen

Prediction: In 2017, Godwin’s Law will be invoked more than in every previous year combined. When everything’s Hitler, nothing’s Hitler.

(Jim Goad)

Hitlervergleiche haben an Dramatikpotential eingebüßt. Mit welchen rhetorischen Mitteln kann man das Potential wieder steigern? Der amerikanische Historiker Timothy Snyer hat da eine geniale Marketingidee: k e i n en  Hitlervergleich ziehen. Dafür gibt es einige probate Möglichkeiten.

1.Möglichkeit: Sich in Anspielungen ergehen. Ist kein Hitlervergleich! Denn den ziehen die wohlerzogenen Leser von ganz alleine.

Ich habe meinen Artikel auf „Slate“ in einer ganz bestimmten Weise geschrieben. Ich habe keinen dieser beiden Namen verwendet. Ich habe auch kein spezifisches Detail von Nazideutschland erwähnt

 

2. Möglichkeit: Projektion. Heute Besorgniserregendes muß bei Hitler genauso gewesen sein, sonst wäre er ja kein Grund zu immerwährender großer Besorgnis.

… tiefere Übereinstimmungen, die uns besorgt machen sollten: etwa die Überzeugung eines Anführers, dass die Wahrheit völlig irrelevant ist, dass das, was man redet, nur von den Gefühlen, nicht von den Fakten bestimmt sein sollte.

 

3. Möglichkeit: „He-who-must-not-be-Named„-Spiel. Nicht nur Hitler nicht erwähnen, sondern überhaupt nichts mehr erwähnen. Steigerung von Möglichkeit 1., im Ungewissen findet man das gesuchte „Gewisse“ am sichersten.

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Sie reimt sich nicht einmal. Aber die Geschichtswissenschaft zeigt uns, wie gewisse Dinge zusammenhängen. Sie weist uns auf gewisse Muster hin. Und Trump steht für gewisse Eigenschaften, die in der Geschichte mit anderen Dingen zusammenhängen, die uns nicht gefallen können.

 

4. Möglichkeit: Ihr habt angefangen! Mein Hitlervergleich ist gar kein echter, weil die Rechten ihn bloß provoziert haben.

Wir können über vieles diskutieren, aber ich finde, es ist ein bisschen wahnsinnig, nicht an die Nazizeit zu denken, wenn just die Leute das tun, die gerade an der Macht sind.

 

5. Möglichkeit: Reim-dir-oder-ich-freß-dir. Irgendwelche, nicht einmal stimmige, Parallelen ersparen mir – uff, Glück gehabt – den Hitlervergleich.

Die Welt: Berlin war in den Dreißigerjahren linksliberal, schwulenfreundlich – aber ethnisch nicht dermaßen gemischt wie die amerikanischen Städte. Es war mehrheitlich weiß. Snyder: Es gab ziemlich viele Polen dort. Und Berlin gehörte zusammen mit Hamburg zu den Städten mit einer großen jüdischen Bevölkerung. Gewiss, es ging nicht ganz so mannigfaltig wie in Amerika.

 

6. Möglichkeit: What would Hitler do?  x wird passieren, Hitler hätte darauf wohl mit z reagiert, also reagiert Trump auch mit z.

Ich halte einen großen Terroranschlag in den kommenden Jahren für sehr wahrscheinlich – unter dieser Regierung für wahrscheinlicher als unter den vorigen Regierungen –, und da die Leute um Trump über die Dreißigerjahre nachdenken, werden sie wohl auf diese Weise reagieren.

7. Möglichkeit: Ex negativo ist ja wohl kein Hitlervergleich! Wenn Trump über etwas nicht spricht, und Hitler auch nicht darüber gesprochen hat, sind die beiden vergleichbar. Ad infinitum ausreizbare Möglichkeit.

Er spricht nie über Demokratie. Er spricht über das „System“, und das ist bekanntlich das Wort, das die Nazis auf die Weimarer Republik anwandten.

 

Und weil diese Möglichkeiten genial, aber noch noch nicht genug an der Zahl sind, und Gerfried Sperl auch gar so gerne Hitlervergleiche ziehen würde, aber nimmer darf, setzt der STANDARD-Kommentator noch zwei eigene Möglichkeiten obendrauf:

8. Möglichkeit: Absichtlich danebenzielen. Immer nur knapp an Hitler vorbeischrammen.

In der religiös aufgeladenen Kampfpredigt kamen weder Demokratie noch Menschenrechte vor. Dem „Patriotismus“ huldigte sie, den es zu verteidigen gelte. Bis aufs Blut. Trump schrammte knapp an nationalsozialistischen Ideen vorbei.

