Lang lebe die Pest!

Die Causa „Finis Germania“ zeigt einen seichten Abgrund der gegenwärtigen Kulturelite. Ein seichter Abgrund ist genauso ein Widerspruch in sich wie der Titelschlachtruf.

Heute steht ein der FAZ-Druckausgabe auf der gleichen Seite, auf der Sieferles Text als von seinem Kollegen Hintermeier als „ebenso ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik“ bezeichnet wird, ein langer Artikel von Christian Geyer: „Lebenshunger? Fehlanzeige!“

Darin der auf den ersten Blick hellsichtige Befund: Radikalisierung und Außenseitertum werden gnadenlos ausgeschlossen, die ubiqitär beschworenen Quer- und Andersdenkenden soll es nicht geben, sie könnten ja der Demokratie gefährlich werden.

Kaum eine institutionelle Wortmeldung, von den Kirchen bis zum Anglerverein, die es an zivilgesellschaftlicher Couragiertheit fehlen lässt, der Radikalisierungsbereitsschaft in ihren zartesten Anfängen eine Absage erteilt… Auf Prävention getrimmt, schwingt in  Verlautbarungen naturgemäß auch ein unausgesprochener Verdacht gegen jedes auf Wurzel bedachte Außenseitertum mit, das sich nicht schert um die Folgen der Folgen, ein Verdacht also gegen das Abseitsstehen überhaupt. … Aus der Öffentlichkeit ist ein klinischer Raum geworden, ein Areal mit Putzfimmel …

Das ist der Befund, noch ohne Nennung von Namen, so allgemein wie gültig. Jetzt kommt die Diagnose. Und die steht nicht in der faz, leider zu „ekelhaft“ , leider „von der populistischen Pest infiziert“.

 

Durch die Kombination von Zerknirschung und Gutherzigkeit kann ein neuer, entpolitisierter Typus geschmiedet werden. Die neue Staatsreligion herrscht praktisch unangefochten. Ihre Anhänger und Verkündiger finden sich in praktisch allen politischen Lagern, von der mittleren Rechten über die mittlere Linke bis zum antifaschistischen Terrorismus.

Sieferle gibt den Namen. Der „Auschwitz-Mythos“ ist die „neue Staatsreligion“ – und genau diese erzeugt den klinisch sterilen Befund, den Geyer beklagt. Abseitsstehen unterliegt einem Generalverdacht, Radikalisierung ist  d e s w e g e n  eine latente Dauerbedrohung der „liberalen Demokratie“, weil sie „rechts“ sein oder werden könnte.

Und rechts meint in Deutschland gegenwärtig so viel wie rechtspopulistisch, also rechtsradikal, also rechtsextrem, also Nazi, das sind die Gleichsetzungsdelirien in der deutschen Öffentlichkeit.

Sieferle? Nein, Rüdiger Safranski .

Christian Geyers Artikel  mündet in einem Lob  auf Rüdigers Safranskis Plädoyer für mehr Anarchie und Selbstradikalisierung. Ungeniert  romantisierend verteidige Safranski  „die Revolution als „seelisches Großereignis“ … gegen die politische Gesinnungshermetik“. Safranski ist großartig, Sieferle die Pest.

Wenn Prävention gegen Radikalisierung zum alleinigen Maßstab wird, ist die Wurzel unserer liberalen Demokratie bedroht!

Um aber sicherzugehen, daß Andersdenken nicht zum Falschdenken entarten könnte, daß nämlich womöglich „der Bürger das bisschen  Aufruhr, das er im Kopf hat, von der Wurzel her lebt„, rahmt Geyer den Artikel mit starken Präventivmaßnahmen gegen die „Pest des Rechtsradikalismus„. Und vollführt damit in einem Selbstwiderspruch das, wovor er warnt. Radikalität wird seicht.

Wie schaut’s aus, Herr Geyer? Hat sich da ihr romantischer Held der Radikalisierung „von der populistischen Pest infizieren und töten lassen„?

Safranski:

Woher dieser normative Druck? Ist es ihre Aufgabe, uns Leser zu informieren und aufzuklären, oder ist es ihre Aufgabe, uns zu bekehren und zu belehren?

Sieferle:

In dieser normomorphen Welt (…) Die Welt will geheilt und belehrt werden, sie verlangt nach Rezepten und Wegweisungen. Das Beste, was man ihr aber bieten kann, ist eine harte und klare Beschreibung ihrer Oberfläche.

Safranski:

Konservative Positionen sind in Deutschland gegenwärtig fast undenkbar. Es gibt eine flächendeckende Sozialdemokratisierung.

Sieferle:

Ein zentrales Merkmal der Deutschen ist ihr fundamentaler Sozialdemokratismus, der sich über das gesamte politische Spektrum erstreckt.

Lang lebe die Pest!

Nur durch gute und gründliche Infektion bleibt der „Lebenshunger“ erhalten. Ich nehme an, das weiß auch Safranski und hat vom Pestvirus genippt. Die Immunisierungsanstrengungen muß er selber unternehmen, oder mit Sieferle als „Neutraler in einer normomorphen Welt zum Außenseiter werden.

Narzißtischer Dschungel

Das Jugendtheater „Dschungel Wien“ kündigt sein aktuelles Programm an unter dem Titel „Narzissmus heute“ an. Gemeint ist ein Theaterstück ab 11 Jahren, in dem „antike Bilder ins jetzt übersetzt, und der Narzissmus der heutigen Tage beleuchtet“ werden. Die anderen Stücke des Jugendtheaters sind offensichtlich die Illustration dieses Programms:

Für werdende Narzißten ab fünf Jahren bietet der Dschungel die „Suche nach Identität“ an.

