Ins Tal der Aussätzigen

Fraktionsdisziplin – Wikipediadefintion:

Als Fraktionsdisziplin (in Österreich Klubdisziplin) wird das Ausmaß bezeichnet, in dem die Mitglieder einer parlamentarischen Fraktion ein einheitliches Abstimmungsverhalten zeigen. Als negativ konnotiertes Synonym wird häufig auch der Begriff Fraktionszwang (Klubzwang) verwendet.

Wenn Abgeordnete die Möglichkeit haben, sich jederzeit per Twitter über aktuelle Ereignisse zu äußern, ist es schwer, sie rechtzeitig auf Parteilinie einzunorden. Es gibt für bestimmte Sitzungen Regelungen, die den Politikern verbieten, direkt aus dem Sitzungssaal zu twittern. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, was mit exponierten Politikern passiert, die in die selbstgeschaufelte Grube fallen.

Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Bundestag, hat es ins „Tal der Aussätzigen“ (Kleine-Hartlage) geschafft.

Durch ihre Bezugnahme auf den gut/böse-Code schafft sich die Gesellschaft ein Tal der Aussätzigen, dessen hervorstechende Eigenschaft die ist, sie permanent zu vergrößern. Es genügt keineswegs, sich selbst an die verordnete Ideologie zu halten, und die geforderten Loyalitätsrituale zu vollziehen; vielmehr gehört zu diesen Ritualen, sich von denen zu distanzieren, die als ‚böse‘ gebrandmarkt sind. (Manfred Kleine-Hartlage, Die liberale Gesellschaft und ihr Ende, S. 124)

In der taz wird Wagenknecht dafür auf das Übelste gemobbt, Beispiel wäre die Bildunterschrift: „Zündeln und dann wieder zurückrudern. So kennen wir unsere Sahra“. Sie wird mit allen Aussatz-Etiketten beklebt, die der Linken dieser Tage zur Verfügung stehen: Frauke Petry, AfD, Pegida, Rechtspopulismus, faktenfrei, emotionalisierend, bloß nicht komplex denken, Fremdenfeinde, Stammtisch.

Was hat sie überhaupt gesagt? Das möchte man doch gern einmal wissen, auch, um zu erfahren, wo die Mobbinggrenze der totalitär werdenden Linken verläuft. Die Titelseite der taz von gestern ist nicht mehr online, nur alle Artikel und Kommentare zum Thema. So tippe ich also von der gestrigen Ausgabe ab:

Die Aufnahme einer sehr großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderen ist (…) sehr viel schwieriger, als Frau Merkel uns das (…) mit ihrem ‚Wir schaffen das‘ einreden wollte.

Sonst ist die Folge, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, wo kein Deutsch mehr gesprochen wird. Wie soll Integration da gelingen?!

Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt. (zu Köln)

Natürlich darf man nicht pauschal alle Menschen, die sich angesichts hoger Flüchtlingszahlen noch stärker um Arbeitsplätze, Sozialleistungen Wohnungen und steigende Mieten sorgen, in eine rassistische Ecke stellen. Das gilt auch für Wähler der AfD.

Nicht alle Verarmten und Verlelendeten dieser Welt können zu uns kommen.

Diese Äußerungen brechen also einer Linkenpolitikerin beinahe (ihr wird parteiintern angedroht: „Wenn Sahra so ein Ding nochmal bringt, dann ist sie weg“) das Genick.

Ideologisch auf Linie wäre sie also, wenn sie nicht bloß die gefordeten Loyalitätsrituale vollzieht, also eilfertig erklären zu müssen, es sei ihr nicht darum gegangen, „alle in Deutschland lebenden Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen“. (Wer würde das auch sinnvollerweise jemals tun?). Sie muß zu ihrer Rehabilitierung gut stalinistisch jetzt entweder Dritte denunzieren, die noch Schlimmeres gesagt haben sollen, oder sie muß offenbar das Gegenteil von dem behaupten, was ihr „unterlaufen“ sei.

Zum Erweis fraktionsdisziplinär einzig erlaubten Unsinns hilft die Umkehrprobe. Also: um links von Merkel zu stehen, muß man behaupten, die Integration sei sehr viel einfacher, als Merkel sich das vorgestellt hätte. Integration gelingt (womöglich besonders gut?) in einem Umfeld, wo kein Deutsch mehr gesprochen wird. Gastrecht darf mißbraucht werden (oder man darf gar nicht von Gastrecht sprechen, Flüchtlinge haben Anspruch auf mehr!). Menschen in eine rassistische Ecke zu stellen ist Parteilinie. Alle Verarmten und Verelendeten dieser Welt können zu uns kommen.

Das Tal der Aussätzigen wird täglich größer. Wenn die Säuberungsaktionen der LINKEN – und nicht anderes ist der Umgang mit Wagenknecht – ihre eigenen wichtigen Protagonisten  mithilfe denunziatorischer Medien wie der taz (selbst das nd hält sich da noch zurück, vielleicht kennen da einige Verantwortlich den Preis der  Linientreue noch von früher?) in den Bereich des Indiskutablen befördern, könnte es sein, daß der ironische Tweet der Afd „Frau Wagenknecht, kommen sie in die AfD!“ irgendwann unerwartete Folgen zeitigt. Weniger bei Wagenknecht selber, nehme ich an, als bei ihren Wählern.

 

 

 

 

 

Linke Kreuzzugshetze

There is a war between the ones who say there is a war, and the ones who say that there isn’t“ (Leonard Cohen)

Nachdem ich annehmen darf, daß die allermeisten Leser hier das „Neue Deutschland“ aus gutem Grund nicht regelmäßig lesen, erlaube ich mir den folgenden Kommentar komplett hineinzukopieren (er ist ohnehin in der Onlineausgabe offen zugänglich).

Unter der Überschrift „Rechtsradikale Todesengel“ schreibt Velten Schäfer:

Unlängst ließ ein gewisser Meinungsträger vom Stapel: Am liebsten würde der »Islamische Staat« in Deutschland linksgrüne Volksversiffer an die Macht hieven. Dann stünde das Land wehrlos vor der Eroberung. Nun, da die grausige Terrortruppe symbolisch in den Vorwahlkampf eingegriffen hat, muss man sich den Unsinn dieser Behauptung noch einmal vor Augen halten. Der »IS« ist erstens selbst rechtsradikal – gegen individuelle Freiheit, für überkommene Herrschaftsverhältnisse. Nichts braucht er zweitens so sehr wie den Sieg der Rechten in Europa. Den Triumph des Rassismus, der Antichristen à la Warschau und Budapest. Nur als Gegner eines imaginierten Kreuzrittertums ist er stark. Er will »den Westen« nicht von innen erweichen, sondern zu maximaler Härte provozieren. Dass dies gerade Muslime trifft, ist ihm egal. Fast alle derselben gelten den Todesengeln aus der syrisch-irakischen Hölle ohnehin als räudige Sünder. Nicht »Gutmenschen« besorgen nolens volens sein Geschäft, sondern Rechtsausleger, die jetzt etwa ein Asylmoratorium gegen Muslime fordern. Oder Pseudolinke, die gegen »Islamversteher« hetzen. Bekämpft wird der IS dagegen von allen, die das Kreuzzugphantasma durch Nächstenliebe durchkreuzen und für ein Ende aller Aktivitäten stehen, die den Syrienkrieg verlängern.Diese klare Haltung wird man noch brauchen in den kommenden Monaten. Denn der IS weiß leider, wie seine unfreiwilligen Bataillone zu alarmieren sind.

Dieses Argument ist in seiner moralischen Hinterhältigkeit kaum zu überbieten. Also lohnt es sich, es auseinanderzunehmen. Mal schauen, was davon übrig bleibt.

Die logische Struktur geht ungefähr so: Jemand beobachtet das Szenario: der IS führt Krieg gegen „den Westen“. Im Westen gibt es offenbar keinen satisfaktionsfähigen Kriegsgegner. Einen Krieg kann man nur gegen einen Gegner führen. Also muß ein Gegner her. Der IS hätte es am leichtesten gegen einen nicht satisfaktionsfähigen Gegner („linksgrüne Volksversiffer“, décadents). Er darf sich diesen Gegner nicht wählen. Wenn der IS ein schwaches Europa „von innen erweichen“ und „erobern“ würde … ja, was dann? Dann müßte der Beobachter seinen Beobachterstandpunkt verlassen und sich deklarieren, ob Europa mächtig oder ohnmächtig sei. Der Beobachter kann die Differenz Macht/Ohnmacht nicht gebrauchen, ohne für den Positivpol „Macht“ zu optieren (andernfalls müßte er die zumindest stark kontraintuitive Annahme machen, Ohnmacht sei positiv zu bewerten. Dergleichen Positionen gibt es, Stichwort: „Volkstod“, aber als Kriegsberichterstatter würde ihm das Szenario, auf das sein Argument hinausläuft,  wegrutschen). Es kann also nicht sein, was nicht sein darf. Das Argument „daß nicht sein kann, was nicht sein darf“ ist logisch nicht plausibel. Also muß es gestützt werden durch ein Meta-Argument. Und weil es da nun wirklich kein haltbares gibt, kommt er fürderhin ohne Argument aus und langt in die ideologische Schublade: Der IS ist rechtsradikal! Touché!

