Das Band ist zerrissen

Du sollst dich nicht in den Diskurs von Rechtsextremen verstricken lassen. Du sollst Rechtsextreme nicht die Themen vorgeben lassen. Du sollst ihre Lügen und Schmähungen durchschauen.

Der tagesaktuelle STANDARD mit seiner Kolume auf der Titelseite hat mich erschauern lassen. Der Kommentator, Hans Rauscher, rezensiert das neueste Buch seines alten homies Armin Thurnherr, Herausgeber des FALTER, bekannter Linker und Neuerechtemißversteher und Hoferaustreiber. Das Buch handelt von Bösterreich, Runinösterreich, Gekrösterreich, Pompösterreich und dergleichen selbstverleugnenden linken Dünkelthemen, und da fehlt auch das „Rechtsextremismusthema“ nicht.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Das 9. Gebot würde eigentlich den Rauscher schon einbremsen müssen, wenn er einen Augenblick innehielte, und nicht gerade erst anfangen würde durchzustarten mit seiner furiosen Feinschaftserklärung wider jegliches kommunikative Handeln, das er so sehr für sich selber reklamiert.

Es sind immer die Linken, die den Diskurs mit den Rechten aufkündigen („Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen“), nie die Rechten, denen doch so gern antidemokratische, autoritäre und feindschaftsaffine Gesinnung nachgesagt wird.

Diese von Verachtung triefende Zerstörung jeder zivilisierten Auseinandersetzung wurde von praktisch keinem Journalisten thematisiert. Es ist aber das beste und fast einzige Gegenmittel, die Übergriffe und Lügengebäude klar zu benennen. Das heißt: sich nicht in einen Diskurs verstricken lassen, sich nicht auf das Gefechtsfeld des Gegners begeben. Sondern das lügnerische Verhalten des Gegenübers zum Thema machen. Wenn einer eine Verschwörungstheorie oder eine falsche Behauptung vorbringt – bestenfalls nur knapp auf die Widerlegung einlassen. Vor allem die Methode benennen: „Das ist schon wieder eine von den Verschwörungstheorien, die Sie uns da auftischen.“

B e n e n n e n  – als wenn das als Waffe in einem psychowar von irgendeiner Bedeutung wäre. Linke glauben aber, damit eine echt schlagkräftige Moralkeule in der Hand zu halten – eine Bekannte äußerte mir gegenüber einmal, irgendeine Stellungsnahme sei „Rassismus! Ich muß es benennen! Früher habe ich mich das nie getraut, wenn mir Rassismus im Alltag begegnet ist, aber jetzt kann ich es benennen!“ To name something ist  Sprache der social justice warriors und in seinem Herkunftsland schon lange Gegenstand unzähliger Satiren.

Rhetorisch ist das eher ganz schwach, dem Diskussionsgegner ein entrüstetes „Sie lügen!“ entgegenzuschleudern, wahlweise „Das ist aber eine Verschwörungstheorie!“ – die Beweislast hat der Ankläger. Denn entgegen seiner  – ebenfalls bei Linken endemischen – vorausgesetzten Zustimmung des Publikums, kann er nicht automatisch damit rechnen, daß die Verunglimpfung als solche schon verfängt. Der Vorwurf der Lüge oder der Verschwörungstheorie muß normalerweise begründet werden, was im letzteren Falle ziemlich schwierig ist. Man nenne nur Verschwörung, was nicht mit Dummheit erklärbar ist.

Ich erschauerte nicht deshalb, denn Lügen parieren oder linkes Pathos („von Verachtung triefende Zerstörung jeder zivilisierten Auseinandersetzung“) zu bewältigen fällt mir nicht schwer. Erschauern machte mich das Gebot:

Du sollst dir im Klaren sein, mit wem du es zu tun hast. Mit Rechtsextremen. Bestenfalls mit harten, autoritären und skrupellosen Rechten. Liberale Demokraten sind es gewohnt zu differenzieren, anderen „the benefit of the doubt“ zu geben. Viele gemäßigte Bürger können sich trotz gegenteiliger Evidenz gar nicht vorstellen, wie radikal der Gegner ist. Du sollst wissen, dass alle relativierenden und verharmlosenden, von einem Teilverständnis getragenen Betrachtungsweisen von Rechtsextremen sinnlos sind.

Das Band ist zerschnitten. Es gibt keine Basis, keinen common sense (im Sinne eines Gemeinsinns, eines gesunden Menschenverstandes, gemeinsamer Diskursregeln) mehr mit Leuten, die das „radikale Böse“ (Kant) rechts verorten und „den Gegner“ausfindig gemacht haben. Seid Euch im klaren: das ist eine Feinderklärung!

Wenn die Öffentlichkeit also phänomenale Evidenz gewinnt (z.B. über das Machtkartell des Establishments, die Problematik der Zuwanderung, wie Rauscher durchaus in „rechter“ Diktion formuliert), dann darf diese Evidenz nicht sein, weil sie die Evidenz des „Gegners“ ist. Psychologen bezeichnen das als eine Strategie aus dem Arsenal des „gaslightings„: die Wahrnehmung des anderen als solche in Abrede zu stellen. Das ist psychowar, ich erwähnte es bereits. Das darfst du nicht wahrnehmen, es würde dem Gegner in die Hände spielen – ehemalige Maoisten kiefeln noch heute an diesem Argument.

Die Radikalen (Rechte wie Linke, aber Letztere gibt’s kaum bei uns) haben nicht „irgendwo auch recht“. Niemals.

So, und nun hat er sich verraten. Linksradikale gibt es nicht – das ist einer der feinsten blinden Flecken, den ich je beobachten dufte. Ich habe Mangel an Versöhnung (Benn), weil es in der Sache einen Widerstreit gibt, den wir durch außerpolitische (psychologische, moralische, intime) Interventionen „zur Verständnisbildung“ nicht überwinden können und dürfen. Der Rauscher hat Mangel an elementarem politischen Verständnis. Es geht um Macht und Ohnmacht, und da taugen habermassche Kategorien des kommunikativen Handelns (normativ verständnis- und konsensorientiert) nicht, die Rauscher und Thurnherr aber völlig selbstverständlich voraussetzen und nun entsetzt sind von der Gegnerschaft des Gegners. Wenn es um Macht und Ohnmacht geht, dann ist der Gegner unversöhnlich ein Gegner – allerdings ein politischer Gegner, und kein moralischer, menschlicher, privater. Das genau erzeugt Schauder gegenüber Leuten wie Rauscher und Thurnherr – daß wir befürchten müssen, hors la loi gesetzt zu sein, wenn sie den politischen Diskurs einseitig und fristlos aufkündigen.

Der islamische Nachtalb

Bildergebnis für der nachtmahr füssli

I discovered that I’m secretly islamophobic! Last night, I had a dream, that I was alone at home with my daughter at night. I woke up, within that dream, from a knocking at the door. I opened, an arab looking policeman stepped in, suddenly pressing a gun to my rear head. He told me: ‚You come with me or I shoot‘. He said that in Arab. I was speaking Arab in that dream. I woke up and immediately I asked myself: ‚Is this you? How can you be so islamophobic? I was really ashamed of myself. I am secretly islamophobic!‘

Sie erzählte mir diesen Traum und ich erwiderte amüsiert: „Come on, let it out, I’m openly!“ Das weitere Gespräch ergab, daß wir drei im Raume anwesenden Frauen, beide anderen eindeutig links, uns einigen konnten, daß „die Gesellschaft“ da irgendwas mit uns macht, wogegen wir rational und auf der Tagseite unseres Bewußtseins nicht mehr ankönnen.

