Wer sieht den Feind als erster?

Wenn die Öffentlichkeit anfängt zu glauben, daß „Rechtspopulismus“ und „islamischer Fundamentalismus“ als gleichwürdige Kriegsgegner um Europa kämpfen, und das „Gute“ darin bestehe, diesen Krieg mit entrüstetem Kopfschütteln zu beobachten, dann hat die Linke wirklich etwas erreicht: dem Islam, der sich nämlich beileibe nicht dafür interessiert, ob seine Gegner „links“ oder „rechts“ sind, durch die eigene Option für den Pol „Ohnmacht“, die Türe zu öffnen. Wer dann den Kampf ausficht, dürfte klar sein: derjenige, der überhaupt sieht, daß es einen Kampf gibt.

Dies hier schrieb ich am 28. Juli, auch zwei Wochen später hänge ich an derselben Stelle fest. Die Öffentlichkeit glaubt das nämlich tatsächlich! Die Frontbestimmung, daß der wahre Feind rechts stehe, geht auf Scheidemanns Sorge vor den reaktionären Monarchisten 1918 zurück, berühmt wurde die Rede des Kanzlers Joseph Wirth 1922 anläßlich der Ermordung Rathenaus:

„Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“

Seit letztem Jahr erfährt diese Feindbestimmung eine geradezu meme-artige Verbreitung. Zuerst in der Form: die Flüchtlinge sind nicht die Gefahr für Deutschland, sondern die rechte Hetze gegen Flüchtlinge. Dann in der Form: Der Islam gehört zu Deutschland, der islamistische Terror darf nicht damit gleichgesetzt werden, die wahre Gefahr liegt in dieser Gleichsetzung (und nicht im Terror selbst!). Jetzt in der Form: die Demokratie ist in Gefahr durch Rechtspopulismus (und nicht so sehr durch den Terror selbst!), und zwar weil die Rechtspopulisten sich ihr Freund-Feind-Denken beim Islamismus abgeschaut haben.

In der Süddeutschen Zeitung vom 7. August agiert der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, genau diese Logik  aus. Er geht davon aus, daß die westliche Demokratie in verschiedener Hinsicht (die Hinsichten „heften sich unmittelbar“ aneinander, kausal verknüpft sind sie wohl eher nicht) bedroht sei: zum einen durch die Gefahr der Diktatur wie in der Türkei, durch „Autokratie“ wie in Rußland, Polen, Ungarn, und dann: im Innern durch politischen „Extremismus“.

Er hält „die Demokratie“ historisch dann für besonders gefährdet, wenn sich aus beiden Richtungen (links und rechts) extremistische Kräfte herausbilden, die einander und die Demokratie bekämpfen. Das ist für die Weimarer Republik die Standarddiagnose. Nur: in welcher Hinsicht könnte sie auf die aktuelle Lage Europas zutreffen? Eine politisch linksextremistische Bedrohung etwa Deutschlands oder Österreichs ist nicht auszumachen (es sei denn, man sähe Merkels CDU zusammen mit der LINKEN oder die SPÖ zusammen mit den Grünen als „linksextrem“ an, wozu es sicher genug Anlaß gäbe, dies allerdings ist wohl eher nicht Wirschings Intention). Wirsching braucht die Konstruktion dieser doppelten Bedrohung argumentativ überhaupt nicht, sie dient ausschließlich als historische Parellelführung Weimar/heute, mit entsprechend auszulösenden Assoziationen. Echt perfide wird dieser Gedanke, wenn er schreibt:

Zugleich brachte dies vor allem auf Seiten der politischen Rechten neue Gefahren mit sich: die Versuchung nämlich, aus der Konstellation Kapital zu schlagen und mit Extremisten zum Zwecke der eigenen Machterweiterung zu kollaborieren.

Welche „Extremisten“ könnten gemeint sein? Die Rechten selbst ist unsinnig. Die Linken? Jedwede „Kollaborations“vorstellung ist absurd. Also bleibt nur – und da liegt der Hinterhalt – der islamische Extremismus. Die europäische Rechte „kollaboriert“ also mit dem Islamismus und „schlägt daraus zum Zwecke der eigenen Machterweiterung Kapital“. Interessant, deucht mir irgendwie, die europäische Rechte wehre sich gegen den Islamismus?

Wer hat hier wen als erster zum Feind erklärt? Doch wohl der Islamismus den Westen. Bloß kann der Westen ihn nicht „entfeinden“, indem er die Feinderklärung nicht annimmt und meint, in seiner friedfertigen Demokratie könne und dürfe es doch keine Feinde geben.