Ideologieverwalter, die eine nonkonforme Meinung bekämpfen wollen, brauchen keine Argumente, sie müssen die betreffende Meinung lediglich als ‚böse‘, zum Beispiel „rassistisch“ etikettieren, um sicherzustellen, daß sie von der Mehrheit der Gesellschaft abgelehnt wird. Sie können sogar das (…) Sinndefizit moderner Gesellschaften ein wenig ausgleichen, daß sie das „Böse“ zur apokalyptischen Bedrohung, und den Kampf dagegen, also den „Kampf gegen Rechts“ zum modernen Kreuzzug aufblasen. (Manfred Kleine-Hartlage, Die liberale Gesellschaft und ihr Ende, S. 125).

Durch die infame Gleichsetzung IS=Rechte hat der Beobachter drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: erstens hat der IS jetzt einen würdigen Gegner verpaßt bekommen, puh, Glück gehabt, muß man sich selbst nicht die Hände schmutzig machen, zweitens kann er seinen Beobachterstandpunkt selber als „gut“ markieren, und damit den „Kampf gegen das Böse“ als doppelten Kreuzzug inszenieren, und überdies auch noch mit der Metapher „Kreuzzugsphantasma“ seine eigene Position der „Nächstenliebe“ (!) davon freihalten.

Wer also behaupten will, die Christenheit müsse gegen den Islam kämpfen, spiele dem IS nicht nur zu (dieses Argument ist inzwischen genug strapaziert in der Variante: wer sich von Terrorangst anstecken ließe, gebe dem IS genau, was er erreichen wolle), sondern der wäre auch in Wirklichkeit Teil des „unfreiwilligen Bataillons“ des Islams.  Zweifache Verunglimpfung: wer dies sagt, ist nicht nur rechtsextrem, sondern auch noch islamistisch!

Das ist kein Argument mehr, sondern pure Ideologie. Ich hatte freilich nicht erwartet, im „Neuen Deutschland“ keine Ideologie vorzufinden, bestürzend an dieser Interpretation ist also nicht die logische Inkonstistenz, sondern, daß mit solchen ideologischen Sprengsätzen allen EU-Gesetzen und staatlichen Maßnahmen gegen „Extremismus“ (vom „Toleranzgesetz“ bis zu „hate-speech“-Verboten und Internetdenunziationsmaßnahmen) der Boden bereitet wird (von denen der Linksextremismus bekanntlich ziemlich unberührt bleibt).

Wenn die Öffentlichkeit anfängt zu glauben, daß „Rechtspopulismus“ und „islamischer Fundamentalismus“ als gleichwürdige Kriegsgegner um Europa kämpfen, und das „Gute“ darin bestehe, diesen Krieg mit entrüstetem Kopfschütteln zu beobachten, dann hat die Linke wirklich etwas erreicht: dem Islam, der sich nämlich beileibe nicht dafür interessiert, ob seine Gegner „links“ oder „rechts“ sind, durch die eigene Option für den Pol „Ohnmacht“, die Türe zu öffnen. Wer dann den Kampf ausficht, dürfte klar sein: derjenige, der überhaupt sieht, daß es einen Kampf gibt.

Handeln, Erleben, Terror – Handeln!

Alle Zeitungen bieten derzeit das letzte Aufgebot auf, die Heimatfront zu verteidigen – das letzte Aufgebot an  P s y c h o l o g e n ! Es gibt keinen Weltpolitik-Teil, indem nicht der Experte des Vertrauens etwas sagen darf über das Seelenleben der Terroristen: Haßgefühle, Ängste, Traumatisierung, Wahnvorstellungen religiöser, politischer und ideologischer Art, Rachegelüste und Gewaltphantasien. Und es werden dabei Gewalttäter aller möglicher Hintergründe munter über einen Kamm geschoren, ihnen werden „labile Persönlichkeit“ und „Phantasien von enormer Macht“ attestiert:

22. Mai Ein 27-jähriger Vorarlberger mit rechtsextremer Vergangenheit schießt nach einem Beziehungsstreit mit einem Kalaschnikow-Nachbau auf die Besucher eines Rockerfestes in Nenzing. Zwei Menschen sterben im Kugelhagel. Der Täter richtet sich selbst.

Vergangener Freitag Ein 18-jähriger Schüler mit deutscher und iranischer Staatsbürgerschaft, der gemobbt wurde, läuft mit einer Glock in München Amok. Es gibt neun Todesopfer. Mit dem letzten von 57 Schüssen aus seiner Waffe richtet sich der junge Mann selbst.

 Sonntagabend Ein 27-jähriger Syrer, der vor der Abschiebung nach Bulgarien stand, sprengt sich am Rand eines Musikfestivals im bayerischen Ansbach in die Luft. Er soll sich in einem Video zum IS bekannt haben. Der Asylwerber stirbt. 15 Menschen werden verletzt, vier zum Teil schwer. (KURIER, 25.7.2016)

Bleibt noch Rouen hinzuzufügen, 26. Juli. IS-Geiselnehmer köpft katholischen Priester während der Messe. Hierzu findet sich bis dato keine psychologische Motivdeutung des Täters. Was ist passiert?

Vielleicht, vermute ich ganz zaghaft, wachen sie langsam auf. „Sie“ sind die gleichgeschalteten Medien, die Politiker, die öffentlichen Meinungsmacher, die Vertreter der Kirchen. „Aufwachen“ hieße, den dogmatischen Schlummer zu beenden, der uns weismachen will, daß es psychisch gestörte Individuen seien, die als letzten Ausweg ihrer Notlage Gewalt wählen. „Religiöse Motive“ fallen mit in diese Einzeltäterhypothese, und wenn am Einzeltäter dann doch der IS dranhängen sollte, denn heißt es, der IS hätte den Täter „adoptiert“, oder Islamismus sei ein gruppenpsychotisches Wahnsystem.

Wäre, sagen wir, während der Kreuzzüge jemand auf die Idee gekommen, den invadierenden osmanischen Heerscharen persönliche Haßgefühle, Ängste, Traumatisierung, Wahnvorstellungen religiöser, politischer und ideologischer Art, Rachegelüste und Gewaltphantasien zuzuschreiben, er wäre nicht für verrückt erklärt worden, sondern hingerichtet.

Das ist ein Gedankenexperiment, eh klar, oder? Die historische Semantik damals hat keine modernen Individuen über Motivzuschreibungen konstruieren können, Psychologie antwortete auf ein Funktionsproblem des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Handeln und Erleben ließen sich nicht mehr als Einheit zusammendenken, es entsteht etwas, das man später „Intention“ nennen wird. Bis dahin war es semantisch nicht möglich, auf das Innenleben von Handelnden Bezug zu nehmen. Intentionales Verhalten wird als Erleben registriert, wenn und soweit seine Selektivität nicht dem sich verhaltenden System, sondern dessen Welt zugerechnet wird; es wird als Handeln angesehen, wenn und soweit man die Selektivität des Aktes dem sich verhaltenden System selbst zurechnet. Jemand macht etwas, aber er kann nichts dafür, die Welt ist schuld. Oder aber jemand macht etwas und dieses Tun ist auch  s e i n e  Intention. Handeln als Handeln zu sehen gelingt in der modernen Gesellschaft dem Recht und der Politik, aber nicht der Psychologie, der Liebe, der Erziehung.

Luhmanns Systemtheorie drückt das extrem kompliziert aus, was uns vielleicht weiterhelfen kann. Denn vielleicht befinden wir uns genau jetzt wieder in einer semantischen Umbruchsituation, in der der Code Handeln/Erleben nicht mehr so wie vorher funktioniert.

Wir sehen Akteure, Handelnde in der Welt, und der Versuch, ihr Erleben zu beobachten, scheitert fürchterlich. Auch auf der sozialpsychologischen Ebene, die Kollektiven die Differenz Handeln/Erleben unterstellt, fallen die aktuellen Antworten unzureichend aus:

 „Die Äußerungen der AfD-Vertreter schüren gezielt die Angst der Menschen.“ Das sei Gift für die ganze Gesellschaft. Kizilhan bringt den Ablauf in ein einfaches Bild: „Wir haben Angst, sind verunsichert, schlafen schlecht, werden noch nervöser, sind böse zu unseren Nachbarn, zur Familie und natürlich auch zu Migranten.“ Er unterstreicht wiederholt, dass die einzige Lösung sei, rational auf die vermeintliche Bedrohung zu reagieren. (Interview mit dem Psychologen Jan Kizilhan)

Das „Schüren von Angst“ als Interpretationsschema rechnet Handeln als falsches Erleben zu, und als naheliegende Antwort gibt es dann nur noch die Möglichkeit, falsches Erleben zu verbieten: über Suizide, Terroranschläge, Gewaltausbrüche medial zu berichten, erzeuge sie erst.

Wenn die psychologische Semantik versagt, gibt es eine funktionale Leerstelle, die gefüllt werden muß. Nach der Tat von Rouen schaut die sozialpsychologische Antwort der Kirchen so aus (wie Spiegel Online berichtet):

Christen und Muslime dürfen sich nach Meinung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz durch Gewalttaten wie die in Frankreich nicht gegeneinander aufhetzen lassen. „Hier soll Hass zwischen den Religionen geschürt werden“, erklärte am Dienstag in Bonn der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Dem werden wir widerstehen und uns der Atmosphäre von Hass und Gewalt nicht anschließen.“

Wieder dasselbe Schema: Handeln wird als Erleben beschrieben, und zwar als ein Erleben, das wir nicht erleben dürfen, sondern dem wir, wie auch immer das möglich sein soll, innerpsychisch „widerstehen“ sollen. Handeln als Handeln zu beschreiben, also als Eigenselektion, ist in dem Schema nicht möglich.