Foucault schrieb in „Sexualität und Wahrheit“ (1978) von „Dispositiven der Macht“, einer Art sozialem semantischen „Apparat“ der das Denken, Begehren und Sprechen zurichte, er operiere nichtintentional (es gibt also niemanden an den Schalthebeln der Macht), unentrinnbar (dem konkreten Denken und dem „Sagbaren“ vorgängig), sei eine
 Art von […] Formation, deren Hauptfunktion zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt darin bestanden hat, auf einen Notstand zu antworten. Das Dispositiv hat also eine vorwiegend strategische Funktion.
Der Notstand ist da – die Semantik nimmt ihren Lauf und steuert gründlich ins traumhaft Unbewußte hinein. Das Merkwürdige ist nicht die im Traum eingestandene Angst vor dem arabischen Mann, sondern das sofortige Einsetzen der Überichfunktion: sich seiner Erkenntnis zu schämen, weil sie nicht sein darf, einem sozialen Verdikt unterliegt.
Aber da die Träumende sehr schlau ist, gelingt ihr auch gleich eine ironische Anspielung auf das „sudden realization meme“ („Suddenly I realized that I’m secretly …“), das Dispositiv ist nicht gebannt, aber benannt. Der Witz kann in autoritären Systemen unglaublich viel leisten.
Wenn sich Linke nicht eingestehen wollen und können (nur Unsägliches im Wortsinne rutscht ins Unbewußte ab), daß es eine islamische Bedrohung real gibt, dann werden sie eben von Nachtalben heimgesucht, die ihnen die Pistole an den Kopf setzen.
Bildergebnis für sudden realization meme islamophobic

 

Führerrhetorik, Rorty und die Ästhetisierung des Politischen

Die “ Führer-Idee“ gewinnt bei uns an Akzeptanz. 2007 lehnten noch 71 Prozent die Aussage ab: „Es wäre besser, einen starken Führer zu haben, der sich nicht ums Parlament scheren muss.“ 2015 nur noch 36 Prozent.

Es geht um Österreich, versteht sich. Und es geht um suggestive Rhetorik. Suggestive Rhetorik ist ein Stilmittel. Meist funktioniert sie mittels der Ellipse, d.h.durch Auslassung gebildete Wortfiguren verlangen die stillschweigende Ergänzung vom Rezipienten. „Die Führer-Idee gewinnt bei uns an Akzeptanz“ verlangt die Ergänzung, um welchen Führer es sich handelt, wenn man „der Führer“ sagt.

Die Befragten haben den Füllstoff der Ellipse nicht assoziiert, sie sind der testpsychologischen „erwünschten Antwort“ weiträumig aus dem Weg gegangen, sonst hätten sie nicht so geantwortet, vielleicht ist das Volk doch nicht ganz so blöd. Weiter geht es im „Einserkastl“ mit der handelsüblichen Erklärung dieses elliptischen Phänomens. Die lautet: von Abstiegsängsten und Angst vor der Zukunft und einfachen Antworten auf komplexe Fragen beeinflußte Menschen verlieren ihre politische Zurechnungsfähigkeit.

Das untergrabe das Vertrauen in die Institutionen und führe zur Hinwendung zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien. Anders ausgedrückt: Wer pessimistisch in die Zukunft blickt, wählt blau.

Ellipse in Extremform – Führerassoziationen führen ohne Umweg zu Kandidat Hofer und der FPÖ. Bleibt noch der Schluß des kleinen frontpage-Textes zu erwähnen, wo der Autor der Studie entnimmt, immerhin seien die Leute noch nicht ganz am Sand und trauten der „Demokratie“ noch etwas zu, jedoch, nächste Ellipse, das muß dann ja die „gelenkte Demokratie“ (warnend zählt er die Schurkenstaaten Türkei, Ungarn, Rußland, Polen auf) sein.

Die Politik muß ästhetisiert werden, nicht rhetorisiert.

Gespräch mit H über diesen kleinen Text, der ihm wegen des Pawlowreflexes auf „Führer“ sofort ins Auge sprang. „Das gefällt dir und deinem Mainstream doch, stimmt’s?“. Soll ich jetzt rechtfertigen, warum weder ich noch „mein Mainstream“ der NS-Führerideologie etwas abgewinnen können? Dann wäre ich der Rhetorik der Ellipse auf den Leim gegangen. „Ich kann die immergleichen ‚Abstiegsängste‘ nimmer hören“, seufzte ich stattdessen, „das ist keine Erklärung, sondern nur labelling„. H: „Das ist doch eine Erklärung: die Menschen sehen keine Zukunft mehr und wenden sich dann, genau wie Du, der Vergangenheit zu und ästhetisieren sie.“

Gerade diese Art Verlangen, meine ich, sollte unter Bürgern einer liberalen Demokratie dem Privatleben vorbehalten sein. Autonomie, wie sie selbstschöpferische Ironiker von der Art Nietzsches, Derridas oder Foucaults suchen, könnte nie von sozialen Institutionen verwirklicht werden. Autonomie ist nichts, was alle Menschen tief in ihrem Inneren hätten, es ist etwas, was bestimmte besondere Menschen durch Selbsterschaffung zu erreichen hoffen und einige von ihnen tatsächlich erreichen. Sie hat keine Bedeutung für den Wunsch der Liberalen, Grausamkeit und Schmerz zu vermeiden.

Dies schrieb mein Lieblingsphilosoph Richard Rorty in dem Buch, das für mich die Initiation in philosophisches Denken dargestellt hat: „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ (1989). Ich muß mich wohl von ihm trennen. Zu groß ist meine Skepsis gegenüber der „liberalen Demokratie“ geworden. Zu schwach erscheint mir Rortys postmoderner bourgeoiser Liberalismus (diese Selbstbezeichnung hat er gewählt, nicht ich), der die Gewährsautoren der Rechten (u.a. Nietzsche und Heidegger) nur „bitten“ kann, „sie möchten ein drohendes Dilemma dadurch abwenden, daß sie das Verhindern von Grausamkeit und Schmerz über das Erhabene stellen.“ Sein Ethnozentrismus ist großartig, wenn er sich gegen rationale Herleitbarkeit universellen Normen richtet, und fürchterlich armselig, wenn er sich dem „Ziel der Ausdehnung (der Wir-Identität), der Erschaffung eines immer größeren und bunteren ethnos verschrieben hat.“

Ich muß mich trennen, zugunsten der Ästhetisierung des Politischen. Rorty sieht zwar mit Nietzsche auch politische Kommunikation als „bewegliches Heer von Metaphern“ an, soweit, so kontingent, so richtig. Aber er hält Politik im Sinne eines „demokratischen Gemeinsinns“ für eine Sphäre jenseits der Metaphern von „Authentizität“, „Reinheit“ und „Sensibilität für die Kraft der Neubeschreibung“. Jegliches Pathos ist für ihn eine Privatangelegenheit von Dichtern, mögen sie auch noch so viel Lesepublikum anziehen. Das „Erhabene“ gehört zur Selbstvervollkommnung des Einzelnen in der liberalen Demokratie und nicht in die Öffentlichkeit.

Wenn Rorty recht hat, und wir inzwischen erfolgreich so sozialisiert sind, daß uns die alten pathetischen Worte nichts mehr sagen, das bewegliche Heer der Metaphern vorbeigezogen ist, das neue liberaldemokratische Paradigma gewonnen hat, dann können wir dem Wort „Führer“ nichts mehr abgewinnen, und müssen es historisieren (in die lingua tertii imperii) und wenn aktualisieren, dann immer nur als überholte Metapher, mit der „Wir“ nichts mehr zu tun haben wollen.

