Wir sind zu blöd

Wir sind einfach zu blöd, genauer gesagt, blöde Arschlecker. Immer muß ich die häßlichen Wörter den Autoren zuordnen, die sie verwenden, denn um selber einen Text mit „blöden Arschleckern“  zu beginnen, fehlt mir irgendetwas, womöglich Anstand.

Der Autor dieser Ausdrücke, Thomas Fischer, ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt auf ZEIT online einen Text, der denkende Leser nicht mehr ratlos, sondern haßerfüllt oder verzweifelt zurückläßt.

Wir (das ist das dumme Volk, das sich nun seit Tagen Gedanken macht über die Berichterstattung zum Mordfall in Freiburg) sind zu blöd. Unsere Gedanken sind

… ausschließlich und ganz allein der Tatsache geschuldet, dass der Beschuldigte Mitglied einer Minderheit ist, deren Aufenthalt in unserem Land auf Angst, Wut, Hass und Ablehnung stößt. Ich teile diese irrationalen, von kenntnisfreier Angst beflügelten Emotionen nicht. Ich finde sie widerlich. Ich bin nicht verantwortlich für das Wohlbefinden und den Quotencheck des Pöbels, sondern für das kleine bisschen Wahrhaftigkeit, das dieses Medium vermitteln kann. Und aus diesem Grunde sage ich Ihnen, liebe empörte Volksgenossen: Lecken Sie mich am Arsch.

Bevor ich dies tue, was mir schon angesichts der Vorderseite des Richters eine sehr widerliche Vostellung ist, möchte ich ein paar Denkfehler in Fischers 11 Punkten, warum nicht sein kann, was nicht sein darf, herauspräparieren. Diese Denkfehler sind ihm nicht passiert, sondern rabulistische Absicht, deshalb gehören sie gegenbeobachtet:

Alle Punkte gehen davon aus, daß das Volk zu blöd ist. Zum Teil sind sie in sich widersprüchlich, zum Teil untereinander. Es herrscht hier eine juristische Eristik (die Kunst, recht zu behalten), die ihren Berufskodex weit hinter sich läßt. Juristen sind Rechtsverdreher, das ist ihr gutes Recht. So funktioniert das Rechtssystem, daß noch der abartigste Verbrecher einen Verteidiger finden muß, der auf Freispruch plädiert. Der Berufskodex beinhaltet aber, daß der Verteidiger auf korrektes Argumentieren angewiesen bleibt, und Psychospielchen, Gehirnwäsche und Beschimpfungen zu unterlassen hat.

Fischer argumentiert folgendermaßen. 11 Punkte, warum wir zu blöd sind:

1.) Wir sind zu blöd, uns zu erinnern. Psychotechnik, mit der man den Gegner auffordert, sich stante pede exakt zu erinnern, vermag er’s nicht, ist bewiesen, daß er im Unrecht ist. Um recht zu behalten, müßten wir aus der Erinnerung aufschreiben können, wann im letzten Jahr Straftaten durch Deutsche an Migrantinnen passiert seien. Na? Und? Nichts erinnerlich? Nichts parat? Na seh’n Sie!

Ob es diese Taten gab, ist irrelevant, seine Falle klappt sowieso zu: nur wenn man ihm Punkt für Punkt gegenrechnen kann, daß es die umgekehrte Relation (Deutscher vergewaltigt/tötet Migrantin) so und so oft gibt, bekommt man recht, da man das aber entweder deshalb nicht kann, weil es diese Taten nicht gibt, oder deshalb, weil niemand von den Taten berichtet hat, kann man niemals recht bekommen