Wenn wir endlich von der Psychologie, egal ob Individual- oder Massenpsychologie, ablassen, und die Erklärungen für die gegenwärtige Situation politisch verstehen könnten, dann ergäbe sich mit Luhmann die Differenz Macht/Ohnmacht, mit Schmitt Freund/Feind.

Und dann wären wir endlich da, wo wir klarer sehen könnten, dann hätte Kardinal Marx bitter Unrecht, wenn er sich wünschte „Unser Gebet gilt auch den Tätern.“ Wir würden Täter als Täter sehen, nicht als Opfer der Welt. Und dann endlich sagen können: der Islam ist  UNSER FEIND! Hollandes Kriegsmetapher („Le daesh nous a déclaré la guerre„) ist noch eine der Psychologie, weil er sofort an das französische Volk appelliert, keine Spaltung (fissure) zuzulassen, und als „un bloc“ zu handeln: Handeln wird als Erleben zugeschrieben.

Wann sind wir endlich bereit, das funktionale Scheitern dieser historischen Semantik einzugestehen? Dann, wenn nicht mehr die Hauspsychologen die Zeitungen bevölkern, sondern die Präsidenten öffentlich erklären: das christliche Abendland wird angegriffen. Wir müssen es verteidigen. Handeln, nicht erleben. Ohnmacht psychologisch zu zelebrieren hatten wir jetzt lange genug.

 

Camus und Camus und linker Nihilismus

Was war noch mal das Definiens von „links“? Linkes Denken richtet sich auf die Zukunft, die es als zu verwirklichende Utopie denkt. Geschichte muß einen Sinn haben, sie verläuft linear auf den Sinnhorizont der Emanzipation verschiedener Gestalten zu. Inhaltlich wechseln die Gestalten – ob es das Proletariat oder die Frau oder der Flüchtling ist, alles erfüllt dieselbe Funktion in diesem Kampf.

Ich bin in L. gelandet. Da stehen zwei VW-Busse, auf einem steht: „DIE LINKE“, auf dem anderen „Lonsdale – Roter Stern Leipzig“, es klettert eine Kinderschar heraus, deren Erzieher ein Shirt trägt mit der Aufschrift „Kein Mensch ist illegal“, ein Kind muß mit einer Nummer größer schaulaufen: „Fuck Fascism – St. Pauli“. Ich öffne die Türe zur Gastwirtschaft zögernd, denn darauf prangt ein bunter grafikdesignstudentenästhetischer Aufkleber: „Schöner Leben ohne Nazis“. Zur Auswahl stehen dem geneigten Leser folgende Zeitschriften: „Luxemburg“, „monitor“ und „Rote Hilfe“, sowie das „Neue Deutschland“. Ich bin gut gelandet, um herauszufinden, wie es um die Linke als Lifestyle und als Utopie bestellt ist. (Diesen Ort suche ich nicht aus diffamatorischen Gründen auf, ich bin ja nicht bescheuert, sondern um wie seit Jahren – früher eher gedankenlos – Urlaub zu machen). Der Zeitpunkt meiner Landung ist zufällig gut gewählt: eine Woche nach Würzburg, drei Tage nach München, gestern war Ansbach. Kein Zynismus, sondern Beobachtung der Beobachtung. Was ich beobachte, ist unglaublich:

Hans-Dieter Schütt beginnt einen Text im Neuen Deutschland so:

Wo es keine Freude ist, mit anderen zu leben, mag es eine letze Lust sein, mit anderen zu sterben.

Das ist nicht Cioran, auch nicht Améry. Es geht Schütt offensichtlich auch nicht darum, das nihilistische Denken von Selbstmördern zu beschreiben vor einer funktionierenden Folie der Entfremdungskritik,  sondern er kippt Zeile um Zeile hinein:

Unser instinktiv gewordenes Misstrauen übermalt andere Menschen willkürlich mit böser Verdächtigung. Wir flackern. Ich jedenfalls flackere. Ehe ich dann doch wieder denke, in der besten aller europäischen Zeiten zu leben.

Politiker, die angesichts von Amokläufen den Lebenswert westlicher Freiheiten beschwören, sind Unglückliche, weil sie gleichzeitig Sachwalter genau jener sozialen, psychischen Überforderungen sind, in deren Folge unendlich viele Kränkungen, Einbußen, Ungerechtigkeiten, Neidgefühle, viel Hass, Ohnmacht, Ratlosigkeit, Zukunftsfurcht, Handlungsmüdigkeit, Resignation stehen.

Pate stehen ihm nacheinander: Artaud, Reemtsma, Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“, Canetti, William Foster aus „Falling Down“, Smith aus „Matrix“. Das ist kein linkes Denken mehr, das ist purer existentialistischer Nihilismus.

Schütt zitiert nicht mehr, sondern fragt und interpunktiert selber:

Warum aber (Schrei! Schrei! Schrei!) muss man in einer Welt leben, in der vor allem jene zynische Freiheit wächst, sich – bitteschön! – aus dem Leben zu nehmen, wenn man nicht mehr zurechtkommt mit dem stetig wachsenden Druck?

Ich habe beide Camus kürzlich gelesen, Renaud Camus‘ „Revolte gegen den Großen Austausch“, Albert Camus‘ „Der Fremde“.

Albert Camus‘ Meursault fährt nach Algerien, damals französische Kolonie, weil seine Mutter im Pflegeheim gestorben ist und beerdigt wird. Am Tag nach der Beerdigung trifft er eine alte Bekannte wieder, es beginnt ein amouröses Verhältnis, Meursault trifft alte Nachbarn, beginnt Gespräche mit ihnen, einer, Raymond, zettelt eine Eifersüchtelei an, bei der er sich den Zorn einer arabischen Gang zuzieht. Am Strand lauern die Araber ihnen auf, beginnen Händel, an deren Ende Meursault einen der Araber erschießt. Der Rest der Erzählung ist das juristische Nachspiel, beschrieben als Beobachtungen Meursaults an sich selber. Es ist ihm alles selbstverständlich, fraglos richtig, konsequent vorgekommen, was passiert ist. Daß er seine Mutter begrub, aber nicht sichtbar betrauerte, tags darauf gleich Sex hatte, und am Schluß einen Mord beging, den man aus keinem Affekt herleiten kann, das wird ihm zum Verhängnis. Er ist „der Fremde“ in der Kolonie, was aber bei Camus nie direkt thematisiert wird, vor allem ist er der Fremde einer Gesellschaft, die in moralischen Kategorien denkt. Daß Meursault zum Tode am Schafott verurteilt wird, erscheint ihm nur konsequent, weil die Kausalkette eben dazu führt, und er sich wirklich keines moralischen Gesetzes in sich bewußt werden kann, sosehr er auch nachdächte. Dem Richter erscheint es auch nur konsequent, daß zwischen der Gleichgültigkeit angesichts des Todes der Mutter, dem gleichgültigen Mord und der Gleichgültigkeit angesichts verzweifelter Bemühungen eines Gefängnisgeistlichen um ihn, Meursault nicht bloß des Mordes, sondern der Amoralität schuldig geworden ist. Ihm wird symbolisch auch noch ein Vatermord gleich mit zur Last gelegt, konsequent, weil eine derartige Verleugnung aller Menschlichkeit den schlimmsten Mord einbegreifen muß. Meursault ist sich all dessen bewußt, und bleibt vollkommen seelenruhig: er ist sich selbst fremd genug dafür.

Nihilismus der moralischen Gefühle: Terrorismus, Mitnahmesuizid. Nihilismus der moralischen Kälte: Todesstrafe. Beides sind keine subjektiven Konsequenzen, sondern gesellschaftliche. Es ist keine Frage der Affekte, die sich uns heute stellt, weder der existenziellen „(Schrei! Schrei! Schrei!)“, noch der moralischen oder ihres Fehlens. Aber an den Affekten kann man beobachten, was die Sprache der Affekte nicht sieht: den identitären Krieg, der nicht im Innern der Leute ausgefochten wird, sondern zwischen Völkern!

Es hat einmal ein Mittel gegeben gegen diesen Nihilismus, und das war die linke Utopie. Eine Gesellschaft nicht länger ertragen zu können, die zu „Kränkungen, Einbußen, Ungerechtigkeiten, Neidgefühle, viel Hass, Ohnmacht, Ratlosigkeit, Zukunftsfurcht, Handlungsmüdigkeit, Resignation„, in der es nur noch „zynische Freiheit“ gibt, sich das Leben zu nehmen, weil man den „Druck“ nicht mehr aushält, das ist die subjektivistische Perspektive. Diese zu überwinden, das Subjektive ins Objektive, in die Klassengegensätze, die historischen Kämpfe, die Geschichte der Unterdrückung  in Entlarvung der Unterdrücker aufzuheben, den bürgerlichen Nihilismus zu überwinden hatte sich der Marxismus auf die Fahnen geschrieben. Von ihm bleibt nur ein irrlicherndes „Flackern„, eine schale Restzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen, der „besten aller europäischen Welten„. Wer sich umbringt, Terrorist oder décadent, ist am Ende dasselbe.

Der andere Camus ist ein bescheidener alter Mann aber er bezieht seine Kraft zum Kämpfen noch irgendwoher, der Vitalismus seines „Revoltiert!“ ist unbestechlich. Es gibt da eine nichtutopische, weil einmal dagewesene Vorstellung von Sinn: das ist das alte Europa, das „Eigene“. Dafür muß kämpfen, wer noch Sinn hat, seine Bedrohung wahrzunehmen. Angesichts des Terrors muß dem Camus-Leser der Schleier von den Augen fallen: der Große Austausch ist das grand récit, das die linke Emanzipationserzählung beerbt hat.