Was aber, wenn die oben Befragten – die ich nicht heroisieren will, sondern für Normalsprecher halte – mit „Führer“ irgendeine aufgeladene Vorstellung von einem starken, geschichtsmächtigen, für sich selbst stehenden Mann verbinden? Ungefähr das mit dem Wort verbinden, was die alteuropäische Tradition an Heldensagen und -legenden bereithält? Dann kann man ihnen den Mund verbieten und ihre Phantasien ins Reich der privaten „Selbstvervollkommnung“ verbannen (womit es real beim postmodernen Normalbürger nicht weit her ist, der muß bei body enhancement und Avataren stehenbleiben) – weil sie „politisch gefährlich“ sind. Oder aber man erkennt, und das dann gut und gerne auch wieder mit Rorty (dem Nietzscheleser), daß sie metapherngebrauchende Tiere sind und daraus ihre Kraft und ihre Stärke beziehen. Und vielleicht dabei der sukzessiven „Erschaffung eines immer größeren und bunteren ethnos“ im Wege stehen mit ihren antiquierten Führerbildern im Kopf. Das ist die Rolle des Ästhetischen in der Politik.

 

Structural drift: immer weiter und weiter aus der Demokratie heraus

Structural drift“ läßt sich schlecht nur ins Deutsche übersetzen („strukturelle Drift“ gilt nicht, versuchsweise: allmähliche und unterschwellige Richtungsveränderung  der und durch die fixen Verbindungen gesellschaftlicher Teilsysteme). Soziale Systeme (Politik, Medien, Kunst, Erziehung, Recht etc.) sind strukturell aneinander gekoppelt, sie sind grundverschieden, können aber nicht ohne einander. Was innerhalb der Kunst abläuft, ist nicht selbst Teil des Erziehungssystems oder der Politik oder der Religion, es kann aber aus diesen Systemen heraus verstanden werden – jedoch nur in den Begriffen des Systems. Kunst kann nur Kunst.

Wenn in Berlin Flüchtlingsschwimmwesten an Säulen gebunden werden (Ai Weiwei geht damit im deutschsprachigen kulturdekadenten Raum ornamental aufgehübscht hausieren), dann koppeln sich da mehrere Codes aneinander. Schön/häßlich ist immer noch der Code der Kunst. In ausdifferenzierten Sozialsystemen gibt es keine inhaltlichen Vorgaben mehr, nach denen man beleuchtete Schwimmwesten schön finden muß oder abstoßend. Ästhetische Urteile können dem Betrachter nur „angesonnen“ (Kant), nicht aber abverlangt werden. Um ein Urteil zu bilden, müssen beim Genuß solcher Art von Kunst andere Systeme ins Spiel kommen, sonst funktioniert sie nicht mehr. Der politische Code (Macht/Ohnmacht), der moralische (gut/böse), der ökonomische (Geld haben/ nichthaben) – alle sind strukturell (und nicht bloß zufällig) an derart ansprucherhebende Kunst gekoppelt.

Mit „structural drift“ läßt sich begreifen, warum die (sturkturell notwendige) Autonomie der Kunst ein alter Hut ist, politische Indienstnahme hingegen Gegenwart. Da passierte etwas Nichtintendiertes, und mithin Folgenschweres. Es schaut so aus, als würde hier Kunst politisch in Dienst genommen („Indienstnahme“ ist mein Begriff für übergriffige, für Systeme gefährliche Mehr-als-nur-Kopplung). Gleichermaßen (Systeme koppeln sich aneinander, das ist gegenseitig) geschieht aber auch Indienstnahme der Politik durch Kunst.

Die aktuelle Tendenz, dass Politik und Öffentlichkeit zunehmend durch Rechtspopulist*innen und rechtsextreme Parteien wie die AfD vereinnahmt werden und diese immer mehr Zustimmung durch die Bevölkerung erfahren, hat vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus in erschreckendem Maße auch unsere vermeintlich liberale und offene Stadt erreicht. Wir sehen uns daher in der Verpflichtung, ein klares Statement gegen politischen Rechtspopulismus abzugeben.

Diese Zeilen stammen aus einem „Offenen Brief der Berliner Kunst zur Abgeordnetenhauswahl zum 14.9.2016“. Freie Kunstszene und institutionell geförderte Künstler sehen sich berufen, „Politik und Öffentlichkeit“ gegen eine bestimmte Partei zu verteidigen.

Was war nochmal Demokratie? In Demokratien kommt es mitunter vor, daß Parteien „immer mehr Zustimmung durch die Bevölkerung erfahren“ – dies ist sogar konstitutiv für diese Herrschaftsform. Woher bezieht die Künstlerschaft ihre „Verpflichtung“? Sicher nicht aus der Eigengesetzlichkeit der Kunst.

In der Kunst- und Kulturszene Berlins verstehen wir uns als international, multi- und interkulturell, feministisch, nicht cis- noch hetero-normativ. Es entspricht unserem Selbstverständnis, uns künstlerisch wie auch nicht-künstlerisch (selbst-)kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands auseinanderzusetzen, mit offenem wie auch strukturellem Rassismus und den Privilegien, die einige unter uns gegenüber People of Color, Menschen mit Migrationshintergrund und nicht ‚Biodeutschen‘ erfahren

Sie verraten es selber. Ich muß meinen Lesern nur erst kurz verraten, was „cisnormativ“ sein soll, ein kunsttheoretischer Spezialterminus ist das nämlich nicht. Der Ausdruck bedeutet, daß die meisten Menschen selbstverständlich davon ausgehen, daß die meisten Menschen nicht transgender sind, und dieser Umstand irgendwen beleidigen könnte. Die Kunst muß anscheinend genau das infragestellen, sonst ist sie keine Kunst mehr (wie sonst kann ich deuten, daß in einem halbseitigen Text über eine anstehende Wahl dieses abseitige Argument vorkommt?). Schön/häßlich, oder abstrakter: stimmig/unstimmig … läßt sich dieser mindfuck mit jenem genuinen Kunstcode noch fassen?

Sie verraten es selber, woher sie ihre „Verpflichtung“ zu diesem Statement ziehen. Wollen Sie raten? Natürlich ist es die „nationalsozialistische Vergangenheit“, das Zentralgestirn, um das alles linke Denken kreisen muß. Und von diesem Sonnensymbol leitet sich auch die structural drift ab: weiter und weiter heraus aus der Demokratie.

Das ist auf den ersten Blick vielleicht eigenartig, denn selbstverständlich begründet sich die BRD-Demokratie genau im Gegenentwurf zum NS-Staat. Doch der Totalitarismus desselben wirkt ex negativo fort: alles, was Mittel und Weg gegen faschistische Tendenzen sein kann, ist erlaubt und ergreift alle sozialen Systeme. So nimmt es dann nicht wunder, wenn sich die Kunst nicht ihrer selbst versichert und verpflichtet, sondern der totalitären politischen Übergriffe. Kunst qua Kunst (und nochmal doppelt durch mediale Aufrufe) glaubt dann, verhindern zu können, daß  von „rechtspopulistischen Parteien“

einige Vertreter*innen bedauerlicherweise höchstwahrscheinlich auch ins Abgeordnetenhaus gewählt werden.

Künstler leiden in der Postmoderne darunter, daß Kunst überall ist,  und die soziale Funktion des ausdifferenzierten Teilsystems strukturell eher parasitär als reflexiv auf die Gesellschaft wirkt. Das Parasitäre der Kunst ist ähnlich problematisch wie das der Moral: sie wirken entgegen ihrer normativen Selbstbeschreibung (Moral ist gut, Kunst ist schön) eher polemogen als befriedend, weil sie andere Systeme unterwandern wollen.

Warum sonst bekunden die vereinigten Künstler Berlins, daß ihr Job darin besteht, die Politik der Gesellschaft, die Familie der Gesellschaft, die Religion der Gesellschaft und die Sexualität der Gesellschaft zu definieren?

Wir lehnen die traditionelle Familie als familiäres Leitbild ab, innerhalb dessen konservativ misogyne und homophobe Konzepte Menschen vorschreiben wollen, in welchen Strukturen sie ihren familiären Kontext gestalten sollen (…)

Wir lehnen die Definition von Gender als zwei determinierte Geschlechter, die alle, die außerhalb dieser Definition stehen pathologisiert und marginalisiert, ab

(… sowie) eine anti-islamischen Hysterie.