2.) Wir sind zu blöd zu verstehen, daß Massenmedien nicht so funktionieren wie das Rechtssystem, was Fischer gern so hätte, das ist aber s e i n  normativistischer Fehlschluß. Im Rechtssystem ist eine Tatsache dann relevant, wenn sie die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht befördert. Im Massenmediensystem verhält sich das geringfügig anders: relevant ist, was neu ist. Also muß berichtet werden, was einerseits anschlußfähig ist an vorherige Neuigkeiten (und da gab es zum Thema Flüchtlingskriminalität schon einige heuer), und andererseits eben aktuell einen Unterschied macht: am Tag vor der Tat war noch nichts dergleichen passiert. Das Volk hat da eine Differenz verstanden, und fordert die Massenmedien auf, ihren Code zu verwenden. Was diese ohnehin tun. Was der Jurist aber scheinbar nicht sieht aus seinem System heraus. Dummerweise ist Thomas Fischer auch Mediennutzer, darauf kann er sich nicht rausreden, daß er „alt/neu“ bzw. „informativ/nichtinformativ“ verachtet – sein Beitrag ist heute ganz neu auf ZEIT Online gestanden.

3.) Wir sind zu blöd, um das Niveau von Computern zu erreichen. Computer operieren bis dato nur syntaktisch, nicht semantisch. Wörter können perfekt in Sätze eingebaut werden, aber was die Bedeutung betrifft, schaffen Computer nicht, die gesamte Bedeutung (Semantik) eines Wortes abzubilden. Fischer suggeriert, daß das Substantiv „ein Afghane“ genauso funktioniert wie „ein Deutscher“. Ja sicher, als Satzfunktion natürlich, „A ist Afghane“ ist syntaktisch deckungsgleich mit „A ist Deutscher“, aber als semantische Funktionsvatiable verweist „Afghane“ auf ungeheuer viel, und zwar ganz anderes als das Satzobjekt „Deutscher“. Der Richter unterstellt den Lesern, daß sie die Intelligenz von Computern hätten, und für sie „Deutscher“ und „Afghane“ doch eigentlich austauschbare Satzstückchen seien und die Suggestivfrage: „Was ist denn das Afghanische an einem Afghanen?“ folglich nicht beantworten könnten oder können sollten.

4.) Nicht bloß wir, sondern die Autoren beim CICERO und der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft sind zu blöd dazu, die richtigen Regalmeter juristische Fachliteratur gelesen zu haben, um überhaupt ein kundiges Urteil darüber zu sprechen. Sich selbst als einzigen Experten zu stilisieren, setzt alle anderen indes nicht ins Unrecht. Ein  argumentum ex auctoritate war noch nie gültig.

5.) Ganz feiner  Fehlschluß: Fälle, von denen in der Tagesschau  n i  c h t  berichtet wird, sind Legion, deshalb muß sie auch über diesen einen nicht berichten. Folgt der Logik: A ist nicht B, also müssen auch auch C, D, E usw. nicht B sein. Die Frage zu stellen, ob dieser Mord ein „Mord wie jeder andere“ sei, versucht Fischer zuerst billig zu kontern, indem er die widerlichen Details anderer Morde beschreibe, und dann sagt, A ist nicht B. No na net! Um danach mit dem scheinbar schlaueren Argument zu kommen, man dürfe doch wohl auch über diesen Mord nicht berichten, wenn man über andere nicht berichtet. Ach übrigens, den Mord muß es wohl gegeben haben, sonst ist sein ganzes Argument (6.) hinfällig.

6.) Nummer 6 ähnelt Nummer 1. Wahrheit gibt’s nicht, außer jemand sei aus der Innenperspektive des Subjekts unverzüglich imstande, „die Wahrheit“ zu beschreiben oder zu exemplifizieren oder zu beweisen. Daß es um diesen Wahrheitsbegriff („subjektives Wahrheitsbewußtsein“) in keinem einzigen Beitrag zur riesigen öffentlichen Debatte um Wahrheit, Lügenpresse, Manipulation und „fake news“ gegangen ist, zeigt Fischers Kategorienfehler: wir wären schön blöd, uns darauf einzulassen, denn subjektive „Wahrheit“ ist kategorial unbeweisbar. Daß er dann fordert, man müsse endlich die Ebene des Wahrheitsdiskurses offenlegen, von der aus man spräche, ehrt ihn, er unterbietet diese Forderung selber aber gewaltig, sei es aus Berechnung oder aus Blödigkeit.