Terror ist kein existenzielles Rätsel des Innerpsychischen der „Unglücklichen„, seien es Attentäter oder Politiker, und Terror läßt sich moralisch nicht deuten. „Der Fremde“ ist keine moralische Gestalt, auch keine amoralische, der man Kaltblütigkeit oder Ataraxie zuschreiben kann, sondern der Fremde ist die Frage der Identität!

Es ist, als der Verlust von sozialer Identität diese Obsession (i.e. der muslimischen Terroristen und der Hooligans) hervorbringen, die nach aggressiver Identifizierung verlangt. (..) Das tägliche Leben wird auf dem Feld eines identitären Krieges verhandelt. Es findet eine Privatisierung des Krieges statt, die bis in den Haushalt hineinreicht. (…)

Gegenwärtig ist ein Akteur die Finanzdiktatur, der andere sind die Rechtsradikalen, die sich gegen die globale Finanz aufstellen – ich sehe keinen dritten.

(Franco Berardi, Helden. Massenmord und Suzid. 2016, dazu Interview im STANDARD, 15.6.16)

Meine linke Urlaubsdylle betrachte ich mit einem Gefühl, für das es im Deutschen wohl keinen Namen gibt: Wehmut in bezug auf die Hoffungen Dritter, die sich aber nicht bewußt sind, wie arg am Ende sie eigentlich sind. Es ist ja nicht meine Utopie, die da nihilistisch verendet, Fremdwehmut wäre das Wort. Daß mir irgendjemand der linken Protagonisten leidtäte (außer vielleicht das Kind in dem fuck-fascism-Leiberl), kann ich nicht behaupten, das Feuer von Renaud Camus‘ Revolte ist dafür zu brennend – der identitäre Krieg hat gerade erst begonnen. Die Linken machen wohl nicht mehr mit.

 

Interruptus

Kurz vor dem erwartbaren Ende ziehen sie sich zurück.Solche Auftritte erlebe ich beim Lesen in letzter Zeit immer wieder: man folgt als Leser einem Artikel oder Interview zustimmend, dann mehr und mehr bewegt, von einzelnen Wörtern oder Metaphern hingerissen, innerlich „Ja! Ja!“ rufend, und dann kommt – nichts mehr, das Übliche.

Bei der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hing ich am Teaser „In die Hölle, nicht in den Himmel“ fest, der in mein Mail-Postfach gelangt war (als ehemaliger Abonnentin). Der Chefredakteur Johannes Röser legt ein wirklich thymotisch erregtes Stück hin als Leitartikel:

Glaubte der angeblich Siebzehnjährige, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland einreiste, wirklich, dass Mörder das ewige Heil erlangen? Die klugen Fachleute, die jetzt wieder auf allen Kanälen raten, wie der radikalisierenden Versuchung vorzubeugen sei, setzen gern auf „Wachsamkeit“ und auf säuselnde Pädagogik, auf Belehrung der Migranten-Jugend mit den Vorzügen eines freiheitlichen, sozial gesicherten, demokratischen Rechtsstaats. Vor allem meinen sie, mit säkularen Heilsversprechungen und den Verlockungen einer irdischen Konsumgüter-Glücksgesellschaft die verführbaren, von radikalen Muslimen umworbenen, nicht selten frustrierten, niemals wirklich heimisch gewordenen Heranwachsenden vom Terror abhalten zu können. Welch ein Irrtum. Besser wäre es, aus eigener religiöser Überzeugung, wenn man sie nur hätte, die religiöse Wahrheit in aller Klarheit und Deutlichkeit auszusprechen, in einer Sprache, die die Verirrten verstehen: Die Oberen, die Propagandisten des Islamischen Staat im Irak und in Großsyrien verar…en euch! Ihr kommt nicht in den Himmel! Ihr kommt in die Hölle! Ihr werdet dort schmoren in der ewigen Gottesfinsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist. Statt des Paradieses, Dschanna, wartet auf euch die Feuergrube der Verdammten, Dschahannam! Wer Nihilismus sät, wird Nihilismus ernten, und wenn er sich noch so fromm gebärdet und voller Todesverachtung meint, die Lebensbejahenden mit Todessehnsucht erschrecken zu können. An den faulen Früchten werden auch die vermeintlich Gottesfürchtigen, die grausamst getäuscht wurden und sich täuschen ließen, von Gott erkannt und danach beurteilt.

Die Gutmenschenrhetorik hat versagt, die Integrationsromantik, die Open-borders-Ideologie auch der christlichen Kirchen gegenüber dem Islam. In die Hölle kommen sie, die Feuergrube, sie werden gerichtet werden. In diesem Spannungsbogen gehalten hätte jetzt kommen müssen (rhetorisch besser als ich es jetzt als Enttäuschte zu formulieren schaffe): sie sind nicht mehr länger unsere Brüder und Schwestern im Glauben an den einen Gott, sie sind unsere Feinde! Es ist ein fürchterlicher Irrtum der christlichen Kirchen, den „Flüchtling als Heiligen“ zu verehren, statt die Islamisierung Europas entschieden zu bekämpfen, und auch auszusprechen von der Kanzel (macht man ja nicht mehr, alsdann: in einer diesmal nicht ganz so jovialen und ranschmeißerischen Rede zur versammelten Gemeinde hin) daß wir Christen klare und benennbare Feinde haben.

Übrigens ist, soviel ich weiß, in dem tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam niemals ein Christ auf den Gedanken gekommen, man müsse Europa, statt es zu verteidigen, aus Liebe zu den Sarrazenen oder den Türken dem Islam ausliefern“ (Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, 1933², S.11)

Sowas hätt‘ ich mir erwartet! Was kommt?

Nur durch die üblichen Integrationsangebote und herkömmliche Sozialarbeit seien die zum Extremismus neigenden Muslime nicht vom Dschihadismus und Anschlägen abzuhalten. Was diese Menschen bräuchten, „sind rief religiöse Menschen, die sie auf dem Weg zu einem anderen Gottesbild begleiten“. Und: „Einer Religion, die tötet, wird nur eine Religion, die den Gewaltverzicht und die Versöhnung mit Anderen, mit Fremden, ja mit Gegnern und Feinden lebt, standhalten.“
Das bedeutet für die Bevölkerung der Einwanderungsländer, des Westens, aber auch: Statt des propagandistischen „Jetzt erst recht!“ und „Weiter so wie bisher!“ hätten wir ebenfalls Umkehr nötig, Umkehr zu einer ursprünglichen, zu einer religiösen, authentisch christlichen Hoffnung: aufrüttelnd, motivierend, erhebend. Das ist das Beste, was Christen der Welt, einschließlich der islamischen Welt, auch heute zu sagen hätten, wenn sie es nur wollten.

Die „Versöhnung mit Anderen, mit Fremden, ja mit Gegnern und Feinden“ ist alles andere als „aufrüttelnd, motivierend, erhebend“, sondern reiht sich als sakrale Version in das von Rösler so scharf angegriffene profane Abwiegeln und Maßnahmenergreifenmüssen ein. Man weiß wirklich nicht, was die Kirche von einem Programm einer beliebigen NGO unterscheiden sollte. Rösler kann so fulminant starten, gerade  w e i l  er ein Erbe einer tiefen, großen, reichen Predigtsprache zweier Jahrtausende ist, das Zeug ist da! Was macht ihn erschlaffen?

Charles Taylor schöpft aus dem gleichalten Fundus der abendländischen Philosophie, sein Hegel-Buch ist ein (außer für Hegelspezialisten) ungehobener Schatz. Bei ihm passiert dem Leser das gleiche. In einem ZEIT-Interview (credits to Seidwalk für dieses Fundstück) geht die Erregungskurve zwar nicht so schnell hoch, aber als Taylor endlich in seinem Element angekommen ist, und nicht mehr nur Kanadas aktuelle Migrationspolitik affirmiert, befindet er:

Die vordemokratischen Imperien hatten es in mancher Hinsicht leichter mit ihren Minderheiten, egal ob Sie das Spanien der legendären mittelalterlichen Toleranz-Epoche als Beispiel nehmen oder das Habsburger Vielvölkerreich, wie Joseph Roth es beschrieben hat: Die Legitimität des Regierens hing in diesen Herrschaftsformen nicht davon ab, was das Volk für richtig hielt. Aber sobald man in der westlichen Moderne das Gemeinwesen auf den Volkswillen und demokratische Legitimität baute, hing und hängt alles davon ab, wer auf dem Territorium eines Staates lebt und wer auf dieses Territorium gelangt: Wer drin ist, bestimmt eines Tages mit – wer draußen ist, nicht.

Was wäre die vernünftige Erwartungshaltung gegenüber dieser Steilvorlage? Wohl eine klare Verteidigung der Grenzen des Gemeinwesens und der Einwanderung. Eine Warnung, daß Kanada und alle Nationalstaaten gut daran tun bzw. täten, die Definitionsmacht über ihr Territorium zu behalten. Doch Taylor bricht ab, und landet unsanft wieder im Auftaktgeplänkel des Interviews, beim Lob der „bunten“ Regierung  Trudeau:

Ich betone die staatsbürgerliche Partizipation und das Tätigsein der Bürger, weil wir es gegenwärtig in Europa mit einer Skepsis gegenüber der Legitimität des Handelns der Eliten zu tun haben. Aber wenn Sie das neue kanadische Kabinett der Regierung von Justin Trudeau ansehen, das so bunt zusammengesetzt ist wie historisch noch nie zuvor ein Kabinett, dann zeigt sich, dass sich auch in demokratischen Institutionen abbildet, ob alle miteinander im Spiel sind.