9. Möglichkeit: Präzisionstrick. Statt Hitlervergleich nur Junger-Hitler-Vergleich, denn:

1932 sei Hitler noch nicht der gewesen, als den wir ihn verachten.

 

Noch eine 10. Möglichkeit: Ohne Worte. Und ohne tertium comparationis.Worin besteht hier der Vergleich? Jeder Redner gestikuliert und drückt das Gesagte auch mit dem Gesicht aus.

einst die Karriere beendendes Sakrileg, heute PC: Hitlervergleich

Seidwalk kommentiert: einst die Karriere beendendes Sakrileg, heute pc: Hitlervergleich in der „Huff„.

Interruptus II

Es ist dieser gebremste Charme des cucks, den ich  in einem früheren fauxelleInterruptus“ genannt hab, u.a. auch schon da an demselben Autor festgemacht. Er erkennt und formuliert punktgenau Wahrheiten, um ihren Konsequenzen dann mainstreamanbiedernd auszuweichen.

Johannes Röser, Chefredakteur der katholischen Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“, sieht, daß Haß anthropologisch nicht zu verleugnen ist. Er konstatiert, daß es „in der Phänomenologie des Hasses (…)  keine gezähmten Nischen (gibt). Nicht einmal die des Glaubens“. Folgerichtig landet er bei deutlicher Selbstkritik am kirchlichen Haßtabu:

Wer aber darf heute noch an einen strafenden Gerichtsgott erinnern, ohne dass ihm in theologisch-politischer Korrektheit ein gefühlsmäßig nur noch softer und gegenüber dem Hass der Welt belangloser Gott entgegengehalten wird? Alle sollen nur schön lieb, brav, pflegeleicht, gutnachbarlich sein. Wenn aber die Wirklichkeit nicht so ist?

Wie kommt Röser zu dieser neuen Wirklichkeit, wie gerät er ins neue Paradigma? Diese Art der Wirklichkeitserkenntnis schaut ganz danach aus, daß sie viel mehr ist als die normale softe christliche Besinnung auf „ein paar Dinge, die nicht so gut gelaufen sind in dieser Woche“, eine Formel, die ich erstmal dechiffrieren mußte nach dem Gottesdienst – Himmel, der Priester meinte Sünden!

Rösers Erkenntnis scheint nicht kognitiv motiviert zu sein, also aus anthropologischer und historischer Lektüreerfahrung gewonnen – die macht er zwar auch, Ute Frevert erklärt ihm die Geschichte des Hasses, Psychologen können  weiterhelfen zum Thema Unterdrückung und Kuschelpädagogik, und Sibylle Lewitscharoff will den „Tiger der Religion“ nun mal einfach nicht zähmen. Doch Röser treibt ein wesentlicheres Primärmotiv um, auf das sich die Lesebestätigungen nur drauflegen. Schon in einem früheren Leitartikel seiner Zeitschrift (vgl. Interruptus I) tritt dieses Motiv auf: Röser kann einfach nicht leugnen, welcher Affekt ihn packt angesichts des islamistischen Terrors:

Dürfen wir Wut, Ekel, auch Hass nicht mehr empfinden – oder allenfalls abgeschirmt im stillen Kämmerlein „ausleben“? Nichts Böses denken, immer schön lieb, nett, anständig, sauber sein? Und müssen wir nach jedem Mord extremistischer Muslime eigentlich immer gleich dazusagen, dass die vielen anderen Muslime selbstverständlich keine Mörder sind?

„Massenmörder am Tor zur Hölle?“ Warum dürfen wir so etwas nicht über die Dschihadisten sagen, zum Beispiel über Anis Amri, der in Berlin so viele Menschen umbrachte und dann nach einem langen Fluchtweg in Mailand erschossen wurde? Er kommt in den Himmel, in den Paradiesgarten Dschanna? Nein, sprechen wir doch ohne falsche Scheu aus, was wir als Gläubige ehrlich meinen: Er kommt in die Hölle Dschahannam. Wir machen aus unserem Herzen keine Mördergrube. Diesen Hass dürfen wir empfinden und ohne schlechtes Gewissen redlich offenbaren, um unser Gefühl zu reinigen – und alles andere Gott zu überlassen.