Aufs Ganze gesehen wollen sie lieber unsouverän als tötungskompetent sein.

attestierte Peter Sloterdijk im Oktober 2015 in der NZZ den Europäern.

Doch der Sinn des Arguments erschließt sich, wenn man oben genanntes Muster anlegt: die größte Gefahr der Demokratie ist der „Rechtspopulismus“, und zwar eben weil  die antiwestliche Ideologie des Islam die Welt „mit Gewalt in ein Freund-Feind-Schema zwingen“ wolle. Da nun das verrufene „Freund-Feind-Schema“ ein klassisches rechtes Denkmuster ist, sind Rechte prädestiniert dafür,  darauf hereinzufallen, weil ihr Denken von den Kernbegriffen „Hass“ und „Feind“ herkomme.

Wirsching zitiert den „Nationalisten“ Ernst-Moritz Arndt (nach dem immerhin die Universität Greifswald benannt ist), der Haß für eine notwendige „Schutzwehr gegen das Eindringen des Fremden“ gehalten habe.

Dieser Feind ist das Fremde, das jetzt den bislang diffus vagabundierenden Hass, der wahrscheinlich in jeder Gesellschaft schwelt, auf sich zieht und auf das die Profiteure des Hasses neuen Hass lenken können.

Was die Rechten noch schlimmer mache als die Islamisten, sei ihr Profitdenken und ihr kapitalschlagendes Machtkalkül. Womit wir auf einer neuen Eskalationsstufe der Diffamierung angekommen wären: Rechte sind nicht bloß verblendet, dumm, primitiv und geistesgestört, sondern auch noch – wenn es sich um eher einflußreiche Exemplare handelt – skrupellos kapitalistisch machtgeil (Hauptzutat des modernen Bösen!) und ihre eigens dafür codierte Währung ist „der Hass“.

Wer sieht den Feind als erster? Wirsching bestimmt nicht. Seine Logik geht so: die Islamisierung Europas ist Fakt und nicht das Problem, der Islamismus allenfalls eine „enorme Herausforderung“, wer also hier einen Feind sieht, der irrt. Es handelt sich vielmehr um falsche „Feindbildkonstruktionen“, die man genauso wie die „schändliche“ Komplexitätsreduktion der Rechten bekämpfen müsse. Formiert sich indes in Europa indigener Widerstand gegen diesen Feind, muß man den Widerstand brechen durch Diffamierung der Akteure als „Rechte“, dieses Elitenprojekt „Demokratie“ nennen und seine Gegner „Extremisten“. Dann kann der Feind geräumtes Terrain betreten.

Die Logik dieser Denkungsart ist brandgefährlich, weil sie die immerhin mögliche Realität ausblendet. In befriedeten saturierten Demokatien kann man das gerne machen. Da reicht als Waffe auch

das klare Aufzeigen der demokratisch-rechtsstaatlichen Alternative, die aus sich selbst heraus befriedend und entradikalisierend wirken kann.

Es kann sein, daß in diesem metapolitischen Widerstreit tatsächlich Szenario gegen Szenario steht. Es kann sein, daß einen Feind zu sehen, wo keiner ist, die Ruhe im Lande zerstört und eine agonale Stimmung erzeugt, die eine friedfertige Demokratie nicht aushalten kann, sodaß es sie zerreißt. Es kann sein, daß einen Feind zu sehen, wo einer ist, die vielleicht letzten Kräfte gegen diesen Feind aufrufen kann, die sich in einer friedfertigen Demokratie noch finden.

Machen wir es wie Pascal in seiner Wette, nur umgekehrt: annehmen, daß der Teufel existiert.

[E]s muß gewettet werden, das ist nicht freiwillig, ihr seid einmal im Spiel und nicht wetten, daß Gott ist, heißt wetten, daß er nicht ist. Was wollt ihr also wählen? […] Ihr habt zwei Dinge zu verlieren, die Wahrheit und das Glück und zwei Dinge zu gewinnen, eure Vernunft und euern Willen, eure Erkenntniß und eure Seligkeit, und zwei Dinge hat eure Natur zu fliehen, den Irrthum und das Elend. Wette denn, daß er ist, ohne dich lange zu besinnen, deine Vernunft wird nicht mehr verletzt, wenn du das eine als wenn du das andre wählst, weil nun doch durchaus gewählt werden muß. Hiemit ist ein Punkt erledigt. Aber eure Seligkeit? Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“

Setzt Europa darauf, es gäbe einen Feind, hätte es zumindest die Chance, ihn abzuwehren, setzt es aber darauf, es gäbe keinen Feind, wäre im Falle, es gäbe ihn doch, alles verloren, auch die Demokratie.