Es ist mehr der „Widerstreit der Diskursarten“ (Lyotard), ein Kampf der Giganten über die Diskurshegemonie, in dem die konkreten Intellektuellen nur Akteure sind, als deren persönliche Feigheit oder Rückzugsmentalität. Sie können das Große, wovon sie theoretisch zehren, in der performance nicht bis zum Schluß durchhalten. Ich bin gespannt, wann der fauxel sie freigibt und der Spannungsbogen hält. Noch bleibe ich voller Erwartung.

 

 

Die Realität der Massenmedien: Trump

KURIER heute:

Trump zerlegt das Interview in klassischer Form, behauptet einfach immer weiter, was er will, auch wenn das erwiesenermaßen nicht stimmt. Noch nie haben US-Medien so viele Aussagen so vielen Faktenchecks unterzogen, aber das spielte überhaupt keine Rolle.

Erst kürzlich beklagte ich in einem Gespräch mit H, daß ich notorisch unfähig wäre, mir Fakten, Statistiken, Studien und Zahlen zu merken. H warf mir ahistorisches Denken vor, das dazu führe, daß ich Theorien aus ihrem historischen Kontext herausrisse und für meine Zwecke hernähme. Und natürlich brachte er den Klassiker unter den Vorwürfen gegen rechts: Irrationalismus, also eine Bedrohung zu sehen, wo doch keine da wäre, und Zukunftsszenarien oder Zustände an anderen Orten bloß „gefühlt“ als Dystopie zu entwerfen, wo dem doch keine Fakten entsprächen.

Luhmanns „Die Realität der Massenmedien“ (1996) ist ein konstruktivistischer Text, Stoßrichtung klar: Realität gibt es nicht, diese narzißtische Kränkung muß die Moderne verkraften. Das heißt mithin aber auch: alle linke Ideologiekritik funktioniert nicht mehr, man kann nicht „die Wirklichkeit“ und die „Manipulation durch die Medien“ einander gegenüberstellen. Bei Luhmann liest sich das so:

Jede Realität ist real. Jede Fiktion oder Imagination ist ihrerseits real, denn es wird ja real etwas als fiktional beobachtet. Da auch real etwas als real beobachtet wird, ist auch reale Realität real. Jede Realität ist fiktional, denn sie kann nur beobachtend als real oder fiktional ausgezeichnet werden.

Donald Trump ist real, auch wenn seine Rede fiktional ist. Die Differenz ist nicht etwa die, daß er als physischer Sprecher real, und seine Rede bloße Sprache sei, das ist so banal wie wahr. Es ist allerdings unmöglich, seine Redeinhalte auf mehr oder weniger Realitätsgehalt hin zu prüfen. Das Phänomen Trump ist fiktional, und insofern ist die Überprüfung mithilfe von „Faktenchecks“ sinnlos, does not apply. Die manipulationstheoretische linke Fragestellung ist: Darf Trump ungestraft lügen und damit Stimmung machen, darf er ein „Populist“ sein? Trump darf alles. „Darf“ ist nicht mehr die Frage in der Sphäre der „Simulakren“ (Baudrillard).

Die Ereignisse finden nicht mehr statt, und wenn, dann nur noch als Simulation auf dem Bildschirm. In der neuen Ära, der Ära der Nachgeschichte, gibt es weder Wahrheit noch Politik. Nietzsche, so Baudrillard, habe sich noch mit dem Tod Gottes herumgeschlagen; wir, die endgültig Modernen, aber hätten es mit dem Verschwinden der Geschichte und dem Ende der Politik zu tun. Die Achtundsechziger waren die letzte Zuckung im historischen Lauf der Dinge, danach begann die »Agonie des Realen«, die »große Absorption«, das elende Verschwinden.

Dies schrieb Thomas Assheuer 2007 zum Tode von Jean Baudrillard in der ZEIT. Und zeigte sich massiv irritiert davon, daß Baudrillard nicht bloß der postmoderne Theoretiker der „Simulation“ von Realität gewesen ist (das konnte man kulturkritisch noch goutieren), sondern am Ende seines Lebens „rechts“ wurde. Die Agonie des Realen, dieser Todeskampf der Moderne und der Linken, wurde für ihn plötzlich durch  9/11 durchbrochen. Terror ist auf eine Weise real, die sich nicht absorbieren läßt in den Paradoxien des Codes real/fiktional (Luhmann) oder real/simuliert (Baudrillard). Das Verschwinden der Geschichte und der Politik (insofern beide Realitätsansprüche kommunizieren) wird aufgehalten durch Terror. Terror als katechón? Soweit kann ich nicht denken.

Was ich denken kann, ist: Trump ist ein simulacrum, und deswegen, wie Martin Sellner bemerkte „undissbar“. Das Phänomen Trump ist ja nicht dieser lächerliche Typ da auf der Bühne und seine konservative Wählerschaft, sondern das, was er auslöst, respektive im Netz.

Ein digitaler Sturm der Übertreibung und Provokation, der die politisch korrekten Barrikaden, Sprachbarrieren und Denkverbote wegfegt.Das Phänomen Trump hat eine befreiende Wirkung auf die gesamte US-amerikanische Metapolitik, die gerade aus
seiner Übertreibung und Zuspitzung, seiner offensichtlichen Unkorrektheit herrührt.

Es tobt nicht der infowar, sondern der mediale Krieg Simulation vs. Manipulation. Die List der Geschichte scheint sich mir so anzudeuten: die Linke hatte sich in den 80ern in der Postmoderne verheddert, Konstruktivismus und Simulation der Realität schienen die alte Ideologiekritik abzulösen, man hatte aufgegeben und freute sich auch noch am eigenen Untergang.

Bloß hatte man dabei nicht bedacht, daß es außerhalb der westlichen „Agonie des Realen“ doch noch irgendwo Akteure gibt, die davon nichts mitbekommen hatten oder aber genau diese Selbstreferenzialität als Schwäche sahen und genau da zuschlugen und bis heute ständig zuschlagen. Good old Schmitt spitzte das bekanntermaßen so zu:

„Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk.“  (Carl Schmitt, der Begriff des Politischen, 1927).

So, und wenn nun Trump ein simulacrum ist, dem demokratische Gegenrede, Ironisierung und „Faktencheck“ gleichermaßen nichts anhaben können, dessen Triumph sich nach allen Regeln der massenmedialen Demokratie vollzieht, wo bleibt dann das Reale? Wo könnte es zuschlagen? Ist Trump dann Teil der Agonie des Realen, der Schwäche des Westens, oder nicht?

So weit kann ich ad hoc nicht denken.

 

 

 

Uterusneid, Dekadenz und ein Rest von Ehre

Der Mann ist bloßgestellt: als eitel, destruktiv, neidig, wehleidig und kurzsichtig. Eine lange Geschichte weist ihn als Diktator, Massenmörder und Vergewaltiger aus. Seine gegenwärtige Identitätskrise birgt auch Gefahren. Denn der Umschwung vom patriarchalen System zu etwas möglicherweise Besserem geht nicht friktionsfrei vonstatten. Daher wird das „Mannsein“ zum Thema zahlloser künstlerischer Arbeiten – auch im zeitgenössischen Tanz.

Im heutigen Standard  kommentiert ein Journalist männlichen Geschlechts in diesen Worten das „Impulstanz“-Festival. Ad-hominem-Argumente, besonders solche, die sich auf das Aussehen, moralische Verfehlungen und sexuelle Eigenschaften eines öffentlich auftretenden Menschen richten, sind unterste Schublade und diskursiv nicht lange tragfähig. Jedoch: wenn nur Leute, die jeweils das richtige Geschlecht, die richtige Rasse, das richtige Körpergewicht oder die richtige Einnahmequelle haben, etwas Despektierliches darüber sagen dürften („Nur Schwarze dürfen etwas Kritisches über Schwarze sagen!“), wäre die freie Rede durch das Ad-hominem-Argument extrem eingeschränkt. Das ist das Problem der politischen Korrektheit.

Wenn aber jemand genau die  e i g e n e n  Merkmale offensiv vor sich herträgt, daraus nicht nur keinen Hehl macht (z.B. Mann zu sein, oder weiß, oder schwarz, oder Deutscher …), sondern das Eigene offen verachtet, haben wir es nicht mehr nur mit ad-hominem-Argumentation zu tun, sondern – in bezug auf die eigene Person – mit Selbsthaß oder – in bezug auf die eigene Gruppe – mit „flamboyanter Unehrenhaftigkeit“ (Jack Donovan). Der Genderdiskurs hat nicht nur Frauen in ihr vermeintliches Recht gesetzt (das war der Sinn der Übung), sondern dabei Männer komplett aus der Geschichte der Menschheit hinauskomplimentiert: nicht einmal als bad guys dürfen sie ihr Dasein fristen, denn:

Über den Ausschluss der Frau verweist Vandekeybus unter anderem darauf, dass der kulturell genormte Mann der Frau symbolisch beweisen will, den größeren zu haben – Uterus nämlich. Wenn er sie in künstliche Hüllen sperrt: ins Haus oder in materielle Abhängigkeiten.

Standard vom 18.7.2016

Es reicht nicht, daß Männer ihrer Natur nach böse sind (und andere charakterliche Deformationen kollektiv aufweisen, „eitel, destruktiv, neidig, wehleidig und kurzsichtig“ alles zusammen, zum Beispiel), außerdem noch „Diktator, Massenmörder und Vergewaltiger“ sind, sie werden auch noch  d i s k u r s i v  ausgeschlossen. Das geht so.