Wir verstehen den Sozialstaat als bedingungslose Solidargemeinschaft, in der Sozial- oder Gesundheitsleistungen nicht aufgrund von Weltanschauung, Nationalität oder Suchterkrankung eingeschränkt werden.

Das nenne ich einen wackeren Rundumschlag! Als hätte Kunst sonst nichts zu tun, Werke zu schaffen zum Beispiel. Wird Kunst besser (also: ihre Produkte schöner, stimmiger, reflexiver), wenn die traditionelle Familie aufgelöst wird, es nicht länger zwei Geschlechter gibt, der Islam Land gewinnt und Drogensüchtige Stütze beziehen?

Allmähliche und unterschwellige Richtungsveränderung  der und durch die strukturellen Kopplungen gesellschaftlicher Teilsysteme bleibt nicht unbeobachtet. Systeme können sich nicht selbst beobachten während sie agieren, diese Künstler merken also nicht, daß sie weiter und weiter aus der für ihre Existenz essentiellen Staatsform Demokratie herausdriften. Aber dafür gibt es  – funktionale Ausdifferenzierung sei dank! – andere Beobachtungsoperationen: das Politiksystem kommuniziert in seinem eigenen Code und merkt durch unangenehme Irritationen, was ihm da angetan werden soll.

 

Habe Mangel an Versöhnung

Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten. Habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat. (Gottfried Benn, Der neue Staat und die Intellektuellen, 1934)

Man traf sich im illustren Kreis zum Diskutieren: Wie kommt es zum Widerstreit zwischen linkem und rechtem Weltbild? Wie kann man ihn womöglich überwinden?

Die Diagnose ist die: Linke halten Rechte für böse, Rechte halten Linke für dumm (Martin Lichtmesz). Den kleinen Kreis moderierte ein Psychotherapeut, Systemiker. Systemiker haben den entscheidenen Vorteil der Beobachtung zweiter Ordnung: nie drinstecken und blinden Fleck haben, immer draufschauen und blinden Fleck sehen. Das macht sie als Familientherpeuten oft genial und treffsicher, weil sie Funktionen erkennen können, die verfeindete Figuren füreinander haben, ohne es zu wissen, weil sie Perspektiven switchen und die jeweiligen Seiten erkennen lassen können, was sie gut können und wo – nämlich im Können der Gegenseite – ihre Entwicklungsaufgabe liegt.

Für Familien genial. Für politische Szenen? Wir werden sehen.

Rechte halten sich und gelten für rational, Linke für emotional. Beziehungsohr und Sachohr mißverstehen sich notorisch. Rechte argumentieren amoralisch, Linke moralisch. Also so wird das nie etwas, wären sie ein Paar, müßten sie sich trennen oder zum Paartherapeuten gehen.

Was rät der Therapeut den Rechten, die sich da bei Kerzenschein versammelt haben? Mit Linken „offene, authentische, ehrliche Bindungen“ aufzubauen, sie als Menschen kennenzulernen. Dann und nur dann nämlich erkennen die Rechten, worin ihre Entwicklungsaufgabe liegt. Vernünftig und sachlich und abstrakt argumentieren können sie eh schon gut, es gilt, emotionale Botschaften zu senden. Nicht links zu werden, nur Potentiale erweitern: sowohl-als-auch werden.

Erster Schritt: emotionale Botschaften strategisch zu senden, weil man ihen z.B. mit Angst- und Schuldgefühlen ganz gut kommen kann. „Wollt Ihr daran Schuld sein, daß die Herkunftsländer der Flüchtlinge verarmen?“ „Heimat ist ein Menschenrecht aller Völker!“. Das ist politstrategisch zweifelsohne klug: die Linken hören und reden emotional, also muß man sie da abholen wo sie stehen, die Zielgruppe erweitern, die Leute womöglich rüberholen ins rechte Lager.

Nur – ist das offen, authentisch und ehrlich? Bevor man das, zweiter Schritt, schafft, muß man als Rechter an sich arbeiten, sich mit der eigenen Angst auseinandersetzen, dem eigenen „Schatten“, dann könne man, rät uns der Therapeut, nicht ohne Augenzwinkern, den „Feind als frohe Botschaft“ annehmen.

Und was passierte mit dieser Gruppe kluger, radikaler politischer Denker? Man erwog, angespornt durch die psychodidaktische Methode „Was könnten wir am falschesten machen, um zu unserem Ziel zu kommen?“, wie man den Gegenüber nimmer triggern sollte, wie man positive Visionen für die Rechte entwickeln, stärker „inklusiv, partizipativ und global“ denken könne. Remigration müsse aus der Motivation der Immigranten heraus gedacht werden, äußerte ein Aktivist, und auch die Idee des Therapeuten auf dem Handout, „aktive soziale Erlebnisräume“ mit Linken, von Tanz bis WGs zuzulassen, blieb unwidersprochen.

ICH LASSE MICH NICHT THERAPIEREN!

Das sei verständlich, allzu verständlich. Es könne in der Transformationsphase zur erweiterten Identität ein angstbesetztes Diffusionsgefühl (=gefühlter Kontrollverlust) entstehen.

ICH WILL MICH NICHT VERSÖHNEN!

Benn hielt 1934 eine Rundfunkansprache an die deutsche Jugend, der ich den Satz „Habe Mangel an Versöhnung“ auf Umwegen entnommen habe. Der Benn-Biograph Joachim Dyck beschreibt die Situation: für die Intelligenz der Weimarer Republik endete das Visionäre mit einer Villa, „ein Mercedes, das stillte ihren wertsetzenden Drang“ (Benn). Am Nationalsozialismus war für ihn 1934 schon der Lack angekratzt, er war für ihn aber noch der ersehnte „neue Staat“, den es eben gegen den liberalen Geschwätzparlamentarismus der Weimarer Republik tabula-rasa-ähnlich in Szene zu setzen galt. Der „Staat“, so betont Dyck, war 1933/34 auch zu denken gegen das anarchistische Wüten der SA im Straßenkampf.

Das ist der Kontext des versöhnungsverweigernden Zitats. Die gegenwärtige Rechte verzweifelt am Demokratieverständnis der Linken, ich auch, dazu morgen mehr. Die Linke hat ohnehin schon alle Hoffnung fahren lassen, einen herrschaftsfreien Diskurs mit der politischen Rechten auch nur zu imaginieren.

Nur, muß die Rechte deswegen in Therapie? Aus dem Blick des Systemikers gibt es da keinen Zweifel, hat er doch einiges Normative vorausgesetzt. Und damit – das will wohl der Teufel, Luhmanns Lieblingsbeobachter – einiges Linke. Das politische System müsse sich evolutionär durch zirkuläre Prozesse verbessern. „Entwicklungspotential“ heißt die Formel, ergänzt um „Konfliktkompetenz“ und“Visionsbildung“.

VERDAMMT NOCH MAL, ICH WILL EINEN FEIND BEHALTEN!

Carl Schmitt unterscheidet im „Begriff des Politischen“ fein zwischen „hostes“ und „inimicus“, und das Bibelwort „Liebet eure Feinde“ gilt für ihn natürlich nur sinnvollerweise für den persönlichen Feind, mit dem ich in Privatfehde, zerbrochener Freundschaft oder Rosenkrieg liege, den inimicus. Sich da, therapeutisch gesprochen, seinen Ängsten zu stellen um am Feind zu reifen zu authentischer Beziehung, ist recht und billig. Den hostes indes, den politischen Feind, sei es außen- (Nationen, Bündnisse) oder innenpolitisch (Parteien, Lager) zu „lieben“, ihm gegenüber verständnisvoll oder versöhnlich zu sein, ist in der politischen Logik (Freund/Feind, Macht/Ohmmacht) fatal. Dann hat er schlicht und ergreifend gewonnen. Zur Logik der politischen Feindschaft gehört auch, nicht als erster mit dieser aufzuhören, wohl glaubend, daß man damit den Code als solchen außer Kraft setzen kann und den Gegner entfeinden.