 

 

 

 

 

9 Gedanken zu “Wer sieht den Feind als erster?

  1. Hier auch noch ein Auszug aus den 16 Punkten der Alternativen Rechten von Vox Day, darin steht:

    „16. Die Alternative Rechte ist eine Philosophie, die auf den Frieden zwischen den verschiedenen Nationen der Welt Wert legt und stellt sich gegen Kriege, die Werte einer Nation einer anderen aufzwingen sowie die Bemühungen, einzelne Nationen durch Krieg, Völkermord, Einwanderung oder genetische Assimilation auszurotten.

    Die Alternative Rechte ist eine westliche Ideologie, die an Wissenschaftlichkeit, Geschichte, Wirklichkeit glaubt und das Recht einer genetischen Nation zu existieren und sich selbst in ihrem eigenen Interesse zu regieren.“
    .
    https://voxday.blogspot.de/2016/08/16-punkte-der-alternative-rechte.html

    Das ist genau der Punkt: „[durch] genetische Assimilation auszurotten“.

    Vox Day ist sich natürlich auch bewusst, und er hat das in seinen zahlreichen Gesprächen auf YouTube z. B. mit Molyneux auch gesagt, daß diese genetische Assimilation von Menschen aus Ländern, die in beinahe allen Fällen einen mittleren IQ haben, der mindestens eine Standardabweichung unter dem weißen Durchschnitt liegt, dazu führen wird, daß der IQ eines Landes eben fällt. Wie man spatestens seit Lynn und Vanhanen, und nun auch durch Garett Jones weiß, ist der nationale mittlere IQ wichtiger und aussagekräftiger als der eigene, individuelle IQ. Das heißt, daß der Lebensstandard dann natürlich sinkt und die Kriminalität sowie generelle Dysfunktionalität zunimmt.

    Das kann niemand wollen. Nur um krampfhaft als weltoffen zu gelten, sollte man nicht ganze Völker durch Vermischung zerstören: man nimmt damit auch einer Nation das (intellektuelle) Potential. In „Cuckservatives“ hat Vox Day berechnet, daß durch die ca. 60 Millionen Einwanderer allein, die seit 1965 in die USA geströmt sind, der mittlere IQ der USA um 4 Punkte gefallen ist (!!).

    Ich hoffe, daß mir, ja daß uns, die wir vor allem Kinder haben, dieses Szenario, daß sich etwa die vielen jungen Männer, die 2015 kamen, nun mit deutschen Mädchen vemrischen, erspart bleibt. Es würde bedeuten, daß wenn meine beiden Töchter sich im besten Alter befinden, die dann lebenden „Deutschen“ keine moderne Industrienation mehr aufrecht halten können, geschweige denn ausbauen und erweitern.

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  2. Darf ich Sie ein bissl ärgern? Ich lese im Editorial der Zeitschrift des „Kulturwissenschaftlichen Insittuts Essen“ vom Leiter, Klaus Leggewie, folgendes: „…dass unter den Flüchtlingen ein beachtliches akademisches Potential vorhanden ist, das in die Universitäten und Forschungsinstitute drängen wird. Wir werden neue Studierende, Doktoranden, Kollegen und Kolleginnen bekommen – und freuen uns darauf.“ (…) „Nach der Flucht ist das elaborierte Wissen der Flüchtlinge meist zum Schweigen verurteilt. (…) Aber noch misslicher ist es, wenn die Aufnahmegesellschaften den Wissensfundus der Exilanten ignorieren und sie in niedere Arbeiten der Schattenwirtschaft abschieben.“
    Der glaubt das wirklich! Und sitzt dabei dem Fehlschluß auf, den ich einmal in einer Karikatur illustriert fand: zwei Mütter schauen ihren Kindern beim Spielen zu, das eine Kind macht alles kaputt und ärgert das andere Kind, worauf die eine Mutter meint: „Er ist hochbegabt, weißt du, nur kann er das noch nicht so gut ausdrücken, wenn andere Kinder dabei sind!“
    Den Vonderach werde ich mir besorgen, was Begabungsforschung betrifft, bin ich einschlägig vorgebildet, danke Ihnen!