7.) Allein die F r a g e  zu stellen, welche Sexualdelikte von diesen oder jenen Personengruppen verübt wurden, ist nur statthaft, wenn man für alle anderen Personengruppen angeben kann, wie’s da ausschaut. Wir sind so blöd, uns über den Mord nach Vergewaltigung eines Afghanen an einer Deutschen „aufzuregen“ (Fischer), ohne sofort zu relativieren, wie das bei anderen Tätergruppen ist. Das Relativierungsargument ist genauso ungültig, setzt es doch rein metaphorisch so etwas wie eine Balkenwaage voraus, die nicht aus dem Gleichgewicht kommen darf. Ausländertaten dürfen Fischer zufolge nur erwähnt, beschrieben, erfragt, befürchtet, verachtet usw. werden, wenn es genau die gleiche Zahl oder Schwere oder – ja was eigentlich noch? – von Inländertäten gibt. Daß es beide Arten überhaupt  „gibt“, hat er allerdings mit Argument (6.) schon unmöglich gemacht.

8.) Die Leute sind zu blöd, weil sie diese Tat für relevant halten. Der Generalverdacht gegen alle Medienkonsumenten, sich auf Medien zu berufen,schaut so aus, daß Fischer dekretiert

nicht den geringsten Sinn macht es hingegen, dass ein unübersehbarer Haufen selbsternannter Experten sowie das „postende“ deutsche Volk – notorisch sachverständig in jeglicher Frage vom Elfmeter bis zur Weltwirtschaftskrise, von der Bankenrettung bis zur „Ein-China-Politik“ – darüber räsoniert, welche Schlussfolgerungen weltpolitischer Art aus diesem Ereignis zu ziehen sind.

Das Volk von des Richters Gnaden nähme weise davon Abstand, sich zu informieren und darüber zu plaudern und sich zu verbreiten, und hörte besser nur ihm zu. Was ist das – Herrschsucht oder Nichtangekommensein in der funktional ausdifferenzierten Moderne?

9.) Das blöde Volk soll Thomas Fischer doch am Arsch lecken. Ende der Argumentation. Grund: petitio principii – das Volk ist populistisch aufgehetzt, weil es sich „irrationalen, von kenntnisfreier Angst beflügelten Emotionen“ hingibt, und woher stammen die? Aus populistischer Hetze, woher auch sonst.

10.) Appell an die Journalisten: warum bezieht ihr euch überhaupt auf dieses blöde Volk, wo es doch so blöd ist? Massenmedien sind doch so schön operativ geschlossen, können wohl auch ohne Außenweltkontakt. Irrtum, das bedeutet leider den Systemtod. Der Appell, das Volk zu ignorieren ist eine Variante von (2.), nur noch schlichter: das sind Leute da draußen in der Welt, die interessieren sich offenbar für das Falsche, also müssen die Medien sie lehren, sich für das Richtige zu interessieren, und das Richtige wäre, sich für diesen Mordfall gefälligst nicht zu interessieren. Psychologie der Aufmerksamkeit 1. Lektion: die Aufforderung, nicht an einen rosa Elefanten zu denken.

11.) Wir sind zu blöd, weil wir in der Migrationsgesellschaft einfach noch nicht angekommen sind. Blöde Modernierungsverlierer und Komplexitätsreduzierer können’s halt nicht fassen, was da in Freiburg passiert ist. Doch Vorsicht, Fischer, manchmal ist es das törichte Kind, das mit dem Finger auf den Kaiser zeigt. Und kognitive Mängel (echtes Zu-blöd-Sein) und Adaptationsmängel (Nichtbereitschaft zur Anpassung) sind nicht dasselbe. Adaptationsmängel erzeugen mitunter paradoxerweise evolutionäre Vorteile. Nichtangepaßte sehen mehr, und sehen auch, daß hier gerade einer versucht, sie regelrecht für dumm zu verkaufen.

12.) Es gibt noch ein zwölftes Argument: auch Deutsche hätten als Immigranten in die USA Frauen vergewaltigt. Schämt Euch, Deutsche, und wagt nie wieder zu beobachten, daß da ein Fremder mordet und vergewaltigt, solange ihr nicht Buße getan habt oder aufgehört habt, Deutsche zu sein. Schuldkult rules, Fischer weiß genau, welches sein letztes fulminantes Psychoargument sein muß, damit die Deutschen ihren Schwanz einziehen und kuschen.