Ich halte mich auf mit Widerlegung und mit Worten. Aber nicht mit herrschaftsfreien, normativ-teleologischen, kommuniktionsermöglichenden. Ich schließe diese Tore.

ICH WILL NICHT! EGO NON.

Dann bleibt nur noch der unfreundliche politische Raum ästhetischer Erregung, und der ist der Linken derart wesensfremd, daß wir nimmer übersetzen können. Es ist auch und im wesentlichen ein Widerstreit der Pathosformeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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The god gives latitude – Sex und Demokratie

In nature we are convicted without appeal. (Camille Paglia, Sexual Personae)

 Die Zeiten werden säkularer, demokratischer und liberaler, Sex sowie auch Schuld scheinen emotional weniger aufgeladen, weshalb manche schon soweit gingen, das Über-Ich für tot zu erklären, oder aber – plausibler – von neuen, weniger repressiven Triebökonomien und „Neosexualitäten“ zu sprechen.

Ab Freitag gibt es in Wien eine Ausstellung „Sex in Wien – Lust, Kontrolle, Ungehorsam“ zu sehen. Soziohistorisch und voyeuristisch bestimmt interessant, theoretisch vermutlich eher weniger, weil die ausschließlich volljährigen Zuschauer museumspädagogisch an die Hand genommen und durch die „Topographie“ des Themas geführt werden. Volksaufklärung funktioniert so, Selberdenken nicht. Umso interessanter sind die Kommentare im Feuilleton (die Kronenzeitung macht’s ganz anders: sie beschreibt, was ihre Leser am Sex als solchem so erfreut, nennt lebendige Beispiele von Problemen im Schlafzimmer und auf der Straße, und schon ist der Leser eingeladen ins Wienmuseum, that’s it). Im STANDARD muß man das Thema kulturhistorisch durcharbeiten, und läßt dabei zwischen den Zeilen höchst wirksame normative Setzungen durchblicken.

Ich neige nicht dazu, mich im Bett schlecht zu benehmen

zitiert die Autorin des STANDARD-Artikels einen „heterosexuellen Mann mittleren Alters“- ach wenn er das doch täte!

Schuld mit Sexualität zu verquicken liegt nämlich weder kulturanthropologisch, noch psychologisch, noch theologisch automatisch auf der Hand. Das Mainstreamnarrativ, das Andrea Roedig ausführlich entfaltet, umfaßt genau diese drei Kopplungen: „archaische Befleckungsangst“ durch Kopulation als anthropologischer Motor der Kulturentwicklung, dann natürlich Freuds „Über-Ich-Funktion“ des Gewissens durch „Schuldkomplexe“in der patriarchalischen Gesellschaft, und die am leichtesten kulturhistorisch als überholt zu diskreditierende christliche Sexualmoral von „Erbsünde“ und „Keuschheit“ und Heuchelei. Mit diesen drei Kopplungen kann man ein ganzes Buch schreiben und kommt doch nicht sehr weit, weil das dahinterstehende Leitnarrativ viel zu viel vorgibt (in beiderlei Wortsinne: es steckt zuviel Normatives hinein, und es prätendiert zu viel). Es gibt vor, daß die Geschichte des Sex eine Geschichte der Aufklärung ist.

Roedig sortiert den Diskurs fein säuberlich und unsexy:

Klassisch und legendär sind natürlich die Schuldgefühle beim Fremdgehen, „vor allem, wenn der Seitensprung bei uns zuhause im Ehebett stattfindet“. Das sollte nicht so sein.

Was sollte warum nicht „so“ sein?

Nicht selten kommt es vor, dass Schuldgefühle dort auftreten, wo sie eigentlich nicht hingehören, und dort nicht sind, wo sie sein müssten.

Wo gehören sie denn ordnungsgemäß hinsortiert? Offenbar ist es hier gerade echt mühsam mit dieser Schuld,die dem aufkläretischen Netz immer ausbüxt, denn sie

wandert, verlässt den Ursprungsort, und wird dort gespürt, wo sie nicht hingehört.

Was um Himmels Willen bringt die Autorin in einen solchen Sortierungsfuror nach richtigen und falschen Orten für sexuelle Schuld? Die Antwort liegt in der heuristischen Unterstellung

warum der Mensch sich nicht schlicht und genüsslich der Triebe erfreut.

Ja warum denn wohl nicht? Eben gerade  n i c h t  wegen der oben genannten drei Kopplungen: Kulturanthropologie, Psychologie, Theologie – diese sattsam bekannte rousseauistische story bringt bloß aufklärerische Entstrukturierungen zustande. Demnach müßte der Mensch ohne Schuld am menschlichsten leben, und nur seine eigene Kulturentwicklung bringt ihn immer weiter in die hochkomplexen, unnatürlichen Schuldstrukturen hinein. Die gehören da nämlich eigentlich alle nicht hin. Wie einfach wäre Sex ohne Schuldgefühle. Daß „die Zeiten (…) säkularer, demokratischer und liberaler (werden), Sex sowie auch Schuld  emotional weniger aufgeladen“ zu sein scheinen, zeigt, daß Demokratie aus dem politischen System parasitär ins Liebessystem eingewandert ist.

Demokratisch beurteilt, ist völlig unverständlich, warum Menschen jemals ein Problem mit schuldhafter Sexualität gehabt haben, der gute Mann, dieser letzte Mensch, der nicht dazu neigt, sich im Bett schlecht zu benehmen, ist Zeuge dieses gekaperten Diskurses. Wenn er wenigstens noch wüßte, was Schuldgefühle bedeuten können! Dann wäre er zumindest in einer großen europäischen Erzählung beheimatet, und dies wäre zu loben, auch wenn sich Schuldgefühle nicht schön anfühlen, etwas „mit ihm machen“, ihn womöglich „traumatisieren“.

Lieber schuldig. Lieber schuldig bleiben, als mit einer Münze zahlen, die nicht unser Bild trägt. So will es unsere Souveränität.

Nietzsche wußte, was er in den „Dionysos-Dithyramben“ schrieb: Schuldigsein ist nicht „schlecht“, aus ihr muß nicht der Weg der Aufklärung herausführen. Souveränität ist niemals demokratisch, sexuelle Schuld ist nicht normativ sortierbar in „hier ist sie gerechtfertigt“ und „wo bleibt das Schuldgefühl der Vergewaltiger und Missbrauchstäter oder -täterinnen?“.

Noch einmal Camille Paglia:

There is no liberal dignity of the person in the Dionysian. The god gives latitude but no civil rights. In nature, we are convicted without appeal.

 

 

 

Angstroman – ein Paradestück der Projektion

Der blaue Betriebsrat hatte beim Sommerfest bei der Erdbeerbowle durchblicken lassen, daß er die Frage der Autochthonie schon einmal ernst nehmen wolle und hatte eine Umfrage begonnen, wer von den Angestellten und den freien Mitarbeitern in der dritten Generation Österreicher sei und deshalb für den Bezug aller Sozialleistungen berechtigt wäre. Vronis Mutter hieß Manca und der blaue Betriebsrat erkundigte sich scherzend, was denn das für ein Name sei. Ein österreichischer Name sei das ja nun nicht und ob er sich für Vronis Mutter einsetzen solle, damit sie nicht in die Kategorie Ausländer gerate.

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz veröffentlicht jeden Donnerstag ein neues Kapitel ihres Online-Romans „So wird das Leben“: http://www.marlenestreeruwitz.at/wahlkampfroman-2016-so-wird-das-leben-3-folge/ zur Bundespräsidentenwahl in Österreich.