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  3. Der Argumentationslinie ist schwer zu folgen. Wenn ich es ohne philosophisch Verbrämung in einer Aussage zusammenfassen wollte, käme folgendes heraus: 1. Keine Besinnung auf den besonderen Charakters des Eigenen. 2. Keinesfalls Verteidigung des Eigenen. 3. Das Beste daraus machen und diese Aufgabe der nachfolgenden Generation überlassen.
    Zum schönen Bild des fortpflanzungswilligen deutschen Mädels der dazu passende syrische Ehemann ein kurzer Abriss aus meinem Umfeld: Junge blonde Frau heiratet muslimischen Mann aus Sahelzone. Eines Tages sind Ehemann und Tochter verschwunden. Nach zwei Wochen Rückkehr, aber das Kind ist verstört, weint nur noch und lässt sich nicht berühren, auch nicht baden oder waschen. Schreckliche Ursache: Zwangsbeschneidung. Ergebnis ein traumatisiertes, verstümmeltes Kind, eine verzweifelte Mutter und ein Vater, der nicht versteht was er denn falsch gemacht hat.
    Andere Szene: Verwandte Gymnasiallehrer aus Hannover wurden nach dem Verbleib,einer dreizehnjährigen Schülerin gefragt. Eine polnische Kollegin fand heraus, dass sie als dritte Ehefrau nach München verheiratet wurde. Vom Schulamt kam die Auffirderung zum Stillschweigen.
    Das sind keine Geschichten aus der Presse, sondern Erkenntnisse aus dem direkten Umfeld.
    Aus einem ca. 300 Meter entfernten Flüchtlingsheim trat ein syrischer Klimatechnikingenieur an mich heran, ob ich meinen Einfluss nicht geltend machen könne, damit ca. 70 Bewohner vom täglichen Terror einer Afghanischen Familie errettet wird. Meine schwierigste Aufgabe war es ihm klar zu machen, dass ein Arzt in Deutschland weder eine öffentliche Respektsperson, noch über irgendwelchem Einfluss auf Behörden hat. Das seine gepflegten Englisch zum trotz.
    Herr Professor: Ich gönne Ihnen von ganzem Herzen einen ruhigen Lebensabend. Vor einigen Jahren hätte ich Ihnen die Kanarischen Inseln empfohlen. Leider habe ich mich von dort zurückgezogen, wie auch von Mallorca, Die Gegenden wimmeln von Taschendieben, die wegen des Altersunterschied schneller mit dem Messer sind, als ich mit meinen Karateschlägen aus der Jugend.
    Noch eine Empfehlung: Keinesfalls Raspail lesen, außer seine Bücher über untergegangene Völker. In Patagonien fand ich keinen Vertreter vor um Jahr 1975.

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  4. Dies zuvor: Höchst erfreut Sie unter den Autoren der Sezession zu sehen!
    Ihr Beitrag Kategorienfehler war für einen Nichtphilosophen nicht leicht zu verstehen, aber letztendlich durch Schärfung des Kategorienbewusstseins erhellend.
    Zu Ihrem Blog:
    Dank der Sezession kam ich überhaupt auf diesen und ein erstes Einlesen führte zu einer Verankerung dieses Links auf der Position täglich abzurufender Seiten. So wertvoll sind mir Ihre Kommentare.
    Besonders gut finde ich Alltagseindrücke á la Ellen Kositza, bitte mehr davon!
    Zum jetzigen Beitrag:
    Lemmingen gleich formiert sich der Zug Richtung Meer. Ist er aufzuhalten?
    Dass Sie als Mutter von drei Kindern hier keine große Wahl haben, versteht sich von selbst.

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  5. Dieser Text ist online erschienen bei Philosophie indebate

    Ferdinand Fellmann

    Die Flüchtlingskrise beschäftigt auf verschiedenen Ebenen die Politik, die mit allen Mitteln versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen und soziales Gleichgewicht zu schaffen. Begleitet wird die Politik von Bürgerbewegungen gegen Fremdenfeindlichkeit und Aufrufen zur Solidarität und Menschlichkeit. Auf seine Willkommenskultur kann Europa stolz sein. Auch die moralischen Reflexionen über die Pflicht zur Hilfe für Menschen in Not sind eindrucksvoll. Allerdings gibt es eine Dimension, die von Philosophen nicht oder nur marginal erfasst wird. Daher ist es angezeigt, nach anthropologischen Argumenten Ausschau zu halten, die uns tiefere Einblicke in die Mechanismen der Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verschaffen. Dafür bieten sich die Schriftsteller an. Allerdings nicht diejenigen, die sich mit vorschnellen Äußerungen an die Öffentlichkeit wenden, sondern eher Klassiker, die gleichwohl hoch aktuell sind. Dazu zählt Thornton Wilder mit seinem Schauspiel Wir sind noch einmal davongekommen aus dem Jahre 1941.