Gut, daß wir dieses Gefühl empfinden „dürfen“. Wer ist eigentlich die Überichinstanz hier? Gott eben nicht, er wird im Leitartikel theologisch sehr schön als alttestamentarischer zorniger Gott, der durch NT-Interpretationen des 19. Jahrhunderts weichgeklopft und exkommuniziert worden ist, beschrieben. Die Überichinstanz ist die, vor der der cuck den Schwanz einzieht, seinen Affekt nicht bis zuende ausagiert. Sie ist eben jene Korrektheit, die er zuerst so erregt und klarsichtig angreift.

Den Haß muß Röser dann doch, der Gesinnung wohl der meisten seiner Leser Vorschub leistend, den „Fremdenhassern“ in ihrer Geistesverwandtschaft zu „Dschihadisten-Konvertiten“ brav leggewiesierend zuschreiben. Wäre er konsequent und mehr trieb- als überichgesteuert, sähe er, daß „die Fremdenhasser“ im Kern schlicht und ergriffen denselben Haß haben wie er selbst.

Am Schluß muß er seine Inkonsequenz in linke Paradoxalisierungen einwickeln, André Glucksmann liefert ihm postmodernes derailing:

Die anständigen Menschen, die aufrichtigen Geistlichen und illusionslosen Realisten kennen ihre Grenzen. Sie brauchen den Hass nicht zu hassen, um sich seinem tödlichen Wahn zu widersetzen und über seine Lächerlichkeit zu lachen.

Statt zum Haß zu stehen, wendet Glucksmann gleich drei Selbstkastrationsmethoden in einem Satz auf sich an: 1. Selbstdistanzierung, ich kenne ja meine Grenzen, 2. ehrabschneidende Selbstanwendungsparadoxie, Krieg dem Kriege, Haß dem Haß funktionieren ja niemals, 3. Selbstironie, im Grunde ist mein Haß doch lächerlich.

Ist er nicht, man muß sich bloß trauen, ihn zuende zu denken.

 

 

Kantenschere zu korrekt angesetzt?

Martin Sellner hat in seinem neuesten Beitrag auf sezession argumentiert, daß jede radikale politische Bewegung, so auch die Identitäre, an einem gewissen Punkt ihrer Entwicklung mit den politischen Realien zusammenstößt, und heißt es dann: die Kantenschere wird angesetzt, und was nicht realitätstauglich ist, fällt ab.

Diese Opfer passieren notgedrungen, ganz oft entlang der Grenze „Fundis/Realos“ – dies meist innerhalb der Bewegung, in politischer Bedrängnis (Verfassunggschutzbeobachtung, Repression, Berufsverbote, Radikalenerlasse) allerdings entlang der Grenze „assimiliert/radikal“, dies meist von außen induziert. Um diese Assimilation geht es. Wer sie nicht schafft, ist sowas von schnell draußen, und zwar richtig draußen. Nicht bloß Opposition, Mindermeinung, Kleinstpartei, „Narrensaum“ (Sellner), sondern das Rückgrat ist durchschnitten. Ob man diesem extern auf die Bewegung eintreffenden Schnitt selber einen eigenen vorauseilend entgegensetzen könne, ist Sellners Frage, die er mit „Ja“ beantwortet. Der Schnitt müsse zwischen der Bewegung und der „Alten Rechten“ passieren.

Die Entgegnungen, diese „Alte Rechte“ gäbe es ja überhaupt nimmer wirklich, nur in den Köpfen linker Medienleute (der obligate Skinhead, wahlweise sein Springerstiefel, ziert fast jeden Artikel zum Thema „rechts“) , oder aber dieser Schnitt sei sowieso selbstverständlich, keiner von uns wäre ja „Nazi“, greifen zu kurz.

Alain de Benoist ist zu lieb. Das mag merkwürdig klingen gegenüber einem rechten Vordenker der französischen „génération identitaire“, aber es ist wirklich so: in seinem Manifest „Aufstand der Kulturen“ (1999) profiliert er eine Position, die dezidiert

  • gegen Nationalismus
  • gegen Partikularismus
  • gegen Rassismus
  • gegen Gewalt
  • gegen Sexismus
  • gegen den Etatismus

gerichtet ist. Diese Position ist weitenteils auch die der führenden IB-Theoretiker geworden. Ende der 90er Jahre war es wohl nötig, die Rechte gegen die ständigen Vorwürfe der aufgezählten „Ismen“ in Schutz zu nehmen, und sie endlich einmal postiv zu begründen, und zwar so positiv, daß sie an den (damals postmodernen) intellektuellen Mainstream anschlußfähig sein konnte.