Im STANDARD dieses Wochenendes konnte man die Motivation zum Verfassen dieses Romans in einem Interview lesen, obwohl die Motivation schon in dem Roman selber völlig durchsichtig und platt den Figuren in den Mund gelegt wird:

„Wenn dieser Höflein die Wahlen gewinnt. Der braucht nur sagen „Ich gelobe.“, und sein nächster Satz kann schon sein, „Ich entlasse die gesamte Regierung und löse den Nationalrat auf.“ Vroni mußte seufzen. Ging das wirklich so einfach. Sie konnte sich das nicht vorstellen. Es gab doch eine Verfassung, die genau das verhindern sollte. Österreich war doch ein demokratisches Land. Da konnte niemand so einfach die Volksvertretung auflösen. „Es ist sich sozusagen niemand im Klaren wie gefährlich unsere Situation ist. Ich bin Juristin, wissen Sie.“

Dasselbe sagt Frau Streeruwitz im Interview, mit Klarnamen des Kandidaten Hofer, versteht sich, sie zitiert ihre wahren Erkenntnisse lieber noch einmal selber, damit ja kein Leser vielleicht nicht mitbekommt: Frau Streeruwitz hat Angst.

Sie hat Angst, wenn Hofer Bundespräsident wird. „So wird das Leben“ soll eine Warnung, eine Mahnung sein, beinhaltend, daß sie als Kassandra vorausgesehen hat, wie nach der Machtergreifung alles Unheil langsam aber stetig seinen Lauf nimmt.

Da treten „die Identitären“ auf, in der Rolle der SA, „die Burschenschafter“ in der Rolle der Strippenzieher im Hintergrund des allmächtigen Präsidenten, „die zwei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingsbuben“ in der Rolle der jüdischen Kinder, die versteckt gehalten werden müssen usw. usf. – der Roman hat irgendwie eine historische Vorlage …

Was passiert eigentlich, wenn die „Rechtspopulisten“ die Macht übernähmen? Was glauben Linke? Ich diskutierte gestern mit jemandem, der in die Runde fragte: „Na, was glaubt ihr, was die Leute da denken?“ Ich, wie aus der Pistole geschossen: „Ethnische Säuberungen!“ Das jedenfalls glaubt H ernsthaft, und wie ich erfuhr, ein alter linker Freund des Fragestellers ebenfalls. Ich kann hinzufügen: übrigens, Pogrome sind nicht geplant bis auf weiteres ….

Diese Szene hatte ich vor zwei Monaten kurz geschildert unter „Vermischte Bemerkungen“, da muß sie jetzt raus, denn derart Absurdes hat offensichtlich literarischen Rang erlangt.

Streeruwitz verwurstet just solche „irrationalen Ängste“, die ja stetig und anschwellend dem rechten Denken und Wählen unterstellt werde, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein Paradestück der Projektion!

Was genau macht ihr solche Angst? Im Roman kann es ja dunkel dräuend bleiben, Anspielungen genügen, der Leser macht sich von alleine seinen Reim, hat er doch seit frühen Jugendjahren einschlägige Vergangenheitsbewältigungsliteratur  und -filme intus.

Ich zähle auf, was im Interview an angsteinflößenden Streeruwitz zufolge unweigerlich eintretenden politischen Entwicklungen genannt wird:

„die völkisch-nationale Anordnung der Rechten“ statt der „Demokratie, die wir kennen“

„es wird die Solidarität aufgegeben“, zwischen „Staatsbürgerschaften getrennt“

„stiller Staatsstreich“ dank der „Verfassungsnovelle von 1929“

„mit dieser rassistischen Religionsauffassung beginnt eine Zurichtung des Staatsbürgers“

dann ist der „mittelalterliche Zustand erreicht, daß bestimmte Personen bestimmte Dinge anziehen dürfen oder nicht“

„Hofer und die FPÖ wollen ja herrschen, die demokratischen Parteien sollten aber vertreten wollen“

„unwiederbringlich ständestaatliche Organisation“.

Das alles klingt schlimm, sehr schlimm, indes: es ist reine Projektionsnovellistik. Die Novelle als Genre ist die „unerhörte Begebenheit“, einen gewissen Grusel und eine gewisse Schaulust setzt sie voraus und in Gang. Die Autorin projiziert zuerst einmal ihre aktuellen Ängste auf die historische Situation. Es wiederholt sich alles in Kleinformat, was nach der Machtergreifung 1933 dann abgelaufen ist, ganz pfiffiges Strickmuster für einen Roman, zugestanden, aber politisch ausgesprochen gefährlich – an genau dieser Stelle hat literarische Ästhetisierung propagandistische Funktion.

Wirklich grotesk ist ihre Vorstellung, daß in der Geschichte der zweiten Republik kein Mensch gemerkt hat, wie gefährlich der Ermächtigungsvorbehalt des Präsidenten in Wirklichkeit ist, weil bisher immer nur nette Demokraten das Amt innehatten. Die Gefahr dieses in den Tiefen der österreichischen Judikatur verborgenen Mechanismus‘ ist „offenkundig nur den Leuten bewußt, die ein Begehren haben, diesen Staat wirklich umzukrempeln“ – und Frau Streeruwitz selber! Sie projiziert also ihre Revolutionsphantasien („Es geht um eine andere Form der Revolution“) in die Köpfe von Norbert Hofer und der FPÖ-Wähler. Ich gehe jede Wette ein, daß die FPÖ sowas von keinerlei revolutionäre Pläne hat, ist sie doch eine etablierte österreichische Volkspartei, das sagt alles.

Das „Ständestaatliche“ ist eine österreichische Spezialität der Jahre 1933-38, Wikipedia definiert: „der Ständestaat ist ein nach Berufsgruppen (altertümlich „Stände“ genannt) organisierter Staat ohne politische Parteien und demokratisch gewähltes Parlament, jedoch mit einer den Staat tragenden weltanschaulichen Bewegung“.

Die Romanautorin wird nicht müde, den Ständestaat heraufzubeschwören, es kann nur beschwörend funktionieren, denn politisch ist aktuell keine irgendwie sinnvolle Rede von „Ständen“ denkbar (und die „den Staat tragende weltanschauliche Bewegung“ ist genauso links und grün und „friedlich demokratisch“, wie es Streeruwitz gerne hat). Also reicht auch eine unsinnige Rede: “ es gibt dann Gruppen oder Stände, die im Staat miteinander verhandeln müssen“ – hm, Gruppen ja wohl definitionsgemäß in Demokratien immer, und diese dann „Stände“ zu nennen, speist sich einzig und allein aus Streeruwitz‘ Vorstellung, daß „das Ständestaatliche“ der „friedlichen Demokratie“ diametral entgegengesetzt wäre. Da dreht sich etwas im Kreise.

Eine kleine feine Fehlleistung ist, daß das demokratische Prinzip, wenn es verloren ginge, „unwiederbringlich ständestaatliche Organisation“ nach sich ziehe. „Unwiederbringlich“ bedeutet: leider ging sie uns verloren, die gute alte ständestaatliche Organisation, Streeruwitz meint wohl „unweigerlich“.

Frau Streeruwitz sei zur Beruhigung eindringlich versichtert: „so“ wird das Leben nicht. Weder, wenn van der Bellen gewinnt, no na net, noch, wenn Hofer gewinnt. In ersterem Falle bleibt das Lesepublikum ihrer Angstnovelle in seiner selbstbeweihräuchernden anheimelnden Sicherheit, „es“ noch einmal verhindert zu haben, in zweiterem Falle wird recht schnell klar werden, wie groß die Enttäuschung der linken Wiedergängergruselromanleser sein wird, wenn „er“ nicht hält, was sie sich von ihm alles versprochen haben.