    Thema ist eine Naturkatastrophe, deren Herannahen unter den Bewohnern in einem gutbürgerlichen Einfamilienhaus Panik auslöst. Eine Gruppe von Flüchtlingen, die dem Tod entkommen sind und aus allen gesellschaftlichen Strukturen herausgefallen sind, sucht Schutz in dem Haus. Deren Besitzer sind Herr und Frau Mensch, Mr. und Ms. Antrobus (= gr. anthropos), mit ihren Kindern, die alles andere als folgsam sind. Hinzu kommt noch das Hausmädchen Sabina, eine unbekümmerte junge Frau, die das intakte Familienleben durch ihre Lebenslust durcheinanderbringt. Die Hausfrau wehrt sich gegen die Bewirtung der Flüchtlinge, da sie um die Vorräte der Familie fürchtet, aber schließlich siegt doch die Mütterlichkeit in ihr. Und der Hausherr, der zunächst herumvagabundiert, nimmt die Asylsuchenden am Ende doch im Haus auf.

    Thornton Wilders Stück, das den amerikanischen Titel The Skin of Our Teeth trägt, ist ein Menschheitsdrama der Nachkriegszeit, daher der Bezug auf das Davongekommen-sein. Eine zentrale Rolle im Kampf ums physische und mehr noch ums psychische Überleben spielt die Liebe, die erstarrte Konventionen überwindet. Sicherlich kann man diese Situation nicht einfach auf die heutige übertragen, aber die Begegnung mit Flüchtlingen erzeugt doch die gleichen Erfahrungen des Ewig-Menschlichen, die im öffentlichen Schwarz-Weiß-Diskurs meist verlorengehen: hier die weltoffenen Gutmenschen, dort die ewig-gestrigen Fremdenhasser. Was uns heute am tiefsten beunruhigt, ist nicht das Fremde, an das wir in Großstädten und auf Reisen längst gewohnt sind, sondern das Bewusstsein, es mit Menschen zu tun zu haben, die ihre Heimat verloren haben, mit „unbehausten Menschen“, wie Egon Holthusen in den 1950er Jahren geschrieben hat. Eine für uns etablierte Wohlstandsbürger schockierende Erfahrung, die uns Angst macht. Es ist die Angst vor dem In-die-Welt-geworfen-sein, das wir in langen Friedenszeiten glücklich vergessen haben. Die existentielle Angst aber gehört zum Menschsein, und sie wird uns jetzt unerwartet und unvorbereitet ins Gedächtnis gerufen. In dieser ungewohnten Situation ist es schwierig, das Weltvertrauen zu bewahren, das unsere Europäische Wertegemeinschaft zusammenhält. Zentrifugale Tendenzen einzelner Länder sind nicht nur politisch motiviert, sondern anthropologisch tief verwurzelt und verweisen auf die „exzentrische Positionalität“ des Menschen.

    Moralische Reflexionen, so selbstverständlich sie sind, helfen in dieser Situation allein nicht weiter. Die Macht der Reflexion ist nicht grenzenlos, sie deckt die lebensweltliche Verständigungspraxis nicht vollständig ab, da Menschsein nicht nur Solidarität und Empathie bedeutet, sondern auch Angst und Aggressivität. Diese emotionale Dimension wird von den Medien durch geschönte Bilder meist überdeckt. Der Hintergrund gemeinsamer Überzeugungen und Wertungen resultiert aus dem Lebensgefühl, das mit eingespielten Lebensformen, mit Lebensstilen zusammenhängt, wie Ludwig Wittgenstein schon bemerkt hat. Wie Gemeinschaftsgefühle trotz kultureller Differenzen sich herausbilden, übersteigt die rationale Machbarkeit. Hier verhält es sich wie mit dem religiösen Glauben, der sich nicht andemonstrieren lässt, sondern der aus zwischenmenschlichen Begegnungen erwachsen muss. William James hat 1896 in seinem bekannten Vortrag Der Wille zum Glauben gezeigt, dass der Mensch auf Überzeugungen angewiesen ist, da er nicht warten kann, bis er für sein Verhalten hinreichende Gründe gefunden hat. Das macht Überzeugungen aber nicht irrational. Die Suche nach gemeinsamen Überzeugungen gehört zum Menschen als sozialem Wesen. Geschäftliche oder berufliche Interaktion genügt für die Integration nicht. Zum Zusammenleben, das mehr ist als Nebeneinanderleben, bedarf es der Ich-Du-Begegnung in der Tiefendimension des lebensweltlichen Bewusstseins.