Im witzigen und leicht verschrobenen Figurentheater „Der Bär, der nicht da war“ (5+) begleiten wir einen Bären auf der Suche nach seiner Identität. Eine Wiederaufnahme eines liebenswerten Stücks mit toller Musik.

Für Kindergartenkinder ist Identität keine explizite Frage, sondern gegebenes So-Sein durch Mimesis.

Das „Kleine Ich-bin-Ich“

Bildergebnis für mira lobe das kleine ich bin ich

von Mira Lobe ist kognitiv Kindern in dem Alter nicht zu vermitteln, auch wenn es ganz zauberhaft gezeichnet ist, Erstklässler glauben fix, daß „Ich-bin-Ich“ der Eigenname des Tierchens ist und verstehen die Suche nach „sich selbst“ als Irrtum von außen: da weiß der Erzähler oder die vorlesende Mama wirklich nicht, ob das Tierchen ein Nilpferd oder ein Hund ist!?

Identitätszweifel ist ein klassisches narzißtisches Persönlichkeitsmerkmal. Aus diesem früh gesäten Zweifel rührt psychologisch eben keine kritische Reflexion, sondern ihr glattes Gegentei: Überanpassung. Wer nicht weiß, wer er ist, versucht sich an anderen zu orientieren und es ihnen irgendwie mit aller Kraft verzweifelt rechtzumachen. Er wird zum „Normopathen“. Ich nehme an, die Theaterpädagogen des „Dschungels“ haben sich der emanzipatorischen Erziehung verschrieben. Pustekuchen!

 

 „We rule the school“ (13+). In dieser Utopie wird beleuchtet, was passiert wenn es in der ganzen Schule keine Lehrer mehr gibt und die Schülerinnen und Schüler das Sagen haben.

Was für kolossale Narzißten kann man mit diesem Sozialexperiment unter Dreizehnjährigen schon erzeugen! Der Typus des „abhängigen Selbst“ entsteht, folgt man Hans-Joachim Maaz‘ Darstellung unserer „normopathischen Gesellschaft“ genau dann, wenn äußere Freiheit statt Bindung propagiert wird:

Äußere Freiheit kann sogar zur angstvollen Bedrohung werden, wenn das abhängige Selbst die Freiräume nicht zu nutzen versteht und durch die eigene Unfähigkeit eine sekundäre Kränkung erleidet.

 

Junge Narzißten in der Pubertät sind dann soweit, daß sie die „postmigrantische“ Kröte vorbehaltlos schlucken können. Das Migrationsproblem war gestern, sowas von 2015, wir sind doch längst „postmigrantisch“. „Postmigrantisch“ wäre der Zustand einer Gesellschaft zu nennen, die einmal eine Einwanderungsgesellschaft gewesen ist (noch weiter historisch davor war sie nicht einmal das), d.h. in der Eingewanderte den (sozioökonomischen, kulturellen, und Auffälligkeits-) Status des Eingewanderten hatten. Irgendwann reicht den Eingewanderten dieser Status nicht mehr, und sie rufen die Schon-Überwundenheit der Migrationsgesellschaft aus, eben die „postmigrantische“.

Ebenfalls wiederaufgeführt und äußerst empfehlenswert:  „Nirgends in Friede. Antigone.“(16+). Antike trifft auf politisches, postmigrantisches Theater. Gut und heftig!

Die junge Generation kämpft „eher auf der Seite der Machtelite der westlichen narzisstischen Normopathie“ , stellt Hans-Joachim Maaz in seiner kritischen Bestandsaufnahme „Das falsche Leben“ fest, und

es ist schon eine historische Besonderheit, dass die junge Generation nicht gegen das Establishment revoltiert.

Kein Wunder, sie sind gründlich verstrickt im Dschungel des Narzißmus. Die Mädchen da, ans Gitter gelehnt, ihr Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält, sind vermutlich bereits des Identitätszweifels voll, äußerlich freie abhängige Selbste, bereit für die postmigrantische Realität.

Ein bißchen Nationalstaat

Das Overton-Window hat ein weiteres Stück Realität freigegeben. Diesmal: den Blick auf den „Nationalstaat“. Als wenn dieser in Frage stünde!? Europa besteht nach wie vor aus Nationalstaaten, alle Verfassungen gründen auf diesen und begründen diese. Doch offenbar ist der Diskurs schon über den Nationalstaat hinweggefegt, sonst bräuchte man nicht scheinmutig „ein bißchen mehr Nationalstaat wagen“, wie die zwei jungen Nationalliberalen im heutigen STANDARD-Kommentar.

Vor allem für die heutige Linke scheinen Begriffe wie Patriotismus, Nationalismus und Rassismus identisch zu sein.

Problem erkannt, doch wie wird es gebannt?

Wer sich vom Aufblühen des neuen Tribalismus eine Überwindung des bösen Nationalstaatsprinzips erhofft, könnte bald eine schlimmere Überraschung erleben.

Das Szenario, das den Autoren vor Augen steht, wäre das einer Kleinstaaterei von regionalistischen Unabhängigkeitsbewegungen, sie nennen es „neuen Tribalismus„, und schreiben ihn der Linken zu, aus deren Spektrum viele „Separationsbestrebungen wie in Schottland oder Katalonien“ unterstützten. Das muß eine wirklich ganz alte Linke sein, die hier als Negativfolie ausgegraben wird – „Solidarität mit dem Befreiungskampf der Völker“ hatten wir schon länger nicht mehr am Tableau.

„Tribalismus“ ist auch die Negativfolie von Martin Sellners Argumentation gegen die „ethnische Wahl“: das Selbstverständnis der Eroberer ist nicht „nationalstaatlich“, sondern ihr Ausgreifen legitimiert sich über Stammeszugehörigkeit. Tribalismus ist in diesem Sinne nicht politisch, sondern regressiv. Wenn sich Völker nur über ethnische Zugehörigkeit definieren, unterlaufen sie die Moderne.