Thomas Fischer, Sie widern mich an. Zu dieser „irrationalen, von kenntnisfreier Angst beflügelten Emotion“ reicht es noch.

 

 

Jetzt bestimmen wir

Juli Zehs „Jetzt bestimme ich!“ ist ein „‚Grundkurs‘ in Sachen Demokratie“, urteilt eine gänzlich unprätentiöse und unpädagogische Rezensentin. Muß die Dame sein, schließlich sind das ihre letztbegründenden Wertbegriffe. Meist bedeuten solche ihr genaues Gegenteil.

Es geht um ein Buch, das ich heute zwischen Rudolf Steiner und Marina Abramovic im Fenster des Buchladens in meinem Wohnhaus im Fenster sah und es einsehen ging: „Jetzt bestimme ich“ von Juli Zeh.

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Zu kaufen brauche ich es nicht, weil ich keine „Kinder ab 2 bis 3 Jahren“ mehr habe, denen es die Rezensentin im Familienkreise für die „Disco-Sohn“ (zu lustiger weißer Neger Wumbaba des kleinsten demokratischen Protagonisten des Buches) empfiehlt. Zu kaufen brauche ich es auch deshalb nicht, weil ich einen völlig irrationalen Bestimmer im Hause habe, der ein „Lehrstück zum Thema Partizipation“ völlig trumpmäßig zu seinen Gunsten auslegen würde, und sich die Diskurshoheit durch todsichere Erpressungmethoden erobern würde („Ich hör nur auf, ‚Arsch‘ zu sagen, wenn ich 24 Brote mit Ribiselmarmelade kriege und zwar zackizacki!“).

Dort, wo Familienkonferenzen angesagt sind, vermag das Buch diese zu beschwingen.

Dort, wo endlich, endlich keine „Familienkonferenzen“ und keine Kinderdiktatur mehr herrschen sollen, vermag das Buch zu verstimmen. Denn daß die Moral von der Geschichte schließlich die ist, daß Mama und Papa zu Bestimmern gewählt werden, glaubt ja kein Mensch, der nicht selber schon familienkonferenzsozialisiert worden ist.

Die Geschichte handelt von einer Familie, in der die Kinder das kreativ erfundene „Bestimmertag“-Modell der Mutter als unpraktikabel entlarven (der Bestimmertag der Schildkröte fällt ziemlich niveaulos und salatlastig aus) und ein anderes Demokratiemodell ausprobieren, in dem „echte Wahlen“ hermüssen für den demokratischen Familienfrieden.

Die Autorin Juli Zeh („ist eine gute Demokratin – dachte sie jedenfalls, bis sie zwei Kinder bekam“) probiert in diesem Bilderbuch für Vorschulkinder und Eltern Familienleben aus als ein großes Lernspiel für Demokratie mit allen Schwierigkeiten und Möglichkeiten. Kinder und Eltern sind auf Augenhöhe als Anfänger, ganz wie im echten Leben.

Auf Augenhöhe als Anfänger, herrjemine. Die „Süddeutsche“ findet das auch noch gut. Unentrinnbare Dauerfamilientherapie ist Alltag geworden, nur bedauerlicherweise ohne Therapeuten, dann gäb’s wenigsten noch e i n e Person, die Führung übernehmen könnte.

Wenn die Kinder als Erwachsene behandelt werden, die demokratische Lehrstücke in der Praxis mitgestalten sollen, dann ist das nicht kindgerecht, sondern kinderfeindlich. Wie wahnsinnig wohltuend wäre es doch, weder demokratische Willensbildung noch freidrehende Willensbildung ertragen zu müssen, sondern als Eltern zu wissen, wo es langgeht. Und dies nicht mit den Kindern zu diskutieren und auf Augenhöhe erstmal als blutige Anfänger durchagieren zu müssen, sondern es einfach zu können.