    Flüchtlinge sind exterritoriale Menschen, und viele Einheimische fühlen sich durch den Zustrom von Flüchtlingen als Fremde im eigenen Land. In konkreter Situation sieht das etwa so aus: Eine junge Frau begegnet auf der Straße jungen Männern aus Syrien, die in der Nachbarschaft untergebracht sind und die gemäß ihrer muslimischen Sozialisation männliches Dominanzverhalten an den Tag legen. Dann hat die Frau Angst. Wenn sie zugleich aber die niedlichen Kinder vor der Flüchtlingsunterkunft spielen sieht, bekommt sie Mitleid und spürt Zuneigung. Diese widerstreitenden Gefühle sind unaufhebbar, sie gehören zur Urszene der Menschwerdung, wie sie in der Genesis dargestellt wird. Was ist daraus heute zu lernen? Integrationsprogramme sind schön und gut, aber es wäre naiv zu meinen, damit seien die Probleme endgültig gelöst. Zum Zusammenleben gehört eine gemeinsame Vergangenheit, eine Tradition. Tradition aber braucht Zeit, viel Zeit, und wird auf beiden Seiten Enttäuschungen und Opfer kosten. Die Bildung von Tradition gelingt am ehesten durch die Liebe und die Gründung von Familien. Vielleicht findet die junge Frau einen der Syrer attraktiv, verliebt sie sich in ihn und überwindet so ihre Angst vor dem Fremden. Natürlich warnen sie die katholischen Eltern vor weiteren Schritten: „Willst du etwa dein Leben lang ein Kopftuch tragen?“ Und der alte Vater des syrischen Jungen will keine ‚halbnackte‘ Frau als Schwiegertochter.

    Ich führe diese Situation so breit aus, um eine Vorstellung von der gelebten Realität in einem heterogenen Land, wie es Deutschland durch die Flüchtlinge geworden ist, zu vermitteln. Diese alltägliche Realität wird durch abstrakte Konzepte leicht überdeckt. Die Überwindung der Angst vor dem Fremden muss von innen kommen und sie muss gegenseitig sein, um ein gemeinsames Haus Europa einzurichten, statt Gettos zu bilden. Hier ist die junge Generation gefragt, deren Wirklichkeitssinn im Möglichkeitssinn enthalten ist. In der Versöhnung von Distanz und Nähe, in dieser Paradoxie der Subjektivität liegt die anthropologische Lehre der Flüchtlingskrise. Thornton Wilder hat diese Lehre in seinem Menschheitsdrama vom alten Adam und der neuen Eva der westlichen Zivilisation schon 1941 vor Augen geführt.

    (c) Ferdinand Fellmann

    Dr. Ferdinand Fellmann, Prof. em. für Philosophie an der TU Chemnitz
    Nähere Informationen finden Sie unter http://www-user.tu-chemnitz.de/~ferdi/

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    1. Lieber Herr Fellmann,
      Ihr Interview mit dem STANDARD hat mich seinerzeit um eine Perspektive bereichert:
      http://derstandard.at/2000022441725/Ferdinand-Fellmann-Viel-falsches-Bewusstsein-im-Spiel
      nämlich, daß wer das Einzelschicksal sieht, dabei notwendig die Perspektive der Geschichte verliert. „Stories“ haben einen blinden Fleck für „history“! Aus diesem Grunde halte ich Ihren Aufsatz im Kern für einen Rückschritt, das Subjektivistisch-Extenzielle schafft die Beobachtung zweiter Ordnung (Luhmann) nicht, die für die aktuelle Lage aber dringend nötig ist. Ich glaube, daß wir doch von unseren Perspektiven her auf ganz verschiedenen Sternen leben …
      Und eine dringliche Bitte: keine so langen Kommentare, ein ganzer Aufsatz ist too much!

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    2. Betrachten wir es überindividuell und sagen wir es demographisch: Integration beweist sich durch und Integration gelingt letztlich über Mischehen. Nach fünfzig Jahren türkischer Einwanderung liegt, wie ich unlängst von Emmanuel Todd gehört habe, hierzulande die Quote türkischstämmiger Frauen, die Männer aus der Allgemeinbevölkerung ehelichen, unter 2 %, bei den türkischstämmigen Männern etwa das Dreifache. (Kein koranisches Eheverbot.) In Syrien gibt es 35 – 40 % Kusinenehen, dazu kommen dann noch die Ehen, die nur innerhalb des Stammes geschlossen werden, solche nur innerhalb der Religionsgemeinschaft usw., die Endogamie ist dort noch deutlich stärker verbreitet als in der Türkei. Da die Menschen ihr generatives Verhalten ebenfalls über lange Zeit vererben, heißt das wohl: Die nächsten 500 oder 1000 Jahre machen wir in heroischer Integration. Und bitte jetzt nicht mit dem Einwand kommen, man werde, da das Problem nun erkannt sei, eine wunderbare Wandlung herbeizwingen – das ist der typische planerische Überoptimismus. Für eine realistische Prognose muss man immer die bekannten Werte ansetzen. Die individuelle Perspektive – Ich kenne da ein Mägdelein und einen fremden Jüngling mit lockigem Haar, und Amor mit seinem Pfeil etc. – liefert nur anekdotische Evidenz, welche täuscht. Was bei einem demographischen Ablauf zählt, sind immer nur die Aggregatgrößen, nicht die Einzelschicksale, so märchenhaft schön das eine oder andere auch ausgehen mag.