Der „kulturell genormte Mann“ hat keine Natureigenschaften mehr, auf die er sich entweder berufen könnte, oder die er schlicht und ergreifend hätte und mit denen er gegen Zumutungen kämpfen könnte. Er existiert nur mehr als soziales Konstrukt, das jederzeit dekonstruiert werden kann.Und das Schlimme ist, Männer machen das auch noch mit! Konstruktivismus und Kulturalismus sind beileibe keine Fraueng’schichten, feministische Nebenschauplätze, sondern der komplette Diskurs hat jeden Stolz verloren, Männlein und Weiblein freuen sich, bloße „soziale Konstrukte“ zu sein und das auch bald abzuschaffen („Rollenklischees!“).

Ich mache bei so etwas gern die Umkehrprobe: wenn im STANDARD gestanden hätte, ein Tanzfestival kreise darum, daß die Frau als solche „eitel, destruktiv, neidig, wehleidig und kurzsichtig“ sei, fernerhin es sich bei Frauen um notorische Diktatorinnen, Möderinnen und Ehebrecherinnen handle, deren historisches Stündlein nun aber endgültig geschlagen hätte – brächte das sicher eine Unterlassungsklage oder zumindest eine Verwarnung durch den Presserat ein.

Dann wird dem Mann auch noch ein eigener psychologischer Komplex untergeschoben (siehe: Diffamierung, hinterfotzigste Stufe: Pathologisierung Die kluge und die dumme Diffamierung). „Uterusneid“ als Urmotiv des Mannes, darauf muß man erstmal kommen! Penisneid hat ausgedient, ist dekonstruiert als männliches Phantasma, ein tieferer Schlag unter die Gürtellinie muß als Retourkutsche her. Wie abscheulich eine Gruppe uterusneidischer ausschließlich männlicher Tänzer auf der Bühne agiert (auch von „vorgetäuschten Orgasmen“ ist im KURIER die Rede), kann ich mir ausmalen, aber nicht ertragen. Es ist viel mehr als „Fremdscham“ (wenn sie etwa bloß peinliche Figuren wären, in die man sich nicht hineinversetzen möchte, es aber muß, weil man ihnen zusieht), es sind Seelenvermögen wie Zorn, thymós, Haß, die mich davon abhalten.

Daß diese Selbstabschaffung an ihre Substanz gehen könnte, ihre Kraft, ihre Identität, ihren Lebensmut und Lebenssinn angreifen könnte, das sehen die männlichen Akteure (die in den Räderwerken des Diskurses, die auf der Wiener Bühne nur mittelbar) nicht. Vielleicht sind sie noch an einer Stelle verwundbar: Sex. Sex ohne radikale Geschlechterdifferenz hat keinen Sinn.Es wäre jedoch damit zu rechnen, daß auch das Sinnentleerte noch gefeiert wird:

Ich hörte neulich Studenten von H zu, welche in froher Runde queer theory goutierten: Analsex sei das Gebot der Stunde, weil Fortpflanzung hetero ist, und normativ außerdem . Der Text, über den sie sprachen („diskutierten“ kann ich nicht einmal behaupten, denn man war allenthalben interessiert bis einverstanden) heißt „No future“ (http://k-punk.abstractdynamics.org/archives/005071.html).

Nur Homosexuelle könnten die Lage der Welt wirklich verstehen: radikale Negativität, gegen den Fortschrittsglauben, Kinder in die Welt setzen zu müssen, denn der Kapitalismus macht sich Zukunftshoffnungen zu eigen. Allein daß wir an die Zukunft unserer Kinder denken, ist in diesem Verständnis kapitalistisch und heteronormativ. Zivilisation und die Klassengesellschaft überhaupt bauen auf der Reproduktion der Kernfamilie auf, sodaß sie mit ihren Werten Generation um Generation weiter infiziert. Die Lösung: schwul sein und keine Kinder kriegen, und den großen Untergang feiern (sie nennen das mit Lacan „jouissance“, ein Kunstwort aus „jouer“=spielen, und „pouissance“=Macht). Der Weisheit letzter Schluß ist dann:

To be fucked in the ass is to sabotage the bodily integrity through which the individual and his realm of the private is constructed.

Wenn wir die Männer soweit haben, dem tatenlos zuzuschauen, oder sogar: dabei noch mitzutun, dann ist die Dekadenz unserer Kultur endgültig besiegelt. Kann nur ein Jack Donovan uns noch retten?

Diskurshegemonie blond und blauäugig

Die Stadt Wien unterstützt drei voneinander kaum unterscheidbare Straßenzeitungen (MO, Global Player und We The People), die durch mehr oder minder aufdringliche Romaverkäufer feilgeboten bzw. als Feigenblatt fürs Betteln durch die Straßen getragen werden. In einem neu eröffneten Hipsterlokal am Brunnenmarkt fiel mir letztere in die Hände, mangels Tageszeitungen, sie hatten sonst nur einen alten Falter, den hatte ich schon durch. Im dem Lokal stand alles voll mit räudigen shabby-chic-Metallsesseln, deren Herkunft H in Ungarn vermutete, die dümmliche Bedienung antwortete auf die Frage nach dem Ursprung dieser Sesseln stolz: „Aus Indien importiert! Da haben sich die Chefs richtig ausgetobt!“ – von wegen regional Einkaufen sei typisch Hipster, siehe: Reinheitsphantasien am WC)

Das Heft lohnt keine theoretische Auseinandersetzung, zu hanebüchen und wenn man von linken Pamphleten auch mal „krude“ sagen darf, sind die meisten Inhalte, vollkommener clusterfuck das Editorial eines Negers offenbar nicht eindeutig zuzuordnender Spezies namens „Di-Tutu“:

„Im Grunde genommen kündigt die Konjunktur des weltweiten Rechtspopulismus das Ende des Pluralismus der Homogenen an, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Gesellschaftsordnungen prägte (…) es weist aber zugleich auf die Herausforderungen einer neuen Ära eines diversitären Pluralismus in den Beziehungen zwischen den Menschen hin: Im 21. Jahrhundert ist die Generation der Antispeziezismusbewegungen erwacht.“

 

Was aber wirklich interessant ist, ist die Frage der Diskurshegemonie. Darunter verstehe ich, wer die Führung in Händen hält, öffentliche Rede über politisch relevante Begriffe, Fragestellungen und Denkmuster zu steuern. Es geht primär nicht um die Größe der massenmedialen Konsumentenschar, auch nicht um direkte Manipulation oder bestimmte mächtige Personen, die man dingfest machen könnte. Woher kommen bestimmte Wörter, Fragestellungen, Ideen? Wer hatte sie zuerst besetzt, und wer hat sie übernommen, freiwillig oder unfreiwillig? Und was passiert dann mit den Diskursen?

Diskurshegemonie I

In jenem Heft wird der Wiener Juraprofessor Manfred Nowak interviewt. Der Fragesteller wünscht sich vom Interviewpartner als „rechtsphilosophischem und rechtspolitischem Theoretiker“ eindringlich eine „Korrektur des Rechtsrucks“ (bei soviel „rechts“ sollte das doch wohl klappen …). Er stellt ihm also folgende suggestive Frage:

Was soll ihrer Meinung nach für eine Transnationalisierung in der Politik und in Sachfragen wie der Integration getan werden?

Und bekommt auch eine Antwort. Nowak ist links-antineoliberalistisch, ohne Fehl und Tadel, deshalb kommt er als Interviewpartner für diese Gazette überhaupt in Frage und gibt sich dafür her. Seine Antwort lautet:

Europa müsste auch wieder zu seinen ursprünglichen Werten zurück, womit ich die Jahre zwischen 1945 und 1975 meine, die man in Frankreich als Les Trentes Glorieuses bezeichnet.

Diskurshegemonie heißt hier: auf eine linksgrüne remplaciste-Suggestivfrage kommt plötzlich eine Antwort, die aus dem rechten Lager genauso hätte lauten können. Renaud Camus wäre sicher nicht unglücklich über diese Aussage. Der Grund, warum „ursprüngliche Werte“ und der Bezug auf die „Trentes Glorieuses“ hier von links kommt, läßt sich mit dem Begriff „Querfront“ nur unzureichend beschreiben. Neoliberalismuskritik treibt offenbar manchmal erstaunliche Blüten.

Diskurshegemonie II

Doch es kommt noch ärger. Ein weiteres Interview führt „We The People“ mit der Trägerin des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien, Beatrix Neundlinger. Es geht um die Präsidentenwahl, die FPÖ, Österreich als Einwanderungsland, Neundlinger gibt lauter erwartbare Antworten. Dann kommt sie auf die k.-und-k.-Monarchie als Vielvölkerstaat zu sprechen, logisch, alles prima wegen der vielen Völker und Sprachen damals. Dann:

„Die Österreicher, die Ur-Österreicher, zu denen ich mich auch dazuzähle, obwohl ich auch Migrationshintergrund habe, meine Mutter war Berlinerin, sind eine aussterbende Bevölkerungsschicht.“

„Ur-Österreicher“ ist noch härter als „Biodeutsche“ und „Stammfranzosen“, das fällt ihr aber nicht unangenehm auf. Der deutsche Migrationshintergrund ist alberne Ranschmeißerei, geschenkt, dann kommt’s: „eine aussterbende Bevölkerungsschicht“. Okay, „Österreicher“ sind in Österreich soziologisch keine „Schicht“, aber der rechte Diskurs hat Frau Neundlinger gepackt. Der Interviewer fragt sie, warum das mit dem Aussterben so sei.