Kant entschied in in seiner „Pädagogik“ 1803:

Schon erzogene Eltern sind Beyspiele, nach denen sich die Kinder bilden, zur Nachachtung.

und kommt dann auf  d i e  entscheidende Frage, von der sich Aufklärer wie Juli Zeh erstmal eine Scheibe abschneiden müssen:

Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freyheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nöthig! Wie kultivire ich die Freyheit bei dem Zwange? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freyheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freyheit gut zu gebrauchen.

Dieses Paradox führt nicht zu Handlungslähmung, aber auch nicht zu lustiger Beschwingtheit und nicht zu resignativer Verstimmung. Es führt zur Selbstermächtigung der „schon erzogenen“ Eltern, Zwang ausüben und nicht ausdiskutieren zu dürfen. Welche Wohltat, nicht diskutieren zu müssen. Nur – und das konnte Kant kaum erahnen – was ist passiert, wenn die Kinder die Eltern bezwingen, und die von ihrer Freiheit längst schon keinen Gebrauch mehr machen k ö n n e n? Wer junge Erpresser und zarte Angry Birds im Hause hat, bei denen im Minutentakt neue Sperenzien und Herrschsuchtsanfälle kommen, der hat verloren. Um den Preis der doch überhaupt erst zu kultivierenden Freiheit der Kinder. Und die kommt eben nicht durch Familienkonferenz mit dem (im schlimmsten Fall einzigen) Zweijährigen, sondern – wie jedes Paradox ist auch dieses zu temporalisieren – erst durch frühen Zwang entsteht späterer Freiheitsgebrauch.

Cela es bien dit, mais il faut cultiver les enfants. Morgen früh steig ich in die nächste Wrestlingrunde mit klein Trump. Halt und Hülle geben, die er unverzüglich zu sprengen versucht. Es schält sich immer deutlicher heraus: jetzt bestimmen wir. Alle Unsicherheit „in Nehmung dieser Maxime“ (Kant)  wittern die Jungtiere.

Ein objektiv unschöner Adventkranz. Allegorie auf links/rechts

Völlig aufgebracht redet mich der Vater eines Schulkindes an, wir verlassen das Schulgelände eben, er sei ganz fürchterlich „ang’rennt“. Das corpus delicti zeigt er mir dann in seinem Kofferraum. Er hatte vorgehabt, der 1. Klasse einen Adventkranz zu bringen, „aus Recyclingmaterialien“. Ich schaue ihn mir an: schwarz mit Lack besprühtes Zeitungspapier, zum Kranz gewunden, vier dicke rote Stearinkerzen, daneben entollt er ein neonbuntes Bandl von einer Rolle und holt aus einem Papier einen kleinen gläsernen Hund mit Weihnachtsmannhaube hervor, in der Art, wie es seit einigen Jahren auch hierzulande die interessantesten Glasobjekte als kugeldekonstruierenden Christbaumschmuck gibt.

Folgendes Szenario hatte sich ereignet. Der Mann war, da die Lehrerin, für deren Klassenzimmer der Kranz bestimmt war, krank war, mit demselben im Sekretariat aufgeschlagen, mit gewisser Dringlichkeit, denn morgen ist der 1. Dezember. Dort im Sekretariat erklärte er sein Mitbringsel einer anderen Lehrerin. Und war an die Grenze seines Weltbildes gestoßen. Denn diese Lehrerin hatte ihm folgendes entgegnet: „Dieser Adventkranz ist nicht schön. Für die 7. oder 8. Klasse geht es, ein bewußtes Spielen mit Kitsch, Müll, Farbe können die Kinder dann verstehen. Erstklässler müssen doch erst einmal verstehen, was schön ist. Das Schöne in der Welt ist für sie wesentlich, und dieser Adventkranz ist nicht schön.“

Der Vater schlug sich beim Erzählen mit der Hand an die Stirn, er begriffe nicht, wie man glauben könnte, Geschmack sei objektiv. Er hätte natürlich gewußt, daß das gute Stück ironisch und meinetwegen auch kitschig sei, aber er hätte sowieso nur den Anfang machen wollen, und mal so vier Anhängsel mitgebracht und dann sollten die anderen Eltern auch etwas dranhängen, so hätte er sich das gedacht. Dann kam der Satz: „Ein Adventkranz soll doch auch ‚Pluralität‘ symbolisieren.“