Soweit stimmen Grischany/Schöllhammer und Sellner überein, was ersteren vermutlich nicht recht wäre. Deshalb fahren sie auch eine sorgfältige Absicherungsstrategie, und die geht so:

+ Nigel Farage (als Inkarnation des „Nationalismus“) hat leider ein bißchen übertrieben, aber man wird doch wohl noch für den „Nationalstaat“ sein dürfen, wenn man ihn als „aufgeklärten Patriotismus“ umdeutet.

+ Die Alternative zum „Nationalstaat“ ist ein wie auch immer genau gearteter linker „Tribalismus“.

+ Die klassischen Nationalstaaten beruhten ja in Wirklichkeit auf „Mythen“, das müsse man immer kritisch mitbedenken (und „widerlegen“ gleich schnell mal den Mythos der „Homogenität“ mit dem Unsinn, daß „1860 nur 2,5 Prozent der Italiener Italienisch als Alltagssprache benutzten“ – logisch, sie sprachen allesamt regionale Dialekte, was auch sonst?)

+ Der Islamisierung kann nur der Nationalstaat trotzen. Wohl gesprochen, nur ist die Begründung fadenscheinig: die „potenziell integrative Kraft des Nationalstaats“ heißt wohl, daß der Nationalstaat qua Leitkultur und/oder qua Versorgungsleistung die Muslime „integrieren“ könnte, und zersplitterte, „balkanisierte“ Flickenteppiche nicht.

Ein bißchen Nationalstaat ist wie „ein bißchen schwanger“. Das Komplettpaket enthält Paradoxien (die Sellner und Gerlich kürzlich in der sezession gegeneinander in Feld führen durften: Nationalismus ist immer auch ein imperialer Universalismus, Nationalismus ist immer auch ein Tribalismus), das Komplettpaket enthält aber auch Klarheit: nur ein Europa souveräner Nationalstaaten auf der Basis des ius sanguinis sowie des ius solis ist dazu in der Lage, sich zu verteidigen. Und daß es darauf ankommen dürfte, schwant auch den scheinmutigen Nationalliberalen schon.

 

 

 

1. Mai: Klasse statt Masse

Den 1.-Mai-Aufmarsch der sich selbst feiernden SPÖ-Elite konnten wir uns als IB nicht entgehen lassen. Alles in allem nicht sensationell, aber für mich war es die erste Demo nach der gegen den I. Golfkrieg …

Vorher gab’s die Info: Plakate ausdrucken (es gab die Varianten: SPÖ=ISLAMPARTEI, ARBEITERVERRÄTER und darunter die Konterfeis der SPÖ-Gründerväter, und WIR SIND EUCH ÜBER), um dreiviertel 11 vor der Bühne sein, wenn Kanzler Kern spricht, Plakate hochhalten, mehr nicht. Understatement reizt am meisten, besonders, wenn die Erwartungen so hoch liegen.

Leider war eine IB-Gruppe nicht dicht, die österreichische Presse hatte am Vortag schon geargwöhnt, daß „Rechtsextreme die friedliche Maikundgebung stören wollen“. Je nun, ein Stammtischkollege, genauso unerfahren wie ich, und ich fanden uns überpünktlich dort ein, gelangten ganz nach vorn. Banges Warten, ob irgendwer noch kommt … niemand zu sehen. Dann endlich, Minute 5 irgendwas nach Beginn der Kanzlerrede, als er davon sprach, das Wichtigste wäre, daß wir mit der Migration leben müssen, Plakate hoch irgendwo hinter uns, bemerkte mein zum Glück recht großer Begleiter. Ich also auch Plakat hoch, das mit ISLAMPARTEI.

Sofort kam eine holde Antifantin und schubste und zerrte an mir rum, ich solle den Platz verlassen. „Warum, das ist nicht ihr Privatrathausplatz!?“ Dann versuchten ein paar Eumel, mir ihr „Freundschaft“-Plakat vor meines zu halten. „Protestplakate hochhalten darf man doch, schauen Sie mal da hinten!“ (da gab es Plakate der ÖGB-Lehrerinnen-Frauengruppe dagegen, daß sie in „Deutschkursfabriken“ verheizt würden).

Was dann folgte, sieht man in folgendem Video https://www.facebook.com/unzensuriert/videos/10155276166938711/?hc_ref=SEARCH

Der massige Mann ist ein österreichischer Physikprofessor, bekannt aus Funk und Fernsehen, der Physik für jedermann in Volkshochschulvorträgen und auf Plakaten bewirbt und an der Uni Astrophysik lehrt. Ich erkannte ihn sofort. Interessant ist, daß da offenbar jemand hinter mir mit der Kamera voll draufgehalten hat. Der Kommentar auf unzensuriert bringt den zivilen Widerstand gegen rechts auf den Punkt:

Der Vorsitzende des Mauthausen-Komitee kündigte an, „wir als Sozialdemokraten werden auch die notwendige Antwort finden“. Ob damit das rüpelhafte Benehmen Grubers gegenüber Frauen gemeint war, ist nicht bekannt.