Insgesamt ist es halt so. Ich persönlich habe genug Kinder bekommen. Ich habe zwei Kinder. Das passt.

Sie rechtfertigt sich – wohlgemerkt ohne übelwollende Unterstellung des Fragestellers – vorauseilend und vergaloppiert sich immer mehr in rechte Denkmuster. Sehen wir weiter:

Ich habe mein Plansoll erfüllt. Aber die Österreicherinnen bekommen zu wenig Kinder. Warum? Ich glaube, weil sie vielleicht einfach keine Zukunft im Kinderkriegen sehen.

Dann hat die Diskurshegemonie auch den Interviewer übermannt, von Neundlingers Idee, viele Sprachen bereicherten ihr Leben sehr, kommt er – absolut ohne Not – auf folgende Frage:

Aber die blauäugigen und blonden Menschen gehen doch zugrunde, wenn alle aus Afghanistan, aus Pakistan und Afrika kommen?

Rechter geht’s kaum :-). Und was sagt Beatrix Neundlinger freimütig darauf?

Nein, wenn man die Mendellschen (sic!) Erbgesetze kennt, dann weiß man, dass das blonde-blauäugige immer wieder durchkommt. Ich habe in Brasilien genug blonde-blauäugige Menschen getroffen. Das hätte ich mir auch nicht erwartet. Das ist aber auch nicht wichtig, ob das Blonde, Blauäugige durchkommt. Darum wäre es mir nicht schade.

Geschafft! Wenn hier irgendjemand  g e w o l l t  hätte, daß sie sich argumentativ im rechten Diskursgestrüpp verfängt, hätte er es geschafft. Nur – das wollte hier keiner, der Diskurs hat sich verselbständigt, das nennt man: Diskurshegemonie. Im übrigen hat sie auch noch ganz furchtbar unrecht: die phänotypischen Merkmale blond+blauäugig sind genetisch rezessiv! Daß man in Brasilien und andernorts auf der Welt bei einer weitgehend dunkelhäutigen und -äugigen Bevölkerung vereinzelte Blonde mit blauen Augen sieht, liegt daran, daß diese Merkmale rezessiv sind. Rezessivität heißt nicht: das Merkmal verschwindet in einem Erbvorgang komplett, sondern nur: es setzt sich mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit durch.

Neundlinger merkt am Ende ihrer Erklärung, daß sie sich vielleicht doch ein bißchen weit wegbewegt hat von dem, was ihre politische Meinung ist (eingeübte Diskurse sitzen tief) und setzt nach, daß ihr genetische Dominanz europäischer Merkmale ja gar nicht wichtig wäre, sollen sie doch alle braun werden, wär nicht schad‘ darum. Holterdiepolter die Stiegen hinab, der rechte Diskurs darf sie nicht zu fassen bekommen.

 

 

 

 

 

 

Reinheitsphantasien am WC

Heinzelmaiers Adlatus kann es auch (siehe: Heinzlmaier und die rohen Männer). In der Augustausgabe des Magazins NEON wird Philipp Ikrath, der gemeinsam mit Reinhard Heinzlmaier die „Generation Ego“ erfand, interviewt, Thema: Junge Rechte.

Ikrath versucht allerdings, mit einem total konträren Suchbegriff des Phänomens der jungen Rechten Herr zu werden. Sprach sein Doktorvater von den jungen rechten Männern als bösen rohen Wilden, die im Prozeß der Zivilisation nicht mitgekommen seien, hält Ikrath sie für hyperhygienische Spießer.

Man könnte sagen, die Welt dieser Spießer riecht wie ein gerade frisch geputztes WC. Da ist alles frisch, alles rein, da gibt es nichts Gefährliches.

Adornos „autoritärer Charakter“, auf den sich Ikrath bezieht, ist nicht von ungefähr ein Abkömmling von Freuds „analem Charakter“: der Zwang zur Anpassung, übertriebene Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit,  Genauigkeit und Eigensinn vereinen sich in einer Figur, die sich vor „denen da oben“ fürchtet, und diese Angst zwanghaft abführt, indem sie „die ganz unten“ tritt. Mit diesem Erklärungsmuster tritt er an die Rechten heran und findet wenig überraschend: den Spießer.

Hätten wir längst totgeglaubt, Ikrath eigentlich auch, Reihenhaus, Karopullunder und Golden Retriever kommen auch gleich in die Lade, aber Helene Fischer kommt aus der Lade wieder hervor als Verkörperung des aktuell Spießigsten. Hm, was haben FPÖ- und AfD-Wähler mit Helene Fischer gemein?

Im Kern ist der Spießer eine Person, die sich an den herrschenden Zeitgeist zumindest anlehnt.

Jeder Mensch lehnt sich an den herrschenden Zeitgeist irgendwie an, Ikraths Definition ist also zu weit. Spannend werden dann die Implikationen der Spießerdefinition: der Spießer ist Mitläufer, der Mainstream ist also auf eine diffuse Weise „rechts“. Soweit sind wir also schon gekommen. Ikraths Metapher aus der Astrophysik der Sternentstehung (He Leute, frohlocket, da entsteht ein Stern!) ist die „neoliberale Gassphäre“, in deren Mitte sich ein Kern verdichtet habe, der die alten Rollenangebote wieder zurückhaben möchte.

Ikrath ist ganz in der Spur vom flamboyant unehrenhaften Heinzlmaier, wenn er Frauen als weniger verführbar für die „Machtrhetorik rechter Parteien“ sieht, weil sie zum Glück „eher zur Versöhnlichkeit erzogen“ worden wären. Das widerspricht allerdings seiner eigenen Spießerthese, denn der Spießer ist ja absolut versöhnlich und sozial zwanghaft angepaßt. Was denn nun? Wilde Machtphantasien oder Reinheitsphantasien am WC?

Die Interviewerin, Eva Reisinger, stellt ihm eine unglaublich implikationenerzwingende Frage: „Ist es heute legitimer, rechts zu sein als in den 30er Jahren?“

(Wenn ja, hah, wir sind noch übler dran heute als damals, als die Nazis aufkamen, wenn nein: Rechtssein ist illegitim!).

Und der Jugendforscher springt über das Stöckchen und meint dazu, es sei „definitiv enttabuisiert“ worden!  Die Kornblumendebatte hätte sich damit erledigt, in den 30er Jahren war es definitiv legitim (sagen wir: Anhänger der Zentrumspartei und der Deutschnationalen waren „rechts“), nur die NSDAP war phasenweise illegal. Damals also kein Tabu, heute noch weniger. Interessant, wirklich interessant.

Die linke Jugendforschung sieht das Problem, interpretiert sogar Studien (Wertestudie 2011: 64% sehen ihre eigene Zukunft positiv, nur 22% sehen die Zukunft der Gesellschaft positiv) absolut richtig.

Viele haben die gleiche Einstellung wie Margaret Thatcher damals: dass es keine Gesellschaft gibt, sondern nur eine Ansammlung von Individuen. Wenn man mit dieser Denkweise aufgewachsen ist, ist das Ergebnis nicht mehr so paradox. Dann kann man auch im Orchester der sinkenden Titanic noch seinen Spaß haben

Eine Jugend, die keine Identität mehr hat, wird entweder hedonistisch, hat also zumindest oberflächlich keine Identität mehr nötig, sondern nur noch Spaß, oder sie sehnt sich zunehmend offen nach einer solchen. Wie soll die Soziologie damit umgehen? Substanzbegriffe wie „Herkunft“ hat sie aussortiert, die komplexe digitalisierte Moderne darf man nicht mehr mit „analogen“ Antworten vereinfachen, meint Armin Nassehi, und wer es doch tut, macht sich der Komplexitätsreduktion schuldig (das ist die zentrale These seines Buches: Die letzte Stunde der Wahrheit, 2015).

Wie gehen wir mit jungen Rechten um, die sich entweder theoretisch oder lebenspraktisch einen feuchten Kehricht darum scheren, ob sie unzulässige Komplexitätsreduktion betreiben? Wir müssen das als Bedrohung verstehen, und als Wissenschaftler bietet sich da eigentlich nur eine einzige Waffe an: Diffamierung.

Ikraths „Erklärungen“ des Phänomens der Rechtswähler kommen aus der Mottenkiste der Ideologiekritik (autoritärer Charakter! Spießer! anale Reinheitsphantasien!). Solange die Identitären (als wirkliche Jugendbewegung) für Ikrath noch unpolitisch parallelisierbar sind mit einem sowas von unbedrohlichen Jugendphänomen, den Hipstern („regional einkaufen, handwerken, basteln“ tun sie ja beide gern, behauptet er – ich kenne keine Identitären, die das mögen :-)…), kann er sie kulturell erklären. Politisch versagen dem Jugendforscher die Kräfte, da kommt nur noch die übliche Polemik: „rechtsextrem“, „völkisch“, „Blut- und Bodenmentalität“.

Der vermeintliche verhinderte Spießer kann seine WC-Ente stecken lassen und losziehen um den Jugendforscher zu verunsichern: der Faschismus stehe plötzlich der Faschismusforschung gleichberechtigt gegenüber – das ist schon eine größere Nummer.

 

 

 

 

 

 

Die kluge und die dumme Diffamierung

Was muß  die rechte Wählerschaft (ich denke jetzt nicht an eine publizistische Gegenöffentlichkeit, nicht an exponierte Politiker, nicht an Aktivisten, Trolle oder sonstige Figuren, die bewußt ihren Kopf hinhalten) sich an Schmähungen gefallen lassen?