      Es täte Not, sich endlich von Planungsfehlschlüssen, Selbstüberschätzung, Affektheuristik, Bestätigungsfehlern und dem ganzen Rattenschwanz weiterer kognitiver Verzerrungen frei zu machen. Viele aber können das nicht, weil sie auf ihrer Hoffnung bestehen und sich ihr zugunsten die Tatsachen selbst verhehlen. Andere sind ihnen dabei sehr hilfreich. Vermutlich muss die Chose erst auf nicht mehr zu leugnende Wiese gegen die Wand laufen, worauf es dann keiner mehr gewesen sein will.

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      1. Eine Vermischung mit Völkern, deren mittlerer IQ mindestens eine Standardabweichung unter dem der Mittel-/Nordeuropäer liegt, wäre unser Tod. Dann kann sich Deutschland von seinem Maschinenbau und Wohlstand verabschieden, denn uns wird dasselbe Schicksal ereilen, wie die Hetither: wir werden unsere hohe native Intelligenz verlieren. Dazu kommt, daß wir auch impulsiver und gewalttätiger werden dürften, denn die Saudis (Araber) haben das MAOA-2R-Allel zu 15,6%, Europäer nur zu 0,1 bis 0,5% (!!).

        Auch die Südeuropäer haben ihre Intelligenz durch Vermischung eingebüßt, denn die Eroberungszüge der Nordarfikaner und Südwestasiaten über die Jahrhunderte haben ihre Spuren hinterlassen: je länger die Nordarfikaner in einer Region herrschten, desto niedriger ist dort heute der mittlere IQ (Korrelation: 0,928, siehe Lynns Race Diffs)

        Es ist ein großer Vorteil, daß die meisten Moslems keine autochthonen Europäer heiraten, da so der Genpool nicht verschlechtert wird und man die Menschen besser abschieben kann. Nur eine Remigration kann uns jetzt noch retten. Die Nordostasiaten wissen noch, weshalb sie so fleißig und intelligent sind, obwohl es Anzeichen gibt, daß vor allem chinesische Männer sich verhäuft mit schwarzafrikanischen Frauen vermischen; was natürlich die Behauptung, China würde Weltmacht, ins Lächerliche zieht. Denn wenn der mittlere IQ Chinas abfällt, war’s das mit der Weltmacht. In Japan dagegen sehe ich diesen Trend nicht, auch nicht in Südkorea. Auch die aschkenasischen Juden haben sich inzwischen von ihrem strengen eugenischen Programm verabschiedet, und so wird auch deren Intelligenz fallen.

        Ich empfehle daher: Richard Lynn „Race Differences in Intelligence“ sowie „The Chosen People“ sowie die beiden Bände, die er mit Tatu Vanhanen veröffentlicht hat: „IQ and the Wealth of Nations“ und „IQ and Global Inequality“. Auch die Bücher des Antaios- und ARES-Autors Andreas Vonderach sind hier zu erwähnen.

        Wie gesagt: eine Vermischung wäre eben genau das, was die Globalisten wollen. Das Entstehen einer kakaobraunen Mischrasse mit mittlerem IQ um die 90. Die Japaner und Südkoreaner würden dann trotz Überalterung sowas von davonfliegen, diese Länder dürften uns dann wie Alien-Zivilisationen vorkommen.

        PS: einige Fehler verbessert, wäre nett, wenn dieser Kommentar veröffentlicht werden könnte statt des ersten.

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      2. Tut mir leid, daß ich das hier jetzt „vollspamme“, aber der Kommentar lässt mich nicht mehr los, da er so falsch ist.

        Die Polen, die ins Ruhrgebiet einwanderten und im dortigen Kohleabbau mithalfen, konnten nur durch knallharte Verbote assimiliert werden. Es wurden polnische Kulturvereine verboten, das Hören von polnischen Radiosendern und auch das Sprechen der polnischen Sprache wurde per Staatsgewalt unterbunden. Und hier handelt es sich um ein Nachbarland! Das waren ethnische Europäer.

