Handeln, Erleben, Terror – Handeln!

Alle Zeitungen bieten derzeit das letzte Aufgebot auf, die Heimatfront zu verteidigen – das letzte Aufgebot an  P s y c h o l o g e n ! Es gibt keinen Weltpolitik-Teil, indem nicht der Experte des Vertrauens etwas sagen darf über das Seelenleben der Terroristen: Haßgefühle, Ängste, Traumatisierung, Wahnvorstellungen religiöser, politischer und ideologischer Art, Rachegelüste und Gewaltphantasien. Und es werden dabei Gewalttäter aller möglicher Hintergründe munter über einen Kamm geschoren, ihnen werden „labile Persönlichkeit“ und „Phantasien von enormer Macht“ attestiert:

22. Mai Ein 27-jähriger Vorarlberger mit rechtsextremer Vergangenheit schießt nach einem Beziehungsstreit mit einem Kalaschnikow-Nachbau auf die Besucher eines Rockerfestes in Nenzing. Zwei Menschen sterben im Kugelhagel. Der Täter richtet sich selbst.

Vergangener Freitag Ein 18-jähriger Schüler mit deutscher und iranischer Staatsbürgerschaft, der gemobbt wurde, läuft mit einer Glock in München Amok. Es gibt neun Todesopfer. Mit dem letzten von 57 Schüssen aus seiner Waffe richtet sich der junge Mann selbst.

 Sonntagabend Ein 27-jähriger Syrer, der vor der Abschiebung nach Bulgarien stand, sprengt sich am Rand eines Musikfestivals im bayerischen Ansbach in die Luft. Er soll sich in einem Video zum IS bekannt haben. Der Asylwerber stirbt. 15 Menschen werden verletzt, vier zum Teil schwer. (KURIER, 25.7.2016)

Bleibt noch Rouen hinzuzufügen, 26. Juli. IS-Geiselnehmer köpft katholischen Priester während der Messe. Hierzu findet sich bis dato keine psychologische Motivdeutung des Täters. Was ist passiert?

Vielleicht, vermute ich ganz zaghaft, wachen sie langsam auf. „Sie“ sind die gleichgeschalteten Medien, die Politiker, die öffentlichen Meinungsmacher, die Vertreter der Kirchen. „Aufwachen“ hieße, den dogmatischen Schlummer zu beenden, der uns weismachen will, daß es psychisch gestörte Individuen seien, die als letzten Ausweg ihrer Notlage Gewalt wählen. „Religiöse Motive“ fallen mit in diese Einzeltäterhypothese, und wenn am Einzeltäter dann doch der IS dranhängen sollte, denn heißt es, der IS hätte den Täter „adoptiert“, oder Islamismus sei ein gruppenpsychotisches Wahnsystem.

Wäre, sagen wir, während der Kreuzzüge jemand auf die Idee gekommen, den invadierenden osmanischen Heerscharen persönliche Haßgefühle, Ängste, Traumatisierung, Wahnvorstellungen religiöser, politischer und ideologischer Art, Rachegelüste und Gewaltphantasien zuzuschreiben, er wäre nicht für verrückt erklärt worden, sondern hingerichtet.

Das ist ein Gedankenexperiment, eh klar, oder? Die historische Semantik damals hat keine modernen Individuen über Motivzuschreibungen konstruieren können, Psychologie antwortete auf ein Funktionsproblem des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Handeln und Erleben ließen sich nicht mehr als Einheit zusammendenken, es entsteht etwas, das man später „Intention“ nennen wird. Bis dahin war es semantisch nicht möglich, auf das Innenleben von Handelnden Bezug zu nehmen. Intentionales Verhalten wird als Erleben registriert, wenn und soweit seine Selektivität nicht dem sich verhaltenden System, sondern dessen Welt zugerechnet wird; es wird als Handeln angesehen, wenn und soweit man die Selektivität des Aktes dem sich verhaltenden System selbst zurechnet. Jemand macht etwas, aber er kann nichts dafür, die Welt ist schuld. Oder aber jemand macht etwas und dieses Tun ist auch  s e i n e  Intention. Handeln als Handeln zu sehen gelingt in der modernen Gesellschaft dem Recht und der Politik, aber nicht der Psychologie, der Liebe, der Erziehung.