 

 

Das Immunsystem, Gefühle und die AfD

Es setzt sich, ein paar Tage nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, eine Formel durch, die 21,4% aus dem Stand der AfD zu interpretieren. Die Formel lautet:

CDU-Gefühle = rational

AfD = -(CDU-Gefühle)=irrational

Formeln greifen zu kurz, in diesem Falle um den Zeitfaktor. Merkels Willkommensdusel war im Sommer 2015 eine wohl vorbildlose Demonstration von Gefühlspolitik, vielleicht allenfalls mit  historischen Gnadenakten vergleichbar. Aktuell setzt die CDU kein bißchen mehr auf Gefühle, vielmehr ist sie jetzt rettungslos der „Gefühlspartei AfD“ ausgeliefert.

Der CDU- Bundessprecher behauptete in der tagessschau des Wahlsonntags, daß aktuell kaum mehr Flüchtlinge kämen, überhaupt nur wenige Tausend in M-V angekommen seien, dieser Prozeß das Verdienst der CDU wäre, und es also kein „Flüchtlingsproblem“ gäbe. Alles komplett rational, wer das Gegenteil behauptet, wählt „aus dem Bauch heraus“.

Es gilt den Nachweis zu führen, „der“ AfD-Wähler sei irrational. Seine Irrationalität speist sich daraus, die (inzwischen rationalisierten, sonst geht die Interpretationsformel nicht auf) Willkommensgefühle der CDU mit negativem Vorzeichen zu versehen.

Menschen wie Guido Reil gibt es viele in Deutschland. Sie vertrauen dem diffusen Gefühl des Unbehagens mehr als Sätzen wie „Wir schaffen das“, machen ihr Kreuz deshalb nicht mehr bei CDU oder SPD, sondern bei der AfD.

textet der KURIER heute. Halten wir uns diese Logik des Vergleichs vor Augen: hätte Herr Reil dem Satz „Wir schaffen das!“ positiv gegenübergestanden, wäre das Ausdruck intakter Vernunft gewesen, sein jetziges Handeln, nämlich AfD-Mirglied geworden zu sein und in hart aber fair seinen Mann zu stehen, ist Ausdruck eines „diffusen Gefühls“.

Dazu findet sich auf Spiegel Online ein hinreißend propagandistisches Interview.

Verschiedenen Leuten, von AfD-Leuten auf Listenplätzen bis zum äußerst einfachen Mann auf der Straße werden den Vorgeführten Fragen nach absoluten Zahlen gestellt, z.B. wieviele Flüchtlinge in diesem Kalenderjahr genau nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen seien. Genausogut hätte man dieselben Figuren, Mikro unter die Nase, nach der Einwohnerzahl Syriens oder nach der aktuellen Größe des Ozonlochs fragen können und sich dann von der überlegenen Position des Interviewers, der dem Publikum die Zahl bereits verraten hat, gemeinsam am dummen Stammeln, wilden Verschätzen („Eine Million Flüchtlinge!“) und Sich-Widersprechen der Leute delektieren.

Daß die Interviewten ins Messer rennen und falsche Zahlen im Brustton der Überzeugung kundtun, soll untermauern, wie wahnsinnig irrational doch die „Ängste“ der Menschen sind und warum die Wähler bar jeglicher Vernunft gewählt hätten.

Daß die Interviewten ins Messer rennen und falsche Zahlen im Brustton der Überzeugung kundtun, zeigt in Wirklichkeit, wie ernst es den Leuten ist. Sie haben aus den Medien gelernt, durch ständige „Faktenchecks“ und „Wahre Zahlen zum Phänomen xy“, daß man mit Zahlen Authentizität herstellt. Mehr wollen sie nicht: ernstgenommen sein.

Gefühle drücken keine undefinierbare Erlebnisqualität aus. Gefühl beschreibt die Selbst- oder interne Anpassung psychischer Systeme infolge problematischer Ansprüche an die eigene Autopoiesis. Es geht um eine Immunfunktion innerhalb des psychischen Systems angesichts anders nicht zu verarbeitender Erfüllungen und Enttäuschungen von Erwartungen.

liest man, enttäuscht von der Nullerklärungskraft der Im-Griff-der-Gefühlspartei-These, schon in der Luhmannsekundärliteratur (gute Zusammenfassunng, Krause 1999²), Luhmann selber formuliert (in: Vorwort zu Allgemeinste wissenschaftliche Grundlagen des Sozialen, 1984), Gefühle seien eine

kognitiv interpretierte, etikettierte Körperwahrnehmung, die erst durch soziale Standardisierungen und semantische Codes (..) auf Dauer gestellt werden kann.

 

Die politische Lage in Deutschland ist eine Zumutung an die „Autopoiesis“ der Deutschen. „Autopoiesis“ ist ein Kunstwort aus der systemtheoretischen Biologie, wörtlich etwa: Selbst-Herstellung, das das empfindliche Gleichgewicht biologischer Systeme, z.B. Organismen, beschreibt. Das Gleichgewicht erhält sich durch Verarbeitung von Umwelteinflüssen, immer auf der Kippe zum Zusammenbrechen bei zu großer Irritation. Ein tierischer Organismus ist beispielsweise auf ein Zusammenspiel von: passender Temperatur, Feuchtigkeit, territorialer Größe, Nahrung etc. angewiesen, fällt nur eines davon unter die kritische Grenze oder schießt über die Obergrenze hinaus, kollabiert der Organismus. So empfindlich ist Leben. So empfindlich ist auch Seelenleben („psychische Systeme“), so empfindlich ist auch Gesellschaft („soziale Systeme“).

Es gibt da offenbar massive „problematische Ansprüche an die Autopoiesis“ des deutschen Volkes. Diese lösen eine Immunreaktion aus, die selbst nicht kognitiv abläuft. Das ist wichtig festzuhalten, gleichzeitig heißt „nicht kognitiv“ aber nicht „undefinierbare Erlebnisqualität“ oder „diffuses Unbehagen“, sondern die eine Hälfte von Kognition/Operation. Jeglicher Sinn in der Welt funkioniert durch eine Balance von bewußtem Steuern (Kogrnition) und Handeln (Operation). Eines nie ohne das andere.

Wenn wir die AfD als kommunikatives Phänomen sehen, dann läßt sich ungefähr folgendes erkennen, und das ist schon ein bißchen mehr als nur „Gefühlspartei“:

Die CDU erwartet vom Wähler als Kommunikationsteilnehmer Bestätigung ihrer ideologischen Sätze („Wir schaffen das“, neu im Sortiment ist jetzt „Deutschland bleibt Deutschland“), bei Strafe der Irrationalisierung und damit: Ausschluß aus der Kommunikation. Diese Erwartungen schafft der Wähler einfach nicht zu verarbeiten, die Enttäuschung seiner Erwartungen an politische Kommununikation (z.B. ganz einfach Einschluß seiner Realitätswahrnehmung in den politischen Code) sind zu groß, der Kippunkt ist erreicht. Die Folge ist eine Immunreaktion: Abstoßung der Zumutung dieses riesigen kommunikativen Paradoxons, Ausgriff in kommunikativ unbesetztes, zumindest unterdeterminiertes Gelände – die „Alternative“ der AfD.

Im KURIER ist man ratlos und konstatiert, wissenschaftlich untermauert, eine

große Paradoxie: Den Deutschen geht es nämlich derzeit so gut wie lange nicht, zeitgleich sind sie aber so pessimistisch wie zuletzt bei der Finanzkrise 2008. Nicht mal jeder Fünfte sorgt sich um seinen Job, mehr als die Hälfte stuft ihre Lage als „sehr gut“ oder „gut“ ein; zugleich ist man aber voller Sorge wegen der Flüchtlingskrise und des internationalen Terrors, hat das Allensbach-Institut nun im Auftrag der SPD eruiert.