        Auch ist es so, daß bei Deutsch-Türken in den meisten Fällen die Loyalität zur Türkei größer ist, und auch die Anfälligkeit für den IS ist bei diesen Menschen höher als bei autochthonen Deutschen.

        Ich sehe es daher wie Georg Immanuel Nagel, der in seiner lesenswerten Schrift „Die Auflösung“ davon spricht, daß ein europäisches Land nur Europäer wirklich assimilieren kann. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, daß es eben selbst mit Polen und Russen Probleme gibt.

        Wie dem auch sei, eine Vermischung mit Menschen aus der Dritten Welt wäre ein großer Fehler. Bei einigen wenigen mögen diese in der Bevölkerung aufgehen, aber wir haben es mit Millionen zu tun. Wenn die nun alle Mischlinge in die Welt setzten, dann wäre das eben das Ende von Kultur und Wohlstand. Die türkischen Einwanderer nach Deutschland weisen z. B. einen mittleren IQ von 86 auf, der der Türkei liegt bei ca. 87,5. Das heißt, daß hier sogar eine negative Wanderlese stattfand. In Kanada ist es zumindest eine zeitlang so gewesen, daß der mittlere IQ der Einwanderer überm Durchschnitt des Landes lag.

        Wie man es also auch dreht oder wendet, eine — großangelegte, denn das ist es ja bereits — Vermischung würde aus Deutschland ein Südspanien oder Portugal machen, die das gleiche Schicksal ereilt hat. Und das derzeitige Problem der Überfremdung hat ja nicht nur Deutschland, sondern auch England und Frankreich. Man kann nur hoffen, daß Europa die Fremdherrschaft beendet, also die globalen Eliten abschüttelt, doch auch die Überfremdung durch Remigration los wird. Und hier ist es eben von Vorteil, daß wir es nur mit vergleichsweise wenigen Mischlingen zu tun haben.

        Es mag in heutigen Ohren „negativ“ klingen, aber: es sind vor allem die Kinder von klugen ethnisch deutschen Frauen und klugen ethnisch deutschen Männern, die das Land vorwärts bringen. So ist es nun seit hunderten Jahren, und so erwartet man es auch, da es sich bei den Mittel-/Nordeuropäern um Populationen mit einem mittleren IQ von 100 handelt. (Außerdem bliebe so auch der Nationalcharakter erhalten.) Hier ist also das Intelligenzpotential größer als im Rest der Welt. Nur die Nordostasiaten weisen einen höheren mittleren IQ auf, jedoch bei geringerer Standardabweichung.

        Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Andreas Vonderach lesen! Seine Bücher, vor allem die Schrift „Sozialbiologie“ aber auch seine „Völkerpsychologie“ und nicht zuletzt die „Anthropologie Europas“ sind in dieser Hinsicht wegweisend. Umso besser, daß es sich bei Vonderach um einen Menschen handelt, dem die Zukunft des ethnisch Deutschen Volks am Herzen liegt. Das ist kein Rassismus, denn auch die Japaner bevorzugen ihre eigene Ethnie, wie die meisten anderen Vöklker auf der Erde. Nur wir weißen Europäer scheinen diesem unsinnigen und zerstörerischen Glauben anzuhängen, daß wir ganz schnell unsere ethnische Identität durch Vermischung loswerden müßten.

        Diejenigen, die das gutheißen oder gar forcieren wollen, müßen auch wissen, daß dadurch der Gesamtwohlstand der Welt sowie das kreative Potential immer wieter abnimmt. Das heißt nicht nur weniger technische Durchbrüche, sondern auch geringere Erfolge in der Medizin. Denn die kreativen technischen Leistungen, die Genies überhaupt, sind zum größten Teil weiße europäische Männer. Aber vielliecht will man ja sogar, daß es den Menschen weltweit schlechter gehen soll, denn das Fehlen von Kindern der klugen ethnischen, autochthonen Europäer wird dazu beitragen, genauso wie eine Vermischung ebenjener.

        Ein Buch zum Thema gibt es sogar frei einsehbar im Netz:

        The Genius Famine
        http://geniusfamine.blogspot.de/

        Ich habe diesen Blog über die Sezession gefunden, und war vom Beitrag der Autorin im aktuellen Heft sehr angetan, auch wenn ich eher aus dem MINT-Bereich komme und mir die philosophische Argumentation etwas zu schaffen machte. Ich befasse mich eher mit den genetischen und anthropologischen Ansätzen, die auch besser zu meiner wissenschaftlichen Arbeit passen. Apropos Heft: Nassehi ist sowieso ein gutes Beispiel, genauso wie die Foroutan: beide sind „Mischlinge“, beide machen sich für Masseneinwanderung stark. Daher: Remigration, bitte!

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