Erwin Mosers Blick

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Erwin Moser ist gestorben, vorletzte Woche in Wien.

Ein Kinderbuchschriftsteller und Maler ohnegleichen. Unter Kindern gibt es zwei Arten, die Realisten und die Phantasten. Die Realisten wollen als Gutenachtgeschichte Querschnitte durch Vulkane und deren Beschriftung, Eisenbahntypen im Lauf der Geschichte und Rekorde der Technik in möglichst schwindelerregenden Zahlen, denn so weit sind sie von ihren versponneneren Altersgenossen doch nicht entfernt, es lockt das Gewagte, Konstruierte, Extreme.

Die Phantasten ihrerseits hängen an Gestalten aller Formen, Namen und Vermischungen, Hauptsache, es sind Gestalten, die nicht von dieser Welt sind. Für die Phantasten kann eine Katze oder eine Maus so weltfremd sein wie ein Rüsselbär oder ein Riesentintenfisch alltäglich. Kleine Ankerpunkte im Realen, sei es ein Name wie Klausdieter oder ein simpler schlecht funktionierender Drehverschluß am fliegenden Ballon, tragen die Spinngedanken besonders weit fort.

Erwin Moser konnte man im Palmenhaus aus einem Automaten ziehen. Da gab es, um 2000 herum, einen Zettelgeschichtenautomaten, ein Geldstück hinein, und heraus kamen „Der Mäusejaguar“, „Der erkältete Eber“ oder „Die Trompetenblume“.

Die Zettel überlebten den inzwischen erwachsenen Realisten, zwei nachgeborene Phantasten waren gleichermaßen hin und weg, die orangen Bücher aus dem Beltz-und-Gelberg-Kinderbuchverlag mußten her. Der ältere Phantast verschmolz Erwin Mosers Gestalten mit dessen eigener Gestalt. Das Bild oben entstammt des Autors „Großem Fabulierbuch“, das Kind blätterte immer wieder zum Umschlagfoto und es gruselte ihn wohlig. Dieser Blick. Es muß der Blick hinter die Dinge sein, so sieht er wohl aus.

„Er begleitet die Kinder bis zu jener Schwelle, nach deren Überschreiten sie keine Kinder mehr sein werden,“ hieß es im Nachruf im Standard. Nach Übertreten des Rubikons sind Kinder unwiederbringlich mit der Welt zerfallen. Wenn sie sich Erwin Mosers Blick mitnehmen konnten über ihr neuntes Jahr hinaus, irgendwo in den Sedimenten und Spuren und Wortsteinbrüchen ihres Hirns konserviert, dann ist auf ihren Willen gewirkt worden. Bilder vermögen dies, Mosers phantastische und zugleich realistische Gestalten im ganz besonderen.

Mangold und die Euryalistik

 

Euryale

„Jede Beobachtung ist paradox. Sie unterscheidet, obwohl oder weil sie nicht unterscheiden kann, was sie beobachtet.“ (Niklas Luhmann)

In der ZEIT erschien eine Doppelrezension der Bücher „Mit Rechten reden“ (Zorn/Steinbeis/Leo) und „Mit Linken leben“ (Lichtmesz/Sommerfeld) von Ijoma Mangold.

Es ist doch a Wahnsinn, sagt man in Wien, wenn in der ZEIT ein Buch aus dem Antaios-Verlag besprochen wird, und darüber zu lesen ist, es habe

„einen scharfen Blick für die blinden Flecken der linksliberalen Öffentlichkeit“.

Allein, im weiteren Verlauf der ausführlichen Besprechung fallen Ijoma Mangold allerhand blinde Flecken unseres Buches auf, die zu erkennen er sich auf „Mit Rechten reden“ stützt. Ich mache mich also daran, diese Beobachtung gegenzubeobachten.

Ein Beobachter kann, wenn er eine Beobachtung handhabt (also einen Code anlegt, in unserem Falle links/rechts), die Beobachtung als Unterscheidung nicht unterscheiden. Er steckt sozusagen drin.

Das heißt nun nicht, daß ein Mensch (Ijoma Mangold oder Zorn und Co.) reflexionsunfähig wäre (also außerstande, den eigenen blinden Fleck jemals einzusehen), er kann nur nicht zugleich die Unterscheidung gebrauchen (Beobachtung 1. Ordnung) und reflektieren (Beobachtung 2. Ordnung).

Wenn nun Zorn et.al. den Code „rechts/nicht-rechts“ statt „rechts/links“ gebrauchen, dann sind sie nur zum Schein auf der Ebene der Beobachtung 2. Ordnung. Wenn man  so tut, als könnte man eine Hälfte des Politik-Codes (links/rechts) rausnehmen, weil man nicht auf derselben Streitebene mitspielen will, und annimmt, „nicht-rechts“ wäre Umwelt (z.B. Teil des wissenschaftlichen Beobachtens des Argumentationslogikers Zorn oder des ästhetischen Beobachtens des Schriftstellers Leo) dann wird man blinder statt sehender. Man kann nämlich nicht einmal mehr die komplette politische Unterscheidung gebrauchen (links/rechts), sondern hat den Code unbrauchbar gemacht UND keine übergeordnete Beobachtungsebene erklommen. Halberte Sache, könnte man sagen, oder Systemzerstörung.

Zum Vergleich, damit es deutlicher wird: Es ist so, als wenn man sich beim moralischen Code nicht traut, gut/böse zu setzen, weil böse ja so böse ist, und daher vorschlägt, lieber gut/nicht-gut zu setzen.