Je mehr die IB die Chance hat, öffentlich aufzutreten und Präsenz zu zeigen, desto öfter will man auch hören, was die „Neuen Rechten“ dort denn wirklich denken. Dugin kommt nicht so gut, Heidegger versteht keiner, also Benoist.

Im KURIER droht man der Identitären Bewegung mit neuen Gesetzen, die „Herrschaften am Radar zu haben“, der Innenminister erklärt sie zu „klassischen Rechtsextremen, da passt Rechtspopulismus nicht“. Julian Utz von der IBÖ zitiert in einem furchtbar verkürzten und fehlerhaft wiedergegebenen Interview (statt „Remigration“ exakt „Reintegration“ zu schreiben, muß Journalist erstmal schaffen!) eine ältere halbironische Formulierung von Sellner, wenn er erklärt, die IB sei ein „politisches Greenpeace“, er meint’s aber ernst. „Wir wollen mit Rechtsextremen nichts zu tun habe“ und „für die Rechten sind wir zu wenig radikal“,ergänzt er. Das genau ist die selbstangesetzte Kantenschere.

Ich fürchte, daß genau diese Distanzierungsbewegung zweierlei hervorruft: nach außen hin Unglaubwürdigkeit und nach innen hin Verspießerung.

Unglaubwürdig wird eine genuin rechte Bewegung, wenn sie sich mit „Garantiert 0% Rassismus, echt!“ anpreist, und unentwegt betont, daß sie zentrale rechte Fragestellungen überhaupt nimmer nötig hätte. Eigentlich lehnt die IB alles ab, was auch der kulturmarxistische Mainstream ablehnt, und das sollte sie nachdenklich stimmen. Natürlich kommt es rhetorisch nicht so smooth rüber, um nicht zu sagen patschert, wenn sie sich im Gegenteil trotzig zu Nationalismus, Sexismus und Rassismus bekennen würde. „Ich bin Sexist und das ist gut so!“ taugt als semisarkastisches Meme, aber nicht als politische Leitbildformulierung für eine glatt anschlußfähige Quasi-Parteijugend. Und es stellt sich auch keiner hin und reklamiert „Für Gewalt! Für Haß! Für Bürgerkrieg!“. Schon klar.

Nur: gerade die nettesten Jungs ziehen den Verdacht auf sich, irgendwo da tief drinnen etwas zu verbergen. Dann kommt nämlich genau das, was die IBster abwenden wollen: der Mimikryverdacht, unter der glatten Fassade lauere der alte rechte Gewaltverbrecher. Diesen dann wieder durch potenziertes Liebsein abwehren zu wollen, erzeugt das Gegenteil des Geplanten. Noch mehr des Guten – huh, wie dialektisch! – ist irgendwann mehr Böses.

Just diese Themen sind die Substanz des Kampfs um Identität, sind der Stoff, aus dem die kanonischen Bezugstexte auch der IB bestehen, sind entweder die wirklichen Träume und trotzig dem Liberalismus und Globalismus entgegenzuschleudernden Ideen, oder mindestens die quälenden, tiefsitzenden Verstörungen, an denen alle Rechten herumlaborieren. Verspießerung ist, wenn man zu nett wird zum Kämpfen. Aufrichtigkeit auch gegenüber den öffentlich ständig bis zum Überdruß auf einen eindreschenden Vorwürfen ist ein gutes Mittel gegen Verspießerung. Es ist – Kubitschek macht’s ständig vor – möglich, ohne politikerrhetorische Phrasen zu kloppen und ohne begriffsklauberisch abzuschweifen, die Vorwürfe zu parieren (gern auch: zu unterlaufen, abzubiegen, anrennen zu lassen, zu hinterfragen) und dabei zu den genuin rechten Positionen zu stehen.

Ehrlich jetzt mal – was sind denn Rechte ohne das gewisse für den Geschmack nötige Maß von Nationalismus,  Partikularismus, Rassismus, Gewalt(phantasien und -realismus), Sexismus und einer starken Staatsidee? Ein ganz fades Fastfoodfutter. Kantenschere bitte nicht zu korrekt ansetzen, sonst passieren womöglich ungewollte und erlahmende Unglaubwürdigkeit und Vorausgehorsam.

Paradoxerweise  g e r a d e  we i l  die Gesinnungsdikatur um uns engere Maschen flicht in diesem Neuen Jahr.