Die Paradoxie ist doch erklärlich! Es gibt (noch) keine ökonomische Irritation, sondern eine politische – die Orientierung im Gefüge von Macht und Ohnmacht ist gestört, die psychischen Systeme (vulgo: Leute) erleben sich als machtlos. Ihre „Körperwahrnehmungen“ signalisieren Alarm (wunderbar komplementär zu Luhmann paßt hier des Phänomenologen Hermann Schmitz‘ Vorstellung der leiblichen Wahrnehmung von „Engung“ und „Weitung“ – das politische Sensorium der Deutschen signalisiert ganz drangvolle Engung!). Dafür fehlen allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch „soziale Standardisierungen und semantische Codes“, um dieses Erleben in der gesellschaftlichen Kommunikation sinnvoll zu verarbeiten (also: für normal, diskutabel, ernstzunehmen, anschlußfähig zu halten).

Also reagiert die politische Kommunikation ihrerseits wieder auf dem Level des Immunsystems: Abstoßung der Zumutung, daß 21% AfD wählen durch Zuschreibung von kommunikativ nicht akzeptabler Systemrationaltät: „diffuse Gefühle von Unbehagen“ sind inkommunikabel.

Die Ernsthaftigkeit der Zahlenhuber unter den Verteidigern der AfD auf der Straße wird durch die mediale Überlegenheitsgeste kommunikativ aus dem Diskurs ausgeschlossen. Nicht ernstgenommene Kommunikationsteilnehmer indes reagieren mithilfe ihres Immunsystems: ein System schützt sich vermittels seines Immunsystems mithilfe von Neins gegen im Augenblick nicht mögliche Jas.

 

 

 

Nicht mehr nur nach Spa

Aus dem Deutschunterricht der gymnasialen Mittelstufe erinnere ich mich an eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll unter dem für uns Schüler damals höchst unklaren Titel „Wanderer, kommst du nach Spa“, der uns folgendermaßen erkläutert wurde: Der Kriegsheimkehrer in der Erzählung findet auf der Wandtafel in seiner alten Schule den abgebrochenen Anfang der Schillerworte

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Diese Verse standen auf dem Gedenkstein für die getöteten sich tapfer verteidigenden Spartaner in der Thermopylenschlacht. Böll greift sie mit der Botschaft auf: das klassisch-humanistische Erbe hätte die Deutschen nicht vor der Barbarei geschützt. Im Gegenteil, genau diese kriegsverherrlichende, Härte glorifizierende und menschenverachtende Gesinnung Spartas sei im Dritten Reich triumphal in der Katastrophe geendet.

In der faz vom Montag, 29. August, finde ich den ersten ernstzunehmenden Kommentar von Justus Bender zur Aktion der Identitären Bewegung, der sich nicht auf handelsüblichen Floskeln („Rechtsextreme stürmen …“) ausruht. Dieser Kommentar ist mit „Spartanischer Aktivismus“ betitelt.

Im Text findet sich der Ansatz eines Ansatzes einer Erklärung der Identitären (sie bezögen sich auf linke und Umweltschutz-Protestformen, stimmt, sie hätten  die „autonomen Nationalisten“ als Vorgeschichte, stimmt nicht, und das Lambda als Symbol bezöge sich auf die Spartaner (Lakedaimonier) in der Thermopylenschlacht, stimmt). Ich bleibe beim Titel, und dem historischen Metaphernfeld Sparta.

Der Geschichtsunterricht gab zu Sparta nicht viel her, außer, daß dieser Militärstaat mit seiner harten Knabenerziehung und Sklavenhaltung gewiß nicht als Vorbild für unsere heutige Demokratie dienen kann, sondern Athen. Der Deutschunterricht gab Bölls apodiktische Ineinssetzung von Nazis=Sparta her. Ich fürchte, daß diese Assoziation nicht allein meine war, und suchte weiter.

Das liberale Zeitalter konnte Völker und Menschen nicht ins Auge fassen – ‚fassen‘, das klang ihm schon viel zu violant -, es konnte die Macht nicht sehen. Hinsichtlich Griechenlands lehrte es: Sparta war eine traurige Kriegerhorde, Soldatenkaste, ohne kulturelle Sendung, Hemmschuh Griechenlands, ‚alles entstand gegen die Macht‘. Die moderne anthropologische Prinzipienlehre, die sich als neue Wissenschaft bildet, erblickt gerade in der Macht und der Kunst verschwistert die beiden großen Spontangewalten der antiken Gemeinschaft.

Das ist Gottfried Benn, Dorische Welt, 1934. Er setzt noch ein paarmal nach und erkennt als Muster ihres Sieges in der „dorischen“, d.h. spartanischen Welt:“immer wieder die Grenzen abstecken und überwachen, das ist wohl eines der Mysterien der Macht“, und „dorisch ist jede Art von Antifeminismus“.

Jetzt kommt ein ahistorisches Gedankenexperiment: nehmen wir an, wir befänden uns im „liberalen Zeitalter“, das bei Benn wohl 1933 endete, aber wir sehen es aktuell wieder: der Liberalismus kann „Macht“ nicht sehen (Benns Sottise, daß schon ein Wort wie „fassen“ zu schlimm klingt, taucht aktuell in der Ablehnung des Wortes „Grenze“ auf, von „Grenzen“ zu reden ist unfair).

Die sozialgeschichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus förderte exakt das Spartabild zutage, das Benn rückblickend für blind für die Macht erklärte.

Benns nationalsozialistische Teleologie geht in dieser Phase seines Schaffens dahin, daß jetzt eine „moderne anthropologische Prinzipienlehre“ als „Wissenschaft“ ihren Siegeszug antrete und endlich das wahre Sparta erblicken könnte. Diese Wissenschaft ist ihrerseits eine zweifelhafte Angelegenheit, wir können uns also nicht Benns Sparta-Lob anbequemen und mit der Identitären Bewegung irgendetwas Pathetisches in Richtung: „Mysterien der Macht“ und „Spontangewalten“ verbinden. Das mit dem „Antifeminismus“ ist allerdings reizend …

Was wir aber können, ist gut postmodern draufschauen, was in diesem Metaphernfeld passiert ist: „Sparta“ taugt als Chiffre für „tapfere männliche Unbeugsamkeit“ zur Identitätsbildung. Wenn „tapfere männliche Unbeugsamkeit“ als solche komplett aus dem Geschichtsbild hinauskomplimentiert wird (wie in Benns „liberalem Zeitalter“, wie in der sozialhistorischen Antikenforschung bis heute, wie im linksliberalen Alltagsdiskurs), einfach nicht mehr sein darf, dann passiert auch etwas mit der Identität der betroffenen Völker. Denn formal hat Benn ja leider recht: Macht (oder präziser: der politische Code Macht/Ohnmacht) und Kunst „verschwistert“ werden unsichtbar für denjenigen, der sie moralisch als „barbarisch“ oder wenigstens als allzu „pathetisch“ ausschließt.

Daß die Identitäre Bewegung frei mit den Codes von „Macht“ und „Kunst“ operieren kann, und sich auch nicht eines gewissen Pathos‘ enthält (sonst könnten von ihr keine Bewegungsimpulse ausgehen!), mithin, daß sie sich traut, nicht in „Spa“ stecken zu bleiben, ehrt sie.

Es wird schon keine bennsche „Prinzipienlehre“ draus werden, keine Angst. Justus Benders‘ ängstliches, im Umgang mit der Neuen Rechten gewohnheitsmäßiges Herbeizitieren des gesamten „Netzwerks“ am Ende seines Artikels zeigt, daß er es nicht schafft, „Völker und Menschen ins Auge zu fassen“. Denn mit denen ist inzwischen einiges passiert, mit „Spa“ kommt keiner mehr weiter.