Luhmanns Systemtheorie drückt das extrem kompliziert aus, was uns vielleicht weiterhelfen kann. Denn vielleicht befinden wir uns genau jetzt wieder in einer semantischen Umbruchsituation, in der der Code Handeln/Erleben nicht mehr so wie vorher funktioniert.

Wir sehen Akteure, Handelnde in der Welt, und der Versuch, ihr Erleben zu beobachten, scheitert fürchterlich. Auch auf der sozialpsychologischen Ebene, die Kollektiven die Differenz Handeln/Erleben unterstellt, fallen die aktuellen Antworten unzureichend aus:

 „Die Äußerungen der AfD-Vertreter schüren gezielt die Angst der Menschen.“ Das sei Gift für die ganze Gesellschaft. Kizilhan bringt den Ablauf in ein einfaches Bild: „Wir haben Angst, sind verunsichert, schlafen schlecht, werden noch nervöser, sind böse zu unseren Nachbarn, zur Familie und natürlich auch zu Migranten.“ Er unterstreicht wiederholt, dass die einzige Lösung sei, rational auf die vermeintliche Bedrohung zu reagieren. (Interview mit dem Psychologen Jan Kizilhan)

Das „Schüren von Angst“ als Interpretationsschema rechnet Handeln als falsches Erleben zu, und als naheliegende Antwort gibt es dann nur noch die Möglichkeit, falsches Erleben zu verbieten: über Suizide, Terroranschläge, Gewaltausbrüche medial zu berichten, erzeuge sie erst.

Wenn die psychologische Semantik versagt, gibt es eine funktionale Leerstelle, die gefüllt werden muß. Nach der Tat von Rouen schaut die sozialpsychologische Antwort der Kirchen so aus (wie Spiegel Online berichtet):

Christen und Muslime dürfen sich nach Meinung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz durch Gewalttaten wie die in Frankreich nicht gegeneinander aufhetzen lassen. „Hier soll Hass zwischen den Religionen geschürt werden“, erklärte am Dienstag in Bonn der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Dem werden wir widerstehen und uns der Atmosphäre von Hass und Gewalt nicht anschließen.“

Wieder dasselbe Schema: Handeln wird als Erleben beschrieben, und zwar als ein Erleben, das wir nicht erleben dürfen, sondern dem wir, wie auch immer das möglich sein soll, innerpsychisch „widerstehen“ sollen. Handeln als Handeln zu beschreiben, also als Eigenselektion, ist in dem Schema nicht möglich.

Wenn wir endlich von der Psychologie, egal ob Individual- oder Massenpsychologie, ablassen, und die Erklärungen für die gegenwärtige Situation politisch verstehen könnten, dann ergäbe sich mit Luhmann die Differenz Macht/Ohnmacht, mit Schmitt Freund/Feind.

Und dann wären wir endlich da, wo wir klarer sehen könnten, dann hätte Kardinal Marx bitter Unrecht, wenn er sich wünschte „Unser Gebet gilt auch den Tätern.“ Wir würden Täter als Täter sehen, nicht als Opfer der Welt. Und dann endlich sagen können: der Islam ist  UNSER FEIND! Hollandes Kriegsmetapher („Le daesh nous a déclaré la guerre„) ist noch eine der Psychologie, weil er sofort an das französische Volk appelliert, keine Spaltung (fissure) zuzulassen, und als „un bloc“ zu handeln: Handeln wird als Erleben zugeschrieben.

Wann sind wir endlich bereit, das funktionale Scheitern dieser historischen Semantik einzugestehen? Dann, wenn nicht mehr die Hauspsychologen die Zeitungen bevölkern, sondern die Präsidenten öffentlich erklären: das christliche Abendland wird angegriffen. Wir müssen es verteidigen. Handeln, nicht erleben. Ohnmacht psychologisch zu zelebrieren hatten wir jetzt lange genug.

 

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