Die ganz normale Hälfte der österreichischen Bevölkerung, das ganz normale Viertel der deutschen Bevölkerung, wofür darf man sie halten? Ich unterscheide vier Arten der Diffamierung, ihrem Klugheitsgrad und ihrer Hinterhältigkeit nach aufsteigend geordnet.

1.) Rechte sind verblendet.

2.) Rechte sind dumm.

3.) Rechte sind primitiv.

4.) Rechte sind geistesgestört.

 

Ad 1.) Diese Diffamierung ist das niederschwelligste Angebot der Medien an das dünkelhafte linke Publikum. Sie geht so: „Rechtspopulisten“ (eigentlich gibt es das Wort „Populisten“ gar nicht mehr ohne „Rechts“, es ist quasi so, wie ich als Kind dachte, „Bundeskanzlerhelmutkohl“ wäre ein einziges Wort), also „Rechtspopulisten“ haben das Volk verführt. „Populismus“ definiert Jan-Werner Müller in seinem Essay Was ist Populismus? so:

In einer halbwegs funktionierenden Demokratie ist es immer populistisch, wenn Demonstranten für sich beanspruchen, das Volk zu sein.

„Das Volk“ als Kollektivsingular ist also nimmer sagbar, außer man will „das Volk“ demagogisch aufhetzen für irgendeine „rechte“ Idee. Verblendet zu sein heißt aber immerhin, daß das Volk auch noch mal erlöst werden kann durch (eher selbsternannte) Aufklärer. Volksaufklärung macht auch vor staatlichen Organen nicht halt, es besteht akute Gefahr, daß auch sie verblendet sein könnten, warnt der heutige STANDARD (und platziert gleich mal zwei Denunziationsadressen gegen Rechts, die ich nicht verlinke):

Der wichtigste Punkt im Regierungsplan dürften aber „Sensibilisierungs- und Fortbildungsprogramme für Polizei, Staatsanwaltschaften und Gericht“ sein. Man erinnert sich an die Staatsanwältin, die die Bezeichnung von KZ-Häftlingen als „Landplage“ durchgehen ließ.

Verblendung als Diffamierung nimmt die rechten Wähler zwar nicht für voll, immerhin haben sie sich verführen, aufhetzen, aufwiegeln lassen, aber sie unterstellt ihnen keine charakterlichen oder menschlichen Defizite – verführbar ist schließlich jeder mal.

Ad 2.) Dummheit ist schon schlimmer als Unterstellung. Wer dumm ist, dem

hilft (man), indem man ihn fragt, ob er irgendwo dagegengerannt ist. Und dann drückt man ihm die „Kinderwelt von A bis Z“ in die Hand, damit er sich schlaumachen kann.

Das ist die Umgangsweise mit Hoferwählern, die im Falter (No. 26) von Klaus Nüchtern empfohlen wird. Interessant ist es schon, durch die Welt zu gehen und den eigenen IQ, den eigenen Doktoratsabschluß oder die eigene Publikationsliste zu kennen, rechts zu wählen und zu denken, und mit dem Dummheitsvorwurf konfrontiert zu sein. Es könnte sein, daß „Dummheit“ in Wirklichkeit nur bedeutet: der Gegenüber hat eine Ansicht oder ein Weltbild, das dem meinen nicht entspricht. Ging mir so mit dem Spruch: „Die FPÖ hat doch keine Lösungen!“ Doch, hat sie, nur nicht solche, die dem Sprecher passen. Dummheit kommt als Diffamierung gern zusammen mit dem Primitivitätsvorwurf.

Ad 3.) Besonders „rohe Männer“ sind in den Augen linker Intellektueller offenbar typische Rechte, siehe mein Beitrag zu Heinzlmaier und die rohen Männer. Wer rechts wählt, ist von Trieben gesteuert, von Testosteron, von archaischen Vorstellungen (Frauenbild! Autorität! Burschenschaften! Katholizismus! Stammtisch!). Für seine Biologie kann der Mann nichts, der arme. Und wenn rechte Männer sich auf diese berufen, heißt das in der Sprache der Diffamierung „Biologismus“. Über den Biologismus ist der Kulturalismus meilenweit erhaben, insofern Biologismus eine „soziale Konstruktion“ sei, sagen die Kulturalisten, Kulturalismus natürlich ebenfalls, während Kulturalismus dessen eingedenk sei, sei es der Biologismus nicht, stelle also eine primitive, unterkomplexe Weltsicht dar.  Zum Primitivismusvorwurf gehört eng verwandt der Vorwurf des unterkomplexen Denkens. Die Moderne ist wie auch immer komplex verfaßt, und rechte Antworten auf die Moderne versprächen vereinfachend (siehe ad 1.) Dummheit) „Komplexitätsreduktionen“. Dazu bleibt zu sagen: Biologismus (oder ohne Diffamierungsunterton: biologischer Reduktionismus) ist eine verhältnismäßig schwierige (auch schwierig durchzuhaltende!) philosophische bzw. evolutionstheoretische Position. Und Komplexität reduzieren tun wir doch alle, sonst kämen wir nicht durch den Tag. Die Dummheitsunterstellung reduziert die Wahrnehmung des politischen Gegners jedenfalls außerordentlich.

„Pervers“ gehört auch noch in diese Schublade der Schmähungen (oder auch schon einen Zacken schärfer ad 4.). Dazu fand ich ein echt mieses Ding, ebenfalls im Falter No. 26, betreffend den britischen Ex-Premier David Cameron, der eher cuckservative als wirklich rechts ist. Der aber dennoch nicht verdient hat, daß der Journalist Brian Melican ihm ziemlich wortreich die Geschichte hinterherträgt, er habe als Initiationsritual seiner studentischen Verbindung als junger Mann seinen Penis in das Maul einer toten Sau stecken müssen, Unterton: so pervers sind die Konservativen, und *schenkelklopf*, jetzt gerade habe er ja nimmer solches Schwein. Es erübrigt sich zu erwähnen, auf wen die Perversionsunterstellung schließlich zurückfällt.

Ad 4.) Pathologisierung – die fieseste, hinterfotzigste, am schwersten zu widerlegende Diffamierung. Damit auch die klügste. Manchmal kommt sie in höchstem Maße dumm rüber:

Hoferwähler in den Arm nehmen und ihnen was von Liebe erzählen

wird dem 5/8erl-in-Ehr’n-Leadsänger Max Gaier zugeschrieben. Ähnlich rennt der alte Ärztesong, in dem es heißt

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit … Arschloch!

Zu wenig geliebt worden zu sein als Kind führt dieser Logik zufolge ins rechte Lager. Im öffentlichen Diskurs einer therapeutischen Gesellschaft ist man überaus offen für psychologische Herleitungen furchteinflößender Phänomene. Linke legen Rechte gern auf die Couch und diagnostizieren dann „Empathiedefizite“, „Angststörungen“, „Paranoia“, „Abstiegsängste“, „Xeno-, Homo- oder Islamophobie“. Versuche einer mal, im Gespräch mit einem linken Psychoanalytiker dessen Diagnose: „Du bist doch nur gefangen in einer Angstspirale!“ argumentativ ad hoc zu widerlegen, ohne sogleich mit „Abwehr, alles Abwehr!“ beschossen zu werden.

Empathiedefizite sind auch tricky: der Unterstellende tut meist leidend, verspürt die mangelnde Empathie des rechten Gegenübers schon schmerzlich am eigenen Leibe, rutscht dann auf dem slippery slope entlang („Du verachtest mich, wie du alle Fremden und alle Menschen verachtest, so eine fremdenverachtende und menschenverachtende Ideologie ist das, bald werdet ihr auch mich und meinesgleichen vernichten und ausrotten!“) um am Ende der Diffamierung mit seiner eigenen Empathiefähigkeit („Menschlichkeit, nur ein klein bißchen mehr Menschlichkeit und Herz!“) triumphal davon zu ziehen.

Richtig klug ist folgende Diffamierungsargumentation: Es sei ständig davon die Rede, daß man die „Ängste der Bevölkerung endlich ernstnehmen müsse“. Diese Ängste seien irrational und paranoid, und die therapeutische Gesellschaft begegne ihnen so, wie sie nun mal nicht umhin kann: verständnisvoll, zuhörend, pädagogisch. Damit würde rechtes Denken und vor allem in dieser pathologisierenden Sichtweise: rechtes Fühlen, gleichgestellt mit linkem Denken und Fühlen. Das dürfe man allerdings bloß nicht tun, argumentiert Clemens Setz in der ZEIT, Gleichberechtigung sei Anerkennung des – schließlich doch pathologischen – rechten Denkens (er schlägt so nebenbei eine Obergrenze für Rechtspopulisten vor). Man dürfe es nicht ernstnehmen, gerade weil es irrational und gestört sei. Setz geht dann rhetorisch auf sich selber und seine ja doch nur allzumenschlichen eigenen irrationalen Ängste zurück, um seine Überlegenheit (!) im Diffamierungsgestus zu präsentieren.

Ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie sich überlegen, ironisch, ja sogar „elitär“ und nicht geduldig-pädagogisch gegenüber meinen irrationalen Ängsten verhalten. Ich habe solche ja immer wieder. Und ich hätte keine davon je überwunden oder abgeschüttelt, hätte man mich, aus welchen Gründen auch immer, „endlich einmal vollkommen ernst genommen“. Clemens J. Setz in der ZEIT

Zurückschimpfen? Zurückpathologisieren? Gegenunterstellungen?

Wahrscheinlich haben die Rechten weder den nötigen Durchblick, die nötige Intelligenz, die nötige Kultur, noch die nötige seelische Gesundheit, um das zu schaffen. Gottseidank.