„Bei Unterscheidungen binären Typs geht es primär darum, an die eine positive Seite anknüpfen zu können, also etwa unterscheiden zu können, was Recht (und nicht Unrecht), wahr (und nicht falsch) etc. ist. Binarität impliziert den Ausschluß dritter Werte.“

„Links“ definiert sich über sein Gegenteil und vice versa – das bedeutet aber nicht, daß „wir“ persönlich (also psychische Systeme) von den Linken „abhängig“ wären. Das wäre so, als wenn man einem Gläubigen vorwürfe, vom Teufel, oder einem Wissenschaftler, von der Unwahrheit, oder einem Juristen, vom Unrecht „abhängig“ zu sein. „Abhängig“ können nur psychische Systeme voneinander werden. Ich glaube, daß es also ein psychologisches Motiv ist (muß ja nicht gleich Wahnsinn sein), den Code des Politischen nicht als Ganzes sehen zu wollen oder zu können.

Niklas Luhmann hat dazu einen zauberhaften Aufsatz mit dem ironisch-überkandidelten Titel „Sthenographie und Euryalistik“ geschrieben. Stheno ist eine der Gorgonen, deren Anblick jeden Sterblichen erstarren läßt. Wenn man hinsieht, sieht man nichts mehr, man kann sie einfach nicht beobachten. Paradoxien werden (auf der 1. Beobachtungsebene) nur vorgeführt, aber nicht entparadoxiert, das nennt Luhmann „Sthenographie“.

Euryale ist ebenfalls eine der Gorgonen, sie belohnt den, der sie nicht beobachtet. „Euryalistik“ ist dann die „Lehre“ vom Nichthinsehenkönnen als Voraussetzung des Sehenkönnens, auf diese Weise (B1 + B2) kann man die Paradoxien entparadoxieren.

Die Herren Mangold, Zorn und Co. stehen im Banne der Euryale! Booooh!

Wir haben der linken, Verzeihen’s, der „nicht-rechten“ Kritik zufolge, einen blinden Fleck, indem wir uns innerhalb von links/rechts verorten. Was auch sonst, entgegne ich, denn sonst könnten wir den Code nicht gebrauchen. Wir anerkennen diese Blindheit aber offen. Und indem wir das genau tun, das Anerkennen, schauen wir drauf, auf uns und die Linken. Wir sehen also den blinden Fleck von außen, wollen ihn aber nicht entfernen, sondern seinerseits gebrauchen. D.h. wir beschreiben das Panorama alles dessen, was sich mit dem Blick (oder binären Code) links/rechts sehen läßt, von rechts aus. Wir wissen, daß wir nicht gleichzeitig Linke sein können. Die Kritiker hingegen wollen zugleich sie selbst und wir sein. Daher auch das Psychologische, Ästhetische, Überdrahte, es sind Annäherungsversuche, die aber nicht anschlußfähig an den politischen Code sind, sondern immer und immer dessen Umwelt bleiben.

Es gibt im ZEIT-Beitrag noch zwei weitere „blinde Flecken“, die wir Rechten anscheinend übersähen oder strukturell unfähig zu erkennen wären und daher dringend der Gegenbeobachtung bedürften.

  1. Der Holocaust-Fleck

„Dies ist der größte blinde Fleck im Denken der Rechten: dass sie nicht sehen, dass der Umgang der Deutschen mit ihrer historischen Schuld ein souveräner, reflektierter und deshalb selbstbewusster ist. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nennt man nicht Masochismus, sondern Geschichtsbewusstsein.“

Mangold kapiert nicht, daß es ums WIE geht. Mit H hab ich das ja auch ständig: nicht DASS es den NS gab und den Krieg und den Holocaust, ist ja unser Problem, sondern WIE Linke gebannt vor ihm stehen. Auch so ein Gorgonenblick, der blinde Flecken macht. H meint dann immer, ich würde die Greuel leugnen oder lächerlich machen oder runterspielen. Es ist doch aber die Metaperspektive! Beobachtung zweiter Ordnung. Wir schauen auf die Art des Blickens, und nicht aufs Objekt. Das ist der Unterschied. Und da kommen wir  zu dem Eindruck, daß auf der Ebene B1 eine Blicklähmung besteht.

„Auseinandersetzung“ hätte ja strukturell ein offenes Ergebnis, was erstens die Wertung und zweitens das Auf-sich-Beziehen betrifft, d.h. „Auseinandersetzung“ hat die Form: ich kann es falsch/richtig finden oder gut/böse (und nicht: nur falsch und böse) und ich kann es auf mich beziehen (systemtheoretisch: Kopplung psychisches System/Wissenschaft oder psychisches System/Moral) oder nicht (d.h. mich „betrifft“ diese historische Fragestellung oder dieses moralische Problem, oder eben nicht). Wie bei den anderen blinden Flecken auch: wer nur die eine Hälfte einer Zweiseitenform sehen kann oder will, der hat ein Problem und nicht Souveränität, Reflexion und Selbstbewußtsein!

2. Der Linke-Linke-Nennen-Fleck

Er wirft uns als „blinden Fleck“ vor, daß wir alle, die nicht rechts sind, „Linke“ nennen. Ich glaube, sein Begriff von „blindem Fleck“ ist hier einer der moralischen Zuschreibung von Individuen oder psychischen Systemen. Also, etwas abzuweisen, was man nicht sein will, nicht fremdetikettiert werden zu wollen, Zumutungen nicht zu akzeptieren. Das ist ein verständlicher Impuls, den haben wir ja auch, d.h. wir wollen nicht „rassistisch“ etc. genannt werden, weil’s nervt, weil’s inhaltsleer ist, weil wir die Leier schon kennen usw.. Soweit, so gut – all das spielt sich auf der Ebene psychischer Motive, Akzeptanz und Selbstbezüglichkeit ab. Dieser „blinde Fleck“ ist wohl sozialpsychologisch, und nicht systemtheoretisch zu verstehen. In der Theorie des „Johari-Fensters“ wird als „blinder Fleck“ das beschrieben, was man über seine Geheimnisse nicht weiß, was aber die anderen an einem erkennen:

Blinder Fleck: Unter dem „blinden Fleck“ versteht man alles, was vom Betroffenen aus gesendet und vom Empfänger wahrgenommen wird, ohne dass sich der Betroffene dessen bewusst ist. Andere erkennen Verhaltensweisen und Merkmale, die der Betroffene bei sich selbst nicht wahrnimmt. Durch Feedback der Mitmenschen können Informationen vom blinden Fleck in den Quadranten „Öffentlich“ transportiert werden.

Aber: unser Begriff von „Linken“ ist ein analytischer. Wir arbeiten ja heraus, was genau Denkmuster/Dispositive der Macht/Ideologeme sind, die für ein bestimmtes Denken, Sprechen und Handeln wesentlich sind (z.B. eben Gleichheit, Utopismus, Vertrauen in die Massenmedien, Globalismus). Und die nennen wir „links“, weil sie oppositionell (binärer Code) zu unseren genau gegenteiligen Denkmustern usw. sind.

Es verhält sich, so gedacht, eben nicht so, wie Mangold unterstellt: daß wir die Welt in Freund und Feind einteilen, ohne das große und vielfältige Mittelfeld und all die anderen Positionen quer dazu (z.B. Liberale, Libertäre, Unpolitische) erkennen zu können. Es gibt eben, wenn man so analysiert wie wir, in der politischen Welt im Augenblick allenthalben (also eben auch in diesem „Mittelfeld“ und den vielen Liberalismusspielarten) deutlich erkennbare Elemente von linker Ideologie. Linke wollen keine Globalisten sein, und Globalisten keine Linken – aber sie sind es nun einmal nolens volens. Und da liegt das Ärgerliche, aber Präzise, unserer Idee!

Performativer Selbstwiderspruch

Ein performativer Selbstwiderspruch hat die Form „Psst! Ich schlafe schon!“: eine Äußerung widerspricht den Bedingungen ihrer Äußerbarkeit.
Wenn Marc Felix Serrao den oberen Text in der NZZ schreibt, und darauf vom SPIEGEL-Redakteur Nils Minkmar wie unten sichtbar zurechtgestutzt wird, handelt es sich um einen lupenreinen performativen Selbstwiderspruch.

Man kann sich nicht nur selber performativ widersprechen wie in dem simplen Schlaf-Beispiel. Hakliger wird’s wenn soziale Bedingungen der Äußerbarkeit eine Rolle spielen.

„Es gibt keine tonangebenden Milieus“. Sprach’s und – gab damit den herablassenden Ton an: „rechter Quatsch“, für den man sich „schämen“ muß, darf nämlich in Äußerungskontexten, in denen Minkmars Milieu, also die Meinungselite, den Ton angibt, nicht geäußert werden.

Die tonangebenden Milieus betreiben unablässiges gaslighting. Als gaslighting wird in der Psychologie ein pathologisches Verhalten bezeichnet, das darauf abzielt, sein Gegenüber systematisch in den Wahnsinn zu treiben. Im Grunde ist das Treiben der Medienelite, der Diskurshegemonen, der Meinungsmacher und -wächter, die verkünden, es herrsche totale Meinungsfreiheit, ein einziges Gaslighting. Was will man jemanden sinnvoll antworten, der lächelnd verkündet, es gäbe doch alle Freiheit dieser Welt, und just dadurch denjenigen, der dies infragestellt, infragestellt?

Gaslighting ist auch, wenn eines der Zentralorgane der »politischen Korrektheit« behauptet, daß »sich kaum Anzeichen für ihre reale Existenz finden« (ZEIT Online, 1. Februar 2017).

Wenn nun ein hochgestellter Vertreter des tonangebenden Milieus dekretiert, es gäbe keine tonangebenden Milieus, widerspricht er nicht nur der Behauptung seines Kritikers. Einer Behauptung zu widersprechen ist kein Gaslighting sondern rationale Kritik. Man mag also sagen, es gäbe keine tonangebenden Milieus, diese Aussage halte ich zwar für falsch, sie ist aber nicht widersprüchlich.

Durch den performativen Widerspruch wird es erst der Hirnfick, der einen verrücktmacht: im Akt des abkanzelnden, herablassenden Tonangebens selber noch behaupten, daß es das, was man gerade vollzieht, überhaupt nicht gäbe. Es ist, als wenn der perverse böse Onkel dem kleinen Mädchen sagt, daß es perverse böse Onkels gar nicht geben darf, denn das wäre ja verboten, und dabei munter …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kartellantifaschismus

Im Deutschlandfunk lud man den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und evangelischen Theologen Friedrich Schorlemmer ein, denn alle Welt ist voll‘ Teufel, das Grundgesetz gar zu verschlingen. Da fürchten wir uns sehr.

Das Gottseibeiuns gegen die AfD erklettert in diesem Gespräch eine neue Stufe auf der Angstspirale.

Herr Schorlemmer, kann man schon jetzt sagen, die AfD hat diesem Wahlkampf ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt?

Schorlemmer: Ja, und ich hoffe, dass das im Parlament nicht weitergeht, sondern dass die Parteien es schaffen, zu verhindern, dass die AfD die parlamentarischen Abläufe publikums- also öffentlichkeitswirksam aufmischt.

Unzucht mit Publikum also.  Bis dato hatte das Parlament ja seine Ruhe beim gewohnheitsmäßigen Durchwinken von Beschlüssen, obwohl bei weitem die Beschlußfähigkeit unterschritten war. Wenn die AfD nichts anderes tun würde, als nur immer wieder auf der Beschlußfähigkeit (51% der Abgeordneten müssen anwesend sein) zu beharren, hätte sie schon gewonnen, denn kein Gesetz käme mehr durch. Die AfD kann sich des weiteren auf parlamentarische Anfragen beschränken, die vom zuständigen Minister beantwortet werden müssen, und dann die Ergebnisse publizieren. Macht die FPÖ in Österreicht auch nicht anders, ist sehr wirkungsvoll. Unzucht wird arg unsexy, wenn einem ständig einer dabei zuguckt.

Schorlemmer findet es

ganz erschütternd, was Gauland sagt, dass man doch einen Schlussstrich unter die Bewältigung der NS-Vergangenheit setzen müsse und sagt, diese zwölf Jahre Narzissmus betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Wo soll das hinführen?

Ein schöner Freud, haben Sie’s gemerkt? Radiobeiträge transkribieren muß man können*. Der gegenwärtige Narzißmus der geschlossenen Einheitsparteienfront bezieht seine Kraft von Hitler persönlich, in dem sie mit seiner Hilfe die Welt und sich selbst spiegeln, drehen und wenden kann, die „narcissistic bubble of false reality“ (Michael Trust) kreist selbstzufrieden um die zwölf Jahre, und reagiert spürbar hochirritiert, wenn jemand dies anspricht.

Eins müssen wir sehen: Auch in Deutschland lässt sich Nationalistisches wieder wachrufen. Das antifaschistische Tabu, das in der DDR galt, ist jetzt aufgelöst.

Wenn das doch nur so wäre! Das ist antifaschistisches Wunschdenken, denn nichts brauchen Antifaschisten so sehr wie das von ihnen errichtete funktionsfähige Tabu. Der Zaubertrick, es aufrechtzuerhalten besteht darin, regelmäßig den größten anzunehmenden Tabubruch zu reinszenieren.

Und wenn es weiter so passiert, dass die junge, gut ausgebildete Generation aus dem Osten in den Westen geht, werden die im Osten verbleibenden noch bekloppter reagieren, politisch bekloppter.

Eigentlich waren die Ossis so schön klassenlos antifaschistisch erzogen. Als sie so waren, machte es noch Spaß, für ihre Bürgerrechte einzutreten. Doch wehe, das Proletariat erhebt sich und wird bekloppt. Wehe, das Volk besteht nur mehr aus Zurückgebliebenen, während die Wohlerzogenen mit ihrem Antifaschismus im Gepäck alle rübermachen in den Westen und dort Angst und Schrecken im „Kampf gegen rechts“ verbreiten, wie Vera Lengsfeld gezeigt hat.

Ich glaube, es braucht ein informelles Zusammenstehen der anderen Parteien gegen die AfD, ohne dass damit ein Kartellgedanke entsteht. Aber ich glaube, die müssen sich wirklich ganz warm anziehen,

Ja was? – „informelles Zusammenstehen“ nennt man hierzulande einfach „Kartell“. Ein Angstkartell rückt dicht zusammen unterm Mantel der wärmenden Idee des Totalitarismus und exekutiert dann die notwendigen Maßnahmen.

Der Interviewer des „Deutschlandfunks“ beschreibt nämlich als nächstes ziemlich präzise einige solcher Maßnahmen (er hat nur vergessen, das letzte Schandbubenstück zu erwähnen: die Änderung von Artikel 21 GG mit 13. Juli 2017, mißliebige Parteien von staatlicher Finanzierung ausschließen zu können).

Jetzt gibt es ja schon Überlegungen, teils schon Entscheidungen der anderen Parteien im Bundestag, die beispielsweise mit Hilfe der Geschäftsordnung verhindern wollen, dass der Alterspräsident aus den Reihen der AfD dann die Eröffnungsrede hält, die verhindern wollen, dass die AfD den Vorsitz im Haushaltsausschuss bekommt. Ist das der richtige Weg?

Was antwortet unser Hofgeistlicher?

Schorlemmer: Ich glaube, wir dürfen der AfD nicht erlauben, unsere demokratischen und rechtlichen Regularien aufzugeben, aber dann im Vollzug sehr klar sein

Wer gibt hier gerade „unsere demokratischen und rechtlichen Regularien“ auf? Merkt Friedrich Schorlemmer nicht, daß er in die DDR zurückgekippt ist? Wahrscheinlich ist er dabei mit dem Schädel direktemang  auf die „klare Kante“ gefallen, die ihm zufolge alle Demokraten gegen die AfD zeigen solle.

Nochmals zur Verdeutlichung: die AfD wird daran gehindert, daß Gauland als Alterspräsident den neuen Bundestag eröffnen darf, ihr kann widerrechtlich der Haushaltsvorsitz entzogen werden, man kann sie nicht verbieten, aber aushungern durch Streichen der Parteienfinanzierung – und redet davon, daß es die AfD ist, die die demokratischen und rechtlichen Regularien aufgibt?

Also es steht einiges auf dem Spiel am Sonntag?

Schorlemmer: Es steht viel auf dem Spiel: Artikel eins unseres Grundgesetzes, Artikel eins, Absatz eins und zwei.

Am Sonntag wird vom Balkon des Reichstags der Totalitarismus ausgerufen, die Würde des Menschen abgeschafft und die Menschenrechte gleich in einem Aufwasch mit. Ich glaub‘, es hackt, Herr Schorlemmer! Wie lang ist die DDR schon her? 27 Jahre, Sie sagen es selber. Sind Sie seitdem verwöhnt, verwestlicht und vergreist? Sie müssen doch wissen, was ein totalitäres System leisten kann. Selbst in der DDR, wage ich als Wessi zu behaupten, waren Menschenwürde und Menschenrechte niemals partout außer Kraft gesetzt. Was erwarten Sie sich also von der AfD? Ach ja, ich vergaß, da war die Sache mit dem Tabu. Also, auf , ihr

historisch kundigen, rhetorisch begabten und verstehensbereiten und klare Kante zeigenden Demokraten

, „wer die Menschheit beleidigt ist dumm oder schlecht / die Partei, die Partei ....“.

*inzwischen haben sie’s bemerkt.

Auf der Schwelle zwischen Welten – Wahlrecht als Symptom

Im Laufe der vergangenen Jahre schrumpfte die Zahl der Wahlberechtigten, im Gegenzug stieg jedoch die Zahl jener, die nicht wählen dürfen.

Diese Aussage ist korrekt, sie gilt für Österreich 2017. Und doch markiert sie eine Diskursschwelle. Wieder haben wir es mit zwei Paradigmen zu tun, einem alten und einem neuen. Im alten Paradigma bedeutet „allgemeines Wahlrecht“ das Recht aller erwachsenen Staatsbürger („allgemein“ deshalb, weil keine Bürger aufgrund von Stand oder Geschlecht davon ausgeschlossen sind) in ihrem Staat (und im Fall der Europaratswahl auch innerhalb eines staatenübergreifenden Konstrukts jeweils für den eigenen Staat) ihre Repräsentanten wählen zu dürfen. Rechte definieren sich genetisch gegen früheres, darüber zirkulär definiertes Unrecht. In diesem Falle: früher gab es kein Frauenwahlrecht, früher gab es ein ständisches Zensuswahlrecht. Früheres Recht wäre heutiges Unrecht (eben z.B. Arme oder Frauen nicht wählen zu lassen, wie es über Jahrhunderte üblich war).

Für den Politikwissenschafter Gerd Valchars, Experte für Staatsangehörigkeit und Migrationsforschung, ist diese Entwicklung ein eklatantes Problem. Seines Erachtens nach könne nicht von einem allgemeinen Wahlrecht gesprochen werden, wenn bundesweit rund 15 Prozent der Bevölkerung im wahlfähigen Alter von der politischen Teilnahme ausgeschlossen werden.

Worum geht es? Offenbar ist das „allgemeine Wahlrecht“ in Gefahr. Doch die Gefahr ist nicht die überwundene. „Allgemeines Wahlrecht“ wird umdefiniert (genauso zirkulär wie im früheren Paradigma): die „Allgemeinheit“ soll auch Ausländer umfassen! Diese

besitzen keine österreichische Staatsbürgerschaft und dürfen somit nicht wählen. Das sind 28 Prozent der potentiell wahlberechtigten Bevölkerung der Stadt Wien.

Was heißt „potentiell wahlberechtigt“? Sie sind de facto wahlberechtigt (sofern es sich nicht um die verschwindend geringe Zahl tatsächlich Staatenloser handelt), und zwar – in ihrem Heimatland. Mir ist kein Land bekannt, das seinen Bürgern bei Übersiedlung ins Ausland das Wahlrecht im Herkunftsland verweigert, allenfalls sind Auflagen vorhanden (z.B. Aufenthaltsdauer im Zielland).

Hier wird so getan, als sei das österreichische Wahlrecht ungerecht, weil es Nichtösterreichern die Wahlberechtigung versagt. Österreicher dürfen – man braucht das bloß umzukehren – in keinem anderen Land der Welt wählen als in Österreich. Alles andere, etwa Anspruch auf freie Wahl der Wahlberechtigung, Wahlrecht für Ausländer in jedem Land, Einebnung des Unterschiedes „Staatsbürger“/“Ausländer“ zugunsten von „Menschen“ etc., würde den Sinn von politischen Wahlen aufheben. Denn: Wahl ist die Wahl von Repräsentanten, die für bestimmte Personengruppen stehen (=sie repräsentieren), und zwar in einem territorialen Abgeordnetengremium (lokal, regional, national, supranational). Höbe man eines dieser Definitionskriterium von „Wahl“ auf, wären der Begriff und sein Vollzug obsolet. Genau das ist aber der Fall, wenn man „Nationalität“ als Bezugsgröße für „Bundestag“ bzw. in Österreich „Nationalrat“ wegfallen ließe.

Wieder Valchars:

Die Auswirkungen wären folglich, dass Parteien nicht um diese größer werdende Gruppe werben müssten und deren politische Meinung daher kaum berücksichtigt werde.

In der Tat hält die österreichische Verfassung am Wahlrecht für Staatsbürger fest, weil sonst ein Erosionseffekt einträte, den die Verfassungsväter nicht empirisch kennen, aber begrifflich denken konnten, nämlich die „ethnische Wahl„.

In einem „multitribalen Staat“ (Rolf-Peter Sieferle) wählen nämlich die jeweiligen Zuwanderergruppen nach Gruppenzugehörigkeit ihre Repräsentanten, so daß der Staat (im früheren Paradigma verstanden) dann nur mehr ein Stamm unter vielen wäre (da die unterschiedlichen Gruppen auch unterschiedliche Regierungsauffassungen mitbringen). Einen neutralen, der „multitribalen“ Gesellschaft übergeordneten Staat kann man nicht aufrechterhalten weil – quod erat demonstrandum – dieser an die oben genannten zwei Kriterien gebunden ist: er ist repräsentativ und territorial limitiert.

Wenn die NGO „SOS Mitmensch“ symbolisch seit drei Jahren eine „Pass-Egal-Wahl“ für Ausländer durchführt, um „ein Zeichen gegen Demokratieausschluss“ zu setzen, nimmt sie ein neues Paradigma vorweg: „allgemeines, gleiches und freies Wahlrecht“ heißt in diesem Denkrahmen etwas, das mit dem alten Paradigma nichts mehr gemein hat: allgemein = alle, gleich = Menschen, frei = der Welt. Damit ist die Schwelle zu einer neuen Welt überschritten, das Utopia heißt wohl NWO.

Die Politik sollte sich fragen, ob man wirklich eine Parallelgesellschaft an Personen, die sich nicht demokratisch beteiligen dürfen, schaffen möchte

meint der Sprecher von „SOS Mitmensch“ – und bedient sich dabei der Argumentation der Migrationskritiker, die vor „Parallelgesellschaften“, eben Sieferles „multitribalem Staat“, warnen. Daß die NGO genau durch ihr Tun und Trachten Parallelgesellschaften erzeugen will – sie sind ja nicht naiv, das passiert ihnen nicht unbedacht – zeigt ihre Doppelzüngigkeit.

Die Dinge sein lassen

Nach einem Terroranschlag auf eine Moschee in Kabul, Afghanistan, sind hunderte von Schuhen auf einem Berg im Eck des Hinterhofes liegengeblieben. Die Betenden hatten sich ihrer rituell entledigt, nach ihrem Tod sind die Schuhe herrenlos, vereinzelte Angehörige und Überlebende kommen zurück, suchen nach Schuhen, finden die falschen oder halbzerstörte einzelne. Was mit dem Schuhberg passiert? Wird dann entsorgt.

In der New York Times erscheint ein Einspalter, lakonische Beschreibung der Dinge.

H sitzt mir im Kaffeehaus gegenüber, zeigt mir den Text und stellt die Frage: „Was würde Ai Weiwei daraus machen?“ Diese Frage kreuzt meine Lektüre, ich entnahm gerade der „Presse“, daß in St. Pölten nahe Wien ein „erstes“ Haus der Geschichte eröffnet worden sei. Gewidmet der Zweiten Republik, dem „Ständestaat“ in Anführungsstrichen, dem „Austrofaschismus“ in Anführungsstrichen. In dieser ersten Ausstellung sei man, so der Kurator, um das Thema „Migration“ nicht herumgekommen. So zeige das Haus der Geschichte zwei Kinderwagen, der eine sei auf dem „Brünner Todermarsch“ 1945 geschoben worden, der zweite 2015 bei der Ankunft in Nickelsdorf.

Die Dinge sein lassen. Das Gegenteil ist: Indienstnehmen, Sakralisieren, Parallelisieren. Der Unterschied zwischen den Schuhen und den Kinderwagen ist der: der Terroranschlag wird erwähnt, das Bild der hinterbliebenen Schuhe gezeigt, die praktische Frage nach dem Verbleib der Schuhe gestellt.  „Ist das Kunst oder kann das weg?“  Das kann weg.

Das Museum nimmt die Kinderwagen in Dienst, indem es parallelisiert: das tertium comparationis „ist irgendwie auch Flucht“ soll die KZ-Öffnung und die Migrationskatastrophe in Deckung bringen. Daß die Parallele hinten und vorne nicht stimmt, ist den Kuratoren nur recht – einprägsame Narrative strickt man aus nichtzusammenpassenden Dingen.

Die Dinge sein zu lassen heißt, sich der Parallelführungen zu enthalten. Der afhanische Berichterstatter aus Kabul hat vielleicht trotz moralischer Globalisierung nicht die aufdringlichen Parallelbilder im Kopf, die der Berg verlassener Schuhe bei uns evoziert.

 

Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.

(Franco Berardi).

Der linke Künstler Berardi hat wegen Antisemitismus („Relativierung des Holocaust“) so heftigen linken Gegenwind bekommen, daß der Autor des Buches „Helden“ in einem heldenhaften Akt auf der documenta sein „Gedicht“, dem obige Zeilen entstammen, wirkungsvoll zerrissen hat. Wer die Dinge nicht seinlassen kann, den überfallen die Schatten der Dinge hinterrücks.

Das Parallelisieren hat beizeiten / auch seine großen Schattenseiten.

 

 

 

Eine Philosophie der Anhänglichkeit

Der englische Philosoph Roger Scruton hat ein Büchlein mit dem Titel „How To be A Conservative“ (Bloomsbury, London 2017) geschrieben, dem ich nur uneingeschränkten Beifall zollen kann.

Sein versteckter Kernbegriff ist „attachment„.  Auf Deutsch ist das etwa: „Bindung“, „Anhänglichkeit“, „Verbundenheit“. Von diesen drei Möglichkeiten ist „Anhänglichkeit“ die kindlich-widerständigste. Wir wollen uns die Welt, an der wir hängen, nicht wegnehmen lassen.

In der Tat hat Scruton sich einen kindlichen Geist bewahrt, fast romantisch ist der folgende Gedanke:

Konservativ ist, wer den zweiten Satz der Wärmelehre einfach nicht zu akzeptieren bereit ist.

Entstrukturierung, Verfall, Dissoziierung sind fast naturnotwendig unaufhaltsam, aber wir halten sie auf.  Was sein Buch so einnehmend macht, ist womöglich sein rundheraus kindlicher Gestus. Er fragt bei allen großen dem Konservativismus entgegenstehenden Ideologien, was eigentlich an ihnen so schlimm ist, was eigentlich das Körnchen Wahrheit in ihnen ist, ob wir uns eigentlich mit ihren Verkündern streiten müssen. Wir müssen es!

 

Die Wahrheit des Nationalismus

Nationen definieren unsere Loyalität über unsere Rechte und Pflichten als Bürger. „Nationalismus“ als Chauvinismus (etwa wie der Abbé de Sièyes in der Französischen Revolution ihn ausrief oder wie sie dem NS eigen war) hilft nicht dabei, die eigene Nation gegen die Eine-Welt-Ideologie und den supranationalen Islam zu verteidigen, weil man ständig damit beschäftigt ist, gegen andere Nationen zu sein.

 

Die Wahrheit des Sozialismus

Gerechtigkeitsgefühl und das Bewußtsein wechselseitiger Abhängigkeit begründen sozialistische Impulse. Es ist aber ein großer Fehlschluß (zero-sum-fallacy) zu glauben, der Erfolg des einen sei der Mißerfolg des anderen, etwa so, wie der Sieg der Arbeiterklasse nur durch die Niederlage der Bourgeoisie, oder der Sieg der Frauenrechte nur durch die Niederlage der Männerherrschaft zu erringen sei. Gleichheit und Gerechtigkeit treiben Sozialisten genauso wie Konservative um, nur glauben erstere, Gleichheit und Gerechtigkeit seien dasselbe. Wer sie trennt, kann Gerechtigkeit zwischen Ungleichen herzustellen bestrebt sein.

 

Die Wahrheit des Kapitalismus

Freier Markt und freie Moral konvergieren und brauchen keine Regulierung. Der konservative Einspruch gegen den Kapitalismus muß dennoch lauten: die Lebenswelt vor dem Martk zu retten. Adam Smith‘ invisible hand funktioniert nämlich nur mit vertrauenswürdigen Individuen – diese brauchen jedoch traditionelle Werte, um überhaupt zu vertrauenswürdigen Individuen zu werden.

 

Die Wahrheit des Liberalismus

Freiheitsrechte (z.B. das Recht auf Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit) sind konservative Minima. Ihre Dialektik entwickelt sich jedoch dann, wenn sie sich gegen den Staat richten und das Individuum stärken, dadurch aber neue  Anspruchsrechte erzeugen (z.B. das Recht auf Bildung, Gesundheit, Migration), deren Adressat unbekannt ist.

 

Die Wahrheit des Mulitkulturalismus

Herder unterschied bekanntlich zwischen Kultur und Zivilisation. Kultur begründet die Unterschiedlichkeit der Völker, während Zivilisation das Gemeinsame aller europäischen Nationen bilde. Daraus wurde eine „civic culture“, in die jeder immigrieren und sich an sie assimlieren kann. Konservativ ist das Beharren auf der herderschen Trennung.

 

Die Wahrheit der Umweltschützer (environmentalism)

Oikophilía, die Liebe zur Heimat, wäre eigentlich genuin konservatvi, wäre da nicht die große globale Ökonomie, der viele conservatives anhängen. Und wäre da nicht die unerträgliche Propaganda der Umweltschützer. Diese machen sich radikal internationalistische Denkfiguren zu eigen, um jegliche Souveränität in die Knie zu zwingen. Das gemeinsame zu schützende Gut sowohl der Konservativen als auch der Umweltschützer ist: Land (territory). Globalistische Umwelt-Institutonen tragen zur globalen Entropie bei und schwächen damit die einzig wahren Quellen des Widerstands gegen die Entropie.

 

Die Wahrheit des Internationalismus

Die EU- und NATO-Gründung war nach dem 2. Weltkrieg vollkommen berechtigt, doch zeigt sich 50 Jahre später ein tiefliegendes Problem: Bismarcks „Kulturkampf“ hatte den Sinn, den Nationalstaat gegen die überstaatliche katholische Kirche zu verteidigen. Wenn man nun aber das bismarcksche Prinzip „Einheit durch Regulation“ auf größere Gebilde als die Nation überträgt, handelt man sich unplanbare Folgen ein, die den Internationalismus zu einer Gefahr werden lassen.

Roger Scruton entdeckt in diesen „Nicht-mit-ihnen-und-nicht-ohne-sie“-Verklammerungen des Konservativismus und seiner Gegner eine Art Umschlagbewegung. Linke und liberale Ideologien müssen um derselben Ziele willen in rechtes Denken kippen.

 

Er hat noch einen zweiten schwer übersetzbaren englischen Begriff zu bieten: der Sinn des Konservativseins liegt im „dwelling„. Vielleicht kann man auf Deutsch sagen: eine Heimstatt haben, „Wohnen“ in einem heideggerschen Sinne, Daheimsein.

Wenn man das nicht hat, diese Anhänglichkeit, dieses Daheimsein, dann kann man gegen die großen ideologischen Erzählungen der Moderne nichts ausrichten, weil man nicht weiß, worum willen. Kinder haben beides, Anhänglichkeit und ein Daheim.

 

 

 

Globalistische Ethik der Islamisierung oder der Taxifahrer als Dschihadist

Kwame Anthony Appiah, afrikanischstämmiger Amerikaner, lehrt in New York Philosophie, die New York Times hat ihn als globalististischen Ethiker angeheuert.

„Globalistischer Ethiker“ ist keine Schmähvokabel (etwa wie „globalistische Finanzkartelle“, oder „globalistische Marionetten“), sondern Appiahs Selbstbeschreibung als Autor des Werkes „Globalization“.

Das Fiese ist: die NYT hält Ethik für eine Wissenschaft, die Teildisziplin der Philosophie, die sich mit Fragen praktischen Handelns beschäftigt und rationale Urteile begründet. Inzwischen ist „Ethik“ als normative Ethik jedoch oft keine „Reflexionstheorie der Moral“ mehr, sondern nimmt selber Stellung im moralischen Dickicht der „Konditionen des Achtungsmarktes“ (Niklas Luhmann). Damit ist sie aber Moral (Beobachtung erster Ordnung) und nicht länger Ethik (Beobachtung zweiter Ordnung).

Der Ethiker verhandelt folgenden empirischen Fall: ein New Yorker läßt sich per Taxi Wein nach Hause liefern, doch der muslimische Taxifahrer verweigert ihm diesen Dienst mit der Begründung, seine religiösen Normen verbieten ihm das Tragen von Alkohol. Der Mann entschuldigt sich beim Taxifahrer und berichtet dem Fuhrunternehmer, den er persönlich kennt, von dem Vorfall. Daraufhin entläßt der Unternehmer den Taxifahrer. Den Mann plagt nun das schlechte Gewissen – wie hätte er handeln sollen?

Des Ethikers Antwort holt historischen Anlauf.

Liberalism — by which I mean civil liberties, civil rights, tolerance and pluralism: the small-L ‘‘liberalism’’ in ‘‘liberal democracy’’ — emerged from centuries of religious warfare in Europe.

Die Genese moralischer Normen ist für ihre Geltung formal irrelevant, doch für ihre Begründung inhaltlich wichtig. Es kommt dabei darauf an, was man aus der Genese schlußfolgert. Daß die liberale Demokratie des Westens unter anderem aus Religionskriegen hervorgegangen ist, ist zweifelsohne historisch richtig. Nur: daraus abzuleiten, daß die „multireligiöse Gesellschaft“ die „religiösen Befindlichkeiten anderer“ anzuerkennen habe, geht viel zu weit.

Before anything else, it’s a modus vivendi: an arrangement that allows different people to live together in peace. In our multi­religious society, we should make reasonable accommodations for the religious scruples of others.

Wer sagt, daß wir es – in den USA oder in Europa – bereits mit dem Faktum einer „multireligiösen Gesellschaft“ zu tun haben? Appiah erweist sich hier wie viele Apologeten der „postmigrantischen Gesellschaft“ als normativer Schwindler. So zu tun, als wäre bereits vollendete Tatsache, was noch schwer umstritten ist und auch völlig anders beschrieben werden kann (z.B. als Religionskrieg), ist argumentativ unlauter. Es  k a n n sein, daß aus einer Situation religiöser Konflikte eines schönen utopischen Tages eine „multireligöse Gesellschaft“ entsteht in dem normativen Sinne, den Appiah meint: eine Gesellschaft der Gleichberechtigung und wechselseitigen Anerkennung religiöser Ansprüche ihrer Mitglieder. Die rein deskriptive Existenz mehrerer Religionen auf dem Terrain einer Gesellschaft zeichnet diese aber noch lange nicht als eine solche aus, in der das Gebot der Akzeptanz der religiösen Normen bereits umgesetzt ist.

Und solange das nicht der, wie gesagt utopische, Fall ist, müssen wir religiöse Konflikte als Konflikte fremder mit unserer Religion betrachten und Kriegsrat darüber halten, wie wir bestimmte Zumutungen fremder Religionen zu bewerten haben.

Appiah ist vermutlich kein Christ, wohl auch weder Jude noch Moslem, aber er lebt in einer christlich (und nicht nur schwach  „liberal“) begründeten Kultur.

Vielmehr wurde der Widerspruch zwischen Glaube und Religion dadurch aufgehoben, dass das christliche Menschenbild und die damit verbundenen Ethik der individuellen Autonomie, der gegenseitigen Toleranz und der Gleichheit aller Menschen vor Gott in säkularisierter Form zur Grundlage der Moderne wurden. Das Christentum als Religion, d.h. als Kirche, wurde partikular, während Menschenbild und Ethik verallgemeinert wurden.

(Manfred Kleine-Hartlage: Das Dschihad-System. 2010, folgende Zitate ebenfalls aus dieser Quelle)

Sein globalistischter Denkfehler ist, daß er den muslimischen Taxifahrer mit einem jüdischen Supermarktangestellten und einem christlichen Bäcker vergleicht, die beide aus religiösen Gründen bestimmte Dienstleistungen verweigern.

Denn: weder Juden noch Christen sind in der europäischen und amerikanischen Geschichte je mit demselben Anspruch aufgetreten wie Muslime.

Die individuelle Freiheit, auf die wir so stolz sind, ist aus islamischer Sicht kein positiver Wert, sie kann es nicht sein, weil man aus islamischer Sicht Freiheit lediglich als die Freiheit auffassen kann, sich gegen Allah zu entscheiden und Böses zu tun.

Der Islam baut gerade darauf auf, die freiheitliche Verfasssung der westlichen Demokratien über die „Grundrechte“, das Verständnis von Demokratie und Ansprüchen von Minderheiten zu infiltrieren, zu unterlaufen und schließlich von innen umzukrempeln zu einer islamisierten Gesellschaft. Der „Dschihad“ verläuft beileibe nicht bloß durch Gebietsgewinne des IS, auch nicht bloß durch Terroranschläge, sondern ganz subtil durch Übernahme westlicher Gesellschaften von innen.

Wenn nun ein Apologet der westlichen Toleranz und der Anerkennung religöser Gefühle von Minderheiten wie Appiah diese Werte auch für Muslime selbstverständlich einräumt, und auch noch postuliert, diese seien in einer „multireligiösen Gesellschaft“ bereits verwirklicht, dann vollzieht er nichts anderes als:  „Unterwerfung“ (islam).

Auf der Ebene bewussten zielgerichteten Handelns begegnen wir den eigentlichen Dschihadisten, auf der Alltagsebene der mal mehr, mal minder traditionsorientierten Lebendweise von Muslimen, deren scheinbar unzusammenhängende private Handlungen sich wie von selbst zu einer mächtigen gesellschaftlichen Kraft verdichten, die die nichtislamischen Gesellschaften unter Druck setzt. Der Islam ist ein Dschihad-System, weil er beides notwendig hervorbringt.

Der amerikanische Ethiker kann diesen Zusammenhang nicht erkennen, und damit gerät er immer tiefer in den Strudel der „Dhimmitude (d.h. der Abhängigkeit islamisch invadierter Völker von der Herrschaftsstruktur des Islam) hinein.

I’m not claiming the right to say what his obligations as a Muslim are. But religious arguments are arguments, and if someone wants an argument to be taken seriously, the rest of us are entitled to explore whether it’s valid. Treating other people’s religions with respect doesn’t rule out such responses; it requires them. (…) It’s probably too late to get the driver his job back. But you could try persuading your friend to reconsider.

Die Rationalität westlicher säkularisierter Moral ist gerade ihre Schwäche. Argumentativ ist es  z w i n g e n d  g e b o t e n, das „religiöse Argument“ des muslimischen Taxifahrers anzuerkennen. Die Unterwerfung Appiahs geht so weit, daß er meint, nicht einmal das Recht zu haben, die religiösen Verpflichtungen eines Moslems zu beschreiben, dieses Recht habe nur derjenige selber, nur er verfüge über die „Diskurshegemonie“ in diesen Fragen. Diese Form der moralischen Reflexion führt inhärent zum moralischen Sieg des Islam: der Taxifahrer muß seinen Job zurückbekommen.

Globalistische Ethik wird auf diese Weise zum Erfüllungsgehilfen der Islamisierung, bis zu dem Punkt, wo sie unmöglich wird, weil der islamische Freiheitsbegriff sie als das Böse schon von Anbeginn ausgeschlossen hat, und nur solange „toleriert“, bis er die Macht übernommen hat. Wer seine Moral aus „centuries of religous warfare in Europe“ herleitet, sollte dessen eingedenk sein.