Ich entgegnete ihm, daß er einen Adventkranz für Erwachsene gebracht hätte, nicht für Erstklässler. Er erwiderte: „Mein Sohn wächst doch ganz realistisch auf, ich halt ihm doch nicht die Augen zu, und dann in der 7. oder 8. Klasse darf er die Welt sehen. Ich arbeit‘ beim ORF, und da kommt er doch auch mit ins Fernsehstudio. Kinder verstehen doch, daß das lustig ist, so a Hunderl, und kommen damit zurecht, und die Lehrerin hat auch noch gesagt, das ist, wie wenn man den Kindern einen Horrorfilm zeigt, ich bitte dich, dieses kitschige Hunderl! Mein Gott, Schönheit hat doch niemand gepachtet, Schönheit ist doch  subjektiv. Bin ich hier völlig falsch? Und da seh ich neulich im Hort zwei Buben, die sich so arg dreschen, da denk ich, Schönheit jaaa, danke, das ist schon eine Doppelmoral, oder!?“.

Die Grenzen unserer Ästhetik sind die Grenzen unserer Welt. Ich stieg auf das Moralargument nicht ein, sondern blieb beim Schönen. „Schönheit ist in einem gewissen Sinne sehr wohl objektiv. Natürlich nicht mein Geschmack oder dein Geschmack, aber es gibt Grundzüge, Bezugsgrößen, Modellhaftes, das muß sich tief ins Bewußtsein senken, und dann erst kann man davon abkommen, es verballhornen und dekonstruieren. Dann kam der zweite Satz: „Das, was die Leut für ’schön‘ halten, ist doch dazu da, dekonstruiert zu werden, damit kann man nicht früh genug anfangen, und viele Perspektiven zeigen.“

Ich: „Alles, das uns hilft, die postmoderne Entstrukturierung aufzuhalten, begrüße ich. Auch objektiv schöne Adventkränze. Wenn das Schöne niemand mehr kennt, ist auch der Kitsch sinnlos geworden, und die Dekonstruktion sowieso. Es muß das objektiv Schöne geben.“ Er:“Das ist doch jetzt Rudolf Steiners Ideologie! Wir sind hierher gekommen, weil wir glaubten, das ist hier plural und offen und alternativ, und jetzt sowas, ich mein‘, versteh mich nicht falsch, ich bin nicht gekränkt, wir nehmen den Adventkranz gern wieder mit nach Haus und hängen ihn bei uns auf. Ich hätte aber nicht gedacht, daß die hier so engstirnig sind und nur Holz und Bienenwachs akzeptieren. Ich werd ein Mail an alle schreiben, wirklich jetzt.“

Das Schöne kann kein Naiv-Schönes sein, „Objektivität“ ist als Begriff schon Aufbegehren gegen die Beschädigung durch das relativierende Subjektive. Theoretische Grundbegriffe, Werte, Wahrheit müssen gehalten werden wie Bastionen. Die Geste des Verteidigens gegen die „Entstrukturierung“ (Kleine-Hartlage) macht das Objektive wieder objektiv. Im engeren epistemologischen Sinne geht natürlich nichts hinter Hegel zurück, geschweige denn hinter Kant. Jedoch: wir bewegen uns auf einem agonalen Terrain, es ist ein Kampf um Welt, die uns abspenstig gemacht werden soll, schon längst abspenstig gemacht worden ist.

Mit welchem Recht kann man noch glauben, daß Adventkränze schön sein müssen statt Pluralität zu verzeichnen? Mit dem Widerstandsrecht. Man wird die Welt gegen sich haben, aber dafür vorerst mal einen schönen Adventkranz für sich.

P.S. Im Kinderwortgottesdienst am 1. Advent äußerte die Religionspädagogin, der Adventkranz „symbolisiert die Grenzenlosigkeit“. Alles voller Adventkranz, wie beim Märchen vom süßen Brei. Sie meinte wohl, er sei als Kreis ein Symbol für die Unendlichkeit, die Wiederkehr. Knapp daneben.

Manche Allegorien sind inzwischen schon ganz zerzaust und mitgenommen.