Habe Mangel an Versöhnung

Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten. Habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat. (Gottfried Benn, Der neue Staat und die Intellektuellen, 1934)

Man traf sich im illustren Kreis zum Diskutieren: Wie kommt es zum Widerstreit zwischen linkem und rechtem Weltbild? Wie kann man ihn womöglich überwinden?

Die Diagnose ist die: Linke halten Rechte für böse, Rechte halten Linke für dumm (Martin Lichtmesz). Den kleinen Kreis moderierte ein Psychotherapeut, Systemiker. Systemiker haben den entscheidenen Vorteil der Beobachtung zweiter Ordnung: nie drinstecken und blinden Fleck haben, immer draufschauen und blinden Fleck sehen. Das macht sie als Familientherpeuten oft genial und treffsicher, weil sie Funktionen erkennen können, die verfeindete Figuren füreinander haben, ohne es zu wissen, weil sie Perspektiven switchen und die jeweiligen Seiten erkennen lassen können, was sie gut können und wo – nämlich im Können der Gegenseite – ihre Entwicklungsaufgabe liegt.

Für Familien genial. Für politische Szenen? Wir werden sehen.

Rechte halten sich und gelten für rational, Linke für emotional. Beziehungsohr und Sachohr mißverstehen sich notorisch. Rechte argumentieren amoralisch, Linke moralisch. Also so wird das nie etwas, wären sie ein Paar, müßten sie sich trennen oder zum Paartherapeuten gehen.

Was rät der Therapeut den Rechten, die sich da bei Kerzenschein versammelt haben? Mit Linken „offene, authentische, ehrliche Bindungen“ aufzubauen, sie als Menschen kennenzulernen. Dann und nur dann nämlich erkennen die Rechten, worin ihre Entwicklungsaufgabe liegt. Vernünftig und sachlich und abstrakt argumentieren können sie eh schon gut, es gilt, emotionale Botschaften zu senden. Nicht links zu werden, nur Potentiale erweitern: sowohl-als-auch werden.

Erster Schritt: emotionale Botschaften strategisch zu senden, weil man ihen z.B. mit Angst- und Schuldgefühlen ganz gut kommen kann. „Wollt Ihr daran Schuld sein, daß die Herkunftsländer der Flüchtlinge verarmen?“ „Heimat ist ein Menschenrecht aller Völker!“. Das ist politstrategisch zweifelsohne klug: die Linken hören und reden emotional, also muß man sie da abholen wo sie stehen, die Zielgruppe erweitern, die Leute womöglich rüberholen ins rechte Lager.

Nur – ist das offen, authentisch und ehrlich? Bevor man das, zweiter Schritt, schafft, muß man als Rechter an sich arbeiten, sich mit der eigenen Angst auseinandersetzen, dem eigenen „Schatten“, dann könne man, rät uns der Therapeut, nicht ohne Augenzwinkern, den „Feind als frohe Botschaft“ annehmen.

Und was passierte mit dieser Gruppe kluger, radikaler politischer Denker? Man erwog, angespornt durch die psychodidaktische Methode „Was könnten wir am falschesten machen, um zu unserem Ziel zu kommen?“, wie man den Gegenüber nimmer triggern sollte, wie man positive Visionen für die Rechte entwickeln, stärker „inklusiv, partizipativ und global“ denken könne. Remigration müsse aus der Motivation der Immigranten heraus gedacht werden, äußerte ein Aktivist, und auch die Idee des Therapeuten auf dem Handout, „aktive soziale Erlebnisräume“ mit Linken, von Tanz bis WGs zuzulassen, blieb unwidersprochen.

ICH LASSE MICH NICHT THERAPIEREN!

Das sei verständlich, allzu verständlich. Es könne in der Transformationsphase zur erweiterten Identität ein angstbesetztes Diffusionsgefühl (=gefühlter Kontrollverlust) entstehen.

ICH WILL MICH NICHT VERSÖHNEN!

Benn hielt 1934 eine Rundfunkansprache an die deutsche Jugend, der ich den Satz „Habe Mangel an Versöhnung“ auf Umwegen entnommen habe. Der Benn-Biograph Joachim Dyck beschreibt die Situation: für die Intelligenz der Weimarer Republik endete das Visionäre mit einer Villa, „ein Mercedes, das stillte ihren wertsetzenden Drang“ (Benn). Am Nationalsozialismus war für ihn 1934 schon der Lack angekratzt, er war für ihn aber noch der ersehnte „neue Staat“, den es eben gegen den liberalen Geschwätzparlamentarismus der Weimarer Republik tabula-rasa-ähnlich in Szene zu setzen galt. Der „Staat“, so betont Dyck, war 1933/34 auch zu denken gegen das anarchistische Wüten der SA im Straßenkampf.

Das ist der Kontext des versöhnungsverweigernden Zitats. Die gegenwärtige Rechte verzweifelt am Demokratieverständnis der Linken, ich auch, dazu morgen mehr. Die Linke hat ohnehin schon alle Hoffnung fahren lassen, einen herrschaftsfreien Diskurs mit der politischen Rechten auch nur zu imaginieren.

Nur, muß die Rechte deswegen in Therapie? Aus dem Blick des Systemikers gibt es da keinen Zweifel, hat er doch einiges Normative vorausgesetzt. Und damit – das will wohl der Teufel, Luhmanns Lieblingsbeobachter – einiges Linke. Das politische System müsse sich evolutionär durch zirkuläre Prozesse verbessern. „Entwicklungspotential“ heißt die Formel, ergänzt um „Konfliktkompetenz“ und“Visionsbildung“.

VERDAMMT NOCH MAL, ICH WILL EINEN FEIND BEHALTEN!

Carl Schmitt unterscheidet im „Begriff des Politischen“ fein zwischen „hostes“ und „inimicus“, und das Bibelwort „Liebet eure Feinde“ gilt für ihn natürlich nur sinnvollerweise für den persönlichen Feind, mit dem ich in Privatfehde, zerbrochener Freundschaft oder Rosenkrieg liege, den inimicus. Sich da, therapeutisch gesprochen, seinen Ängsten zu stellen um am Feind zu reifen zu authentischer Beziehung, ist recht und billig. Den hostes indes, den politischen Feind, sei es außen- (Nationen, Bündnisse) oder innenpolitisch (Parteien, Lager) zu „lieben“, ihm gegenüber verständnisvoll oder versöhnlich zu sein, ist in der politischen Logik (Freund/Feind, Macht/Ohmmacht) fatal. Dann hat er schlicht und ergreifend gewonnen. Zur Logik der politischen Feindschaft gehört auch, nicht als erster mit dieser aufzuhören, wohl glaubend, daß man damit den Code als solchen außer Kraft setzen kann und den Gegner entfeinden.

Ich halte mich auf mit Widerlegung und mit Worten. Aber nicht mit herrschaftsfreien, normativ-teleologischen, kommuniktionsermöglichenden. Ich schließe diese Tore.

ICH WILL NICHT! EGO NON.

Dann bleibt nur noch der unfreundliche politische Raum ästhetischer Erregung, und der ist der Linken derart wesensfremd, daß wir nimmer übersetzen können. Es ist auch und im wesentlichen ein Widerstreit der Pathosformeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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