Weiter ging’s damit, daß die mutige antifaschistische Platzordnerjugend die Polizei gerufen hat, welche uns abführte auf die Seite, die Ausweise konfiszierte und in unseren Taschen wühlte und vom Kollegen alle IB-Zetterln und von mir die Aufkleber mit „What is universalism to the west, is imperialism to the rest“ (Huntington) beschlagnahmte. Zum Glück hatte ich Nolte, Die faschistischen Bewegungen, im anderen Rucksack. Dann beratschlagte man lange polizeiintern, ob wir wohl „Vorbereitung einer strafrechtlich relevanten Handlung“ oder „Vorbereitung einer strafrechtlich relevanten Drohung“ geplant hätten, das dauerte gut eine Stunde, man führte uns auf die Rathausfreitreppe, da standen wir am Pranger rum, inzwischen noch ein paar weitere Leute. Irgendwann gab es die Ausweise zurück mit dem patscherten Argument, daß jetzt die Veranstaltung ja eh aufgelöst sei. Einer von uns bat noch um polizeiliche Eskorte zur U-Bahn, weil die sozialistischen Mitbürgerinnen sich hinter den Autos versteckt hatten und fotografierten. Kriegten wir, ich hab die Horde dann auf weiträumigen Umwegen mit mehreren Bahnen zum Treffpunkt für danach gelotst.

So ein schöner Tag, H war derweil mit den Knaben im Kunsthistorischen Museum im Münzkabinett.

So feiert man hier zünftig den 1. Mai, mit „Feminismus für alle“, einem dicken Neger mit historischer roter Fahne „Sozialdemokratische Partei Margareten“, und islamischen Klängen per Megaphon und optisch mehr Türken als Österreichern im Aufmarsch. Kommentar eines meiner Kinder: „Mama, du warst eh bei dieser Türkenbelagerung? Die haben wir am Rückweg vom Museum auch gesehen!“

Abstrakter Rat an Kinder

Menschen gar nicht zu erwähnen / Denn bei ihnen geht’s viel tiefer.

 

In der online-Ausgabe der faz erklärt Dietmar Dath Kindern Erdogans Präsidialsystem. Er verwechselt dabei Abstraktion und „einfache Sprache“ mit alterstypischem Denken, das höchst konkret ist.

Meinem elfjährigen Sohn habe ich das da einmal probehalber vorgelesen:

Wenn du was machen oder lassen kannst, musst du dich entscheiden. Wenn du zu einer Gruppe gehörst, die was machen oder lassen kann, muss die Gruppe sich entscheiden. Weil eine Gruppe aus verschiedenen Leuten besteht, die nicht alle dasselbe wollen, braucht so eine Gruppe für Entscheidungen länger als eine Einzelperson. Wenn einige in der Gruppe anderen nicht trauen, können sie zusammen eine Einzelperson wählen, die entscheidet, wenn die Gruppe als Ganze unentschieden ist. Auch auf diese Person muss sich die Gruppe aber erst mal einigen.

Das Kind verstand jedes Wort, wußte aber nicht, worauf der Autor dieser Zeilen hinauswollte und was der Text soll. Seltsam, sich Kindern ausgerechnet auf dem Wege der größtmöglichen Abstraktion nähern zu wollen, als hätten sie keine Assoziationen, keine Geschichten, keine unverstandenen aber irgendwo abgelagerten Nachrichtenfetzen, keine Wertungen, Märchen, Familienlegenden, Kiezspielplätze, Freundeskreise und YouTube-Videos (alles in allem: kantische „Anschauungen“), sondern hätten allein leere „Begriffe“. Kant hatte in der Kritik der reinen Vernunft“ zusammengefaßt:

Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen).

Das Kind begann sofort, sich Diethmar Daths Abstraktionen sinnlich zu machen. „Ich finde, das ist doch viel besser bei den Griechen gewesen, so wie ich das gelernt habe. Also Demokratie halt. Die Leute mit besseren Ideen wurden gewählt, die mit den schlechteren Ideen außer Landes geschickt, ich mein‘, würd‘ man heutzutage wohl nicht mehr so machen, aber Demokratie hat halt so funktioniert, als es sie damals gab in Athen.“

Der Adressatenkreis dieses Textes, vermutlich in vorgelesener Form, ist neun- bis zwölfjährig, erblich bedingte Intelligenz von faz-Leser-Nachkommenschaft ließe sich auch voraussetzen, außerdem irgendein Interesse an Politik. Gute Voraussetzungen eigentlich. Die darf man doch nicht kaputtabstrahieren, sondern man muß sie mit sinnlicher Anschauung füttern!

Dath kommt vor lauter Abstraktion in völlig vom Thema abführende Seitenzweige des anthropologischen Grundlagenalgorithmus:

Denn Menschen haben kein Fell und halten schlimmes Wetter schlecht aus, Menschen sind langsamer und schwächer als viele Tiere, die uns fressen können und wollen, außerdem sind Menschen auch langsamer und schwächer als viele Tiere, die wir essen können und wollen, und wenn Menschen lieber keine Tiere essen sondern irgendwas, das wächst, fressen das die stärkeren und schnelleren Tiere den Menschen leicht weg.

Vegetarier unter den Urmenschen hatten’s irgendwie schwer, aber was hat das alles mit Erdogan zu tun? Der Abstraktionskulminationspunkt ist erreicht, wenn der Autor schreibt

Vor zweihundert Jahren waren viele kluge Leute überzeugt, dass es irgendwann überhaupt keine Mächtigen mehr geben würde und alle immer alles zusammen entscheiden würden, dass also die ganze Macht irgendwann bei den Regeln liegt und nicht mehr bei einzelnen Leuten.

Okay, das kennen die Kinder: das ganze Leben ist eine Herrschaft der „Regeln“, vom Unterricht bis zur Nachmittagsbetreuung bis zur Familienkonferenz. Die ganze Macht liegt bei den Regeln, nicht mehr bei den Menschen.

Und jetzt kommt da einer und will das nicht mehr? Nicht, daß unsere Bürgerkinder plötzlich Geschmack an Erdogans Autokratie finden, des pädagogischen Mantras „Wir hatten uns doch alle zusammen auf unsere Regeln geeinigt“ überdrüssig?

Soweit kommt es nicht, Gottlob, denn am Ende des Aufklärungsvorlesetextes wird Dath konkret, indem er ganz einfach – wertet. Alle Abstraktion dient nur dem Zwecke, das „Schlimmste“, nämlich „die falsche Entscheidung“ abzuwehren.

Das können sie jetzt entscheiden, aber wenn sie die falsche Entscheidung treffen, können sie in Zukunft viel weniger entscheiden. (…) Das ist das Schlimmste an ihnen.

Wäre es nicht viel besser gewesen, er wäre beim Konkreten geblieben und hätte sich den Umweg über Anthropologie und Gruppensoziologie gespart, und die Kinder gewarnt:

„Paßt auf, in der Türkei will einer als islamischer Sultan alleine herrschen, und will, daß das Volk ihm die Erlaubnis dazu gibt.  Islamische Alleinherrscher sind gefährlich, das türkische Volk darf das nicht erlauben, wenn es ein selbstbestimmtes Volk sein will!“

Vor lauter Furcht, Kinder zu indoktrinieren mit wertenden Begriffen entschwebt man in der politischen Didaktik seit langem schon in Allgemeinplätze, anschauungslose Abstraktion und „leichte Sprache“ für geistig Minderbemittelte, „logo“ läßt grüßen.

Um wievieles einprägsamer liest sich doch Ringelnatzens „Ernster Rat an Kinder“ von 1931:

Wo man hobelt, fallen Späne.
Leichen schwimmen in der Seine.
An dem Unterleib der Kähne
Sammelt sich ein zäher Dreck.

An die Strähnen von den Mähnen
Von den Löwen und Hyänen
Klammert sich viel Ungeziefer.
Im Gefieder von den Hähnen
Nisten Läuse; auch bei Schwänen.

(Menschen gar nicht zu erwähnen,
Denn bei ihnen geht’s viel tiefer.)

Nicht umsonst gibt’s Quarantäne.

Allen graust es, wenn ich gähne.

Ewig rein bleibt nur die Träne

Und das Wasser der Fontäne.

Kinder, putzt euch eure Zähne!!

Und das jetzt bitte als Anti-Erdogan-Gedicht – Böhmermann, übernehmen Sie!

 

 

 

 

 

 

 

Kriecher

Die weltweiten Reaktionen auf Trumps Angriff auf Syrien bringen unterschiedliche Sorten von Kriechern zutage.

1.) Linke Kriecher. Die globale Linke ergeht sich in Erleicherung, Begeisterung, Ranschmeißerei und Abfeiern der kriegerischen Intervention. Und sowas will pazifistisch und humanitär sein! Die Kriecherei besteht darin, seit Beginn der trumpschen Wahlkampagne unentwegt an die Wand gemalt zu haben, wie gefährlich der Kandidat doch wäre, er brächte gewiß Faschismus und Krieg. Kaum agiert er eindeutig und unmißverständlich militärisch, freuen sie sich, daß er genauso ist, wie sie ihn nie haben wollten.

2.) Republikanische Kriecher. Das sind die alten Neocons, die endlich wieder ihr „Achse-des-Bösen“-Narrativ an den Mann bringen dürfen und Trumps plakatierten Nichtinterventionismus freudestrahlend Lügen strafen. Die Kriecherei besteht darin, daß sie sich der Opposition anbequemen, man findet Mc Cain neuerdings auf der Seite von Hillary Clinton und ihrer gesamten linken Gefolgschaft.

3.) AltRight-Kriecher. Wer sind hier die Kriecher? Nachdem Sorte 1.) und 2.) leicht zu bestimmen sind, ist es im Lager der Trumpunterstützer komplizierter.

One white pill to come from this is the near uniform opposition on the true Right. Few Trump supporters are sycophants. (American Renaissance)

a.) Hier trennt sich die „wahre AltRight“ von spärlich zu findenden „Kriechern“, die ihm trotz dieses Vertrauensbruchs weiterhin huldigen. Die „white pill“ meint eine moralische Hoffnung auf die eigene Aufrichtigkeit – aufrechte Rechte halten jetzt gegen Trump, auch wenn sie ihn früher noch so sehr unterstützt haben, wie beispielsweise Richard Spencer. Ihr Argument ist einfach, aber wirkungsvoll: wir haben diesen Präsidenten gewählt, weil er genau dies nicht tun würde, was er jetzt getan hat.

b.) Diejenigen wenigen, die weiterhin zu Trump halten wollen, fühlen sich ihrerseits verraten von der AltRight.

Eine junge Dame schreibt unter einen Tweet von Stefan Molyneux

Trump supporters have no media now.

Die Mainstreammedien sind nämlich ungebrochen gegen Trump und fühlen sich jetzt bloß bestätigt (was teilweise im Widerspruch zu 1. steht), die alternativen Medien reagieren jetzt ebenfalls kritisch bis bitter enttäuscht und brechen teilweise offen mit Trump. Wer jetzt noch zu Trump hält, hat keine Repräsentation mehr. Zu Trump zu halten bedeutet keineswegs, seine Attacke als notwendig legitimieren und rhetorisch begrüßen, wie es seine Sprecher tun. Dies zu tun ist eines kritischen medienkompetenten Beobachters nicht würdig, solche Kriecher kann’s gar nicht geben!

4.) Schwarzsehende Kriecher. Anders als die linke Erscheinungsform Nummer 1.), die sich heuchlerisch über den Anngriff freuen, und anders auch als die reuigen AltRighter vom Typ 3. a), gibt es konsequente Trumpkritiker, die schon immer vorausgesagt haben, daß sich die Unterstützer böse irren würden in ihren Hoffnungen auf Trump. Jetzt suhlen sie sich in Bestätigung. Dieses Verhalten, anscheinend aufrichtig und nicht kriecherisch, hat aber ebenfalls einen sykophantischen Nebeneffekt – die moralische Überheblichkeit der „black pilled“ gegenüber den hoffnungsvollen „white-pilled“ führt zu selbstgerechtem Nachtreten.

Gewiß spricht einiges für den Versuch, einen Menschen nach den durchgängisten Zügen seines Lebens zu beurteilen; angesichts der naturgegebenen Unbeständigkeit unserer Verhaltensweisen und Meinungen habe ich oft den Eindruck gewonnen, daß selbst die guten Schriftsteller irren, wenn sie sich in den Kopf setzen, ein festes und haltbares Ganzes aus uns zu weben: Sie greifen irgendeinen Grundzug einer Person heraus und ordnen und deuten danach all deren Handlungen; soweit sich diese aber nicht genügend zurechtbiegen lassen, werden sie als bloße Täuschungsversuche abgetan.

(Michel de Montaigne, Essais, 1588)

Wie ist es möglich, zu Trump zu halten, ohne sich kriecherisch zu verbiegen? Montaigne könnte eine kleine moralische Hilfe bieten: es handelt sich nicht um Täuschung und Enttäuschung, was hier gespielt wird, nicht um Entlarvung und Bestätigung.  Die „Unbeständigkeit“ ist bei Donald Trump das, was Montaigne als „une forme maitresse“ bezeichnet hat. Nehmen wir ihn als großen Strategen und spielen das Spiel der (Ent-)Täuschungen, des Verrats und Verratenwordenseins möglichst nicht mit. Ein erster Versuch in dieser Richtung ist einem Kommentator hier gelungen:

1.) Um es kurz zu sagen: wir kennen den Deal nicht. „Ihr gebt mir XY bei Obamacare, ich gebe euch YZ in Syrien.“ So oder so ähnlich läuft das, und nicht nur weil Trump Geschäftsmann ist. Alles in den USA läuft so, vom Strafprozeß nach dem Dienstahl eines Snickers über die Baugenehmigung bis hin zum Weltkrieg. Der Bakschisch ist in den USA zu einem so hohen Grade offizialisiert, daß jeder Inder vor Neid erblaßt (und jeder Preuße gar nichts mehr von den dortigen Abläufen versteht).

2.) So hart und zynisch das auch sein mag: er muß dem Kongreß, seiner eigenen Partei usw. immer wieder Placebos ins Maul schieben und zu deren Blendung Nebelkerzen zünden. Diesmal hat er Dynamit eingemischt, unter Inkaufnahme sehr hoher Kollateralschäden.

3.) Wie schnell er auch wieder zurückschwenken und alles Vorherige als taktische Luftnummer dastehen lassen kann, hat er schon mehrmals gezeigt, z. B. gegenüber Netanjahu. Mit Merkel spielt er ja auch abwechselnd das Good-Cop-Bad-Cop-Spiel in Personalunion mit sich selbst. Und wenn Sie sagen, „das funktioniert freilich nicht“ (auf Dauer), dann entgegne ich: doch, das funktioniert, er bedient damit bestens die Durchwurstel-Strategie, aus der die Gegenseite in all ihren Verstrickungen nicht mehr ausbrechen kann.

4.) Jetzt wird es noch zynischer (aber es ist nicht mein Zynismus): in den USA ist alles Show. Man muß wirklich zu den Axiomen vordringen und sich fragen, wie ernst man die jeweils nehmen kann. Bei Trump zieht sich ein roter Faden der Treue zu seinen Axiomen durch sein Wirken, auch wenn dieser Faden für oberflächliche Augen bis sonstwohin mäandert oder sich längst verlören hat. Diese Axiome sind in einer für die Meisten unvorstellbaren Tiefe und Epochalität verankert. Selbst die Wiederbelebung des intergalaktischen Imperativs, apollinischen Imperativs offenbart nur einen schwachen und schalen Abglanz dieser Tiefe (Höhe) und Epochalität.

 

 

EU-geförderter Graswurzeldispositivismus

Bildergebnis für grassroots revolution

Die EU fördert ein neues Programm zur Stärkung der sogenannten „Zivilgesellschaft“ gegen „Extremismus und Terrorismus“. Diese Zweiseitenfliegenklappe ist im Handel nur doppelseitig klebend erhältlich, verkauft sich einfach besser. Ihre antirechte Seite ist allerdings klebriger.

Das „radicalisation awareness network“ bietet Trainings für NGO-Vertreter, Einzelpersonen aus Jugendarbeit, Pädagogik und interkulturellen Insitutionen, die sich durch

a track record in delivering counter or alternative narratives

auszeichnen.

Die Rede von „Gegen- und alternativen Narrativen“ entstammt dem linksextremen Rechtsextremismusbekämpfungsdiskurs. Eine durchaus unheilige Allianz von Antifa-Gedankengut und offiziellem Kampf gegen Extremismus ist zwar bekannt, doch richtig interessant wird’s wenn die  „Bundeszentrale für politische Bildung“  ihre Bevorzugung islamistischer Narrative offen herzeigt:

Aber die Narrative taugen nicht dazu, einen Diskurs, eine Kommunikation zwischen Rechtsextremisten und Nicht-Rechtsextremisten herbeizuführen. Wo islamistische Forderungen an Muslime gestellt werden, sollten sie abgelehnt werden, aber ihr Ursprung, der Islam aus dem sie – wenn auch verfälscht – abgeleitet werden, verdient Respekt. Wo aber rechtsextreme Narrative in Erscheinung treten, sind sie sofort, zumindest nach außen und schon wegen ihrer rechtsextremistischen Herkunft abzulehnen.

Der Grund dafür liegt also in der „gemeinsamen kulturellen Herkunft“ von radikalem Islamismus und wünschenswertem linken Narrativ – während das rechtsextreme Narrativ keine „kulturelle Gemeinschaft“ mit demselben zuläßt! Das muß man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, daher noch mehr ausführlicher Wortlaut hier:

Für die Bearbeitung islamistischer Narrative im Sinne einer Deradikalisierung – so wäre also zusammenzufassen – benötigt man neben religiösem Wissen und entsprechender Autorität vor allem gute Vermittlungssituationen und gute didaktische Konzepte. Die Gegen-Narrative liegen auf dem Tisch. Es wird sich zeigen, ob sie in der Praxis deradikalisieren können.
Im Bereich des Rechtsextremismus hingegen versagt dieser Ansatz, denn es wird hier keine gemeinsame kulturelle Herkunft von Narrativ und Gegen-Narrativ geben können. Und wo sich die konkurrierenden Parteien gegenseitig und von vorn herein die Legitimation, die kulturelle Gemeinschaft verweigern, werden Narrativ und Gegen-Narrativ zueinander keine Beziehung finden und damit keine Wirkung entfalten können.

„The Civil Society Empowerment Programme“ der EU ist aus verwandtem Holz geschnitzt, seine Aufgabe ist:

to support civil society, grass roots organisations and credible voices.

Graswurzelorganisationen können theoretisch jegliche bottom-up-Initiativen heißen, definitionsgemäß befindet man sich jedoch im anarchopazifistischen, revolutionären, basisdemokratischen Milieu, dem das obige Plakat entstammt.

If we are called criminals because we seek this (i.e. break the chains of law and order) let history judge us.

Die Geschichte hat entschieden: sie werden EU-gefördert, sie sind nicht länger criminals, sondern credible voices. Ihr Kampf ist zum Dispositivismus verkommen.

Das Dispositiv der kulturmarxistischen Macht ist erkennbar, wenn facebook und twitter seit Mitte des Monats einen Upload-Filter gegen extremistische Inhalte setzen und seit drei Tagen ein neues EU-weites Hate-speech-Gesetz zur Notifizierung eingereicht wurde, das die großen Sozialen Netzwerke als Inhaltepolizei installiert hat. Technisch funktioniert dies dann unter anderem so, daß

Twitter im Gefolge von Anschlägen beispielsweise Tweets mit „Gegenerzählungen“ höher platzieren könnte, ohne hierfür die übliche Gebühr zu verlangen.

Die „Gegenerzählungen“ lauten dann wohl so, daß der Anschlag den Rechten in die Hände spielt, ansonsten aber „Respekt“ verdient wegen „kultureller Gemeinschaft“.

But let us not support slavery, let us die in furtherance of freedom.

 

 

.

 

Die Sprache der Rechte

Michael Ignatieff hat einen wunden Punkt erkannt, an dem man weiterbohren muß. In einem Interview in der „Presse“ beschreibt der kanadische liberale Präsidentschaftskandidat, jetzt Rektor der ungarischen Central European University, daß die Migrationsfrage in einer „Sprache der Rechte“ formuliert wird.

Diese Wortwahl (vermutlich im Original „a language of rights“) ist insofern gut, weil die Beobachtung eine Beobachtung zweiter Ordnung wird: wir beobachten nicht nur im juristischen System,daß bestimmte Personen bestimmte Rechte  h a b e n  oder nicht haben oder berechtigtermaßen oder unberechtigtermaßen einklagen. Wir können in dem Moment, wo  es um eine  S p r a c h e  der Rechte geht, bemerken, daß wir es mit einem Diskurs zu tun haben, einem verschiebbaren Rahmen von Diskurshegemonie und einem Paradigma (Beobachtung zweiter Ordnung, Kommunikation über einen Code). Die meisten Beobachtungen dieses Themas gehen von unverbrüchlichen moralischen oder juristischen Rechten aus, die Asylsuchende hätten oder nicht hätten (Beobachtung erster Ordnung), aber nicht von der darunterliegenden Unterscheidung „Sprache der Rechte“/“Sprache von etwas anderem, das bezogen darauf Umwelt ist“).

Ignatieff sagt:

Die Sprache der Großzügigkeit, des Mitgefühls ist von einer Sprache der Bedrohung der nationalen Identität zur Seite gedrängt worden. Die Idee an sich, dass Flüchtlinge und Einwanderer überhaupt Rechte haben, wird in Europa so stark bezweifelt wie nie zuvor. Also denke ich, dass die Sprache der Rechte an sich schwere Probleme hat. Denn sie sagt: Wer auch immer eine wohlbegründete Angst vor Verfolgung hat, hat auch ein Recht, in ein anderes Land zu flüchten.

Sprache der Rechte/Sprache der Großzügigkeit ist eine falsche Unterscheidung, weil sie ein System (Recht) als Pol in einer moralischen Zweiseitenform (Großzügigkeit/Geiz) verwendet. Aber – das ist der Punkt – dadurch daß es möglich ist, auf der Ebene von „Sprachen“ zu reden, werden die vermeintlich absoluten Rechte eben zu einer Beobachtungsform. Und weil sie eine Beobachtungsform ist, kann sie bezweifelt werden, kann sie problematisch werden, kann sie selbst liberale NWO-Adepten wie Ignatieff an den point of no return bringen:

Aber mit dieser Krise der Sprache der Rechte ist die Sprache der Großzügigkeit zum Kollateralopfer geworden. Denn sobald die Menschen fragen, wieso Flüchtlinge das Recht haben, hereinzukommen, sagen sie bald: Ich habe kein Mitgefühl, sie hereinzulassen.

Die Beobachtung ist richtig: sobald die Sprache der Rechte in eine Krise gerät (sprich: sobald sie kontingent wird, so oder auch anders möglich, man kann auch n i c h t  von diesbezüglichen „Rechten“ sprechen, sogar diese Rechte in der Sache infragestellen), wird auch die dahinterstehende Moralkommunikation („Sprache der Großzügigkeit“) kontaminiert. Ignatieff nennt das  – eigentlich nur moralisch gemeint, aber diskursstrategisch gut beobachtet –  ihr „Kollateralopfer“. Die Konsequenz ist, „Flüchtlinge“ nicht hereinzulassen, weil in der „Sprache der Rechte“, zieht man sie konsequent durch, den Sprechern unvermeidlich ihre eigenen Rechte nachdrücklich bewußt werden:

Bürger in allen demokratischen Ländern fordern das Recht, entscheiden zu können, wer hereinkommen darf und wer nicht. Und ich denke, sie haben mit dieser Forderung recht.

Rechte sind eben nicht ausschließlich die (rhetorisch wohlfeilen, aber nationalstaatlich notwendig limitierten) Menschenrechte, sondern es gibt auch das Völkerrecht, das rhetorisch völlig unterrepräsentiert war und erst diese Krise brauchte, um in der (außerjuristischen) Kommunikation ins Recht gesetzt zu werden.

Ignatieff muß seine falsche Differenz Rechte/Großzügigkeit irgendwie implementieren, um damit einen politischen Unterschied zu machen. Das probiert er entlang der öffentlich gern angenommenen (uff, ja, so behalten wir ein gutes Gewissen!), aber wiederum in der „Sprache der Rechte“ hochproblematischen Differenz Kriegsflüchtlinge/Armutsflüchtlinge.

Wirksame Grenzkontrolle gegenüber opportunistischen Einwanderern ist die Bedingung für Großzügigkeit und Mitgefühl gegenüber jenen, die wirklich in Not sind.

„Opportunistische Einwanderer“ sind in Ignatieff jetzt überhandnehmender Sprache der Moral die unechten Flüchtlinge, gegen die Grenzen helfen, da er sie aber moralisch wegdefinieren kann (Wer ist so sehr „Opportunist“, daß für ihn kein „Mitgefühl“ reserviert gehört?), bleibt am Ende doch wieder nur die „gemeinsame Welt“ voller echter Flüchtlinge. Womit seine Unterscheidung hinfällig ist.

Die Migration hat uns die schmerzvolle Lehre erteilt, dass wir in einer gemeinsamen Welt leben. Wir können nicht so tun, als ob uns die Probleme von Mali nicht kümmern, denn die Probleme von Mali landen letztlich an den Grenzen der EU.

Angesprochen auf Repressionen des ungarischen Staates gegenüber seiner der Open Society Foundation unterstellten Budapester Central European University reklamiert Michael Ignatieff  „Wir sind ja keine politische Organisation.“ – oh doch, das sind sie, und Ignatieffs „Krise einer Sprache der Rechte“ ist  d e r   zentrale gegenwärtige politische wunde Punkt, der moralisch nicht mehr zu heilen ist und auch nicht durch Verweis auf das „Recht“ auf Wissenschaftsfreiheit. Den Punkt hat er verspielt.

Amtsmißbrauch

Amtsmißbrauch ist kirchenhistorisch keine Neuigkeit. Der gesamte preußische Kulturkampf kreiste um dieses Thema, um schließlich in der geregelten Trennung von Staat und Kirche zu enden.

Und in der That läßt sich nachweisen, dass (die beiden höchsten Gerichte des Reiches) von ihrer Begründung an geistlichem Amtsmissbrauch auf das Entschiedenste entgegengetreten sind, und somit seit Anfang des sechzehnten Jahrhunderts bis zum Untergang des deutschen Reiches ein geregelter Recursus ad principem wegen geistlicher Amtsmissbräuche existiert habe.

Dies schrieb 1872 der jüdisch-protestantische Kirchenrechtler und Vertreter der laizistischen Position im Kulturkampf, Emil Albert Friedberg in seinem Werk „Die Gränze zwischen Staat und Kirche und die Garantien gegen deren Verletzung“.

https://books.google.at/books/content?id=EHJmAAAAcAAJ&hl=de&pg=PA175&img=1&zoom=3&sig=ACfU3U3SqkYH8OQ_jRKEYTNwSMlmHvaI5Q&ci=68%2C1328%2C732%2C158&edge=0

https://books.google.at/books/content?id=EHJmAAAAcAAJ&hl=de&pg=PA176&img=1&zoom=3&sig=ACfU3U1TGjmNX7KBh8H85ss2L_Neelr2uA&ci=247%2C186%2C694%2C82&edge=0

Und dies hier findet sich in einem Notat von 1799, in dem der Begriff „Recursus ad principem“ erklärt werden soll. Es ist demnach sowohl möglich, bei weltlichen Übergriffen ins Kirchenrecht, als auch im umgekehrten Falle, sich auf   w e l t l i c h e Autoritäten zu berufen, deren Gesetze eben dazu da seien, die Staatsbürger gegen Unrecht zu schützen.

Ich gehe historisch so weit zurück, weil das Vergehen „Amtsmißbrauch“ im deutschen Recht seit 1943 nicht mehr existiert.

Wenn nun Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, am vergangenen Donnerstag zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe in Bergisch Gladbach, für die katholischen Bischöfe spricht und dekretiert, die Afd sei nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar, dann ist das im oben eingeführten Sinne schlicht: Amtsmißbrauch.

Die faz faßt Marxens Worte zusammen:

Aber es gebe für Christen rote Linien bei der Wahl einer Partei: Inakzeptabel seien pauschale Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Verunglimpfung anderer Religionsgemeinschaften, Hass und Gleichgültigkeit gegenüber den Armen. Ein politisches Agieren, dass Ängste vor Überfremdung schüre und einseitig nationale Interessen betone, sei mit der christlichen Perspektive nicht vereinbar.

Im selben faz-Online-Beitrag wird unten eine einminütige Äußerung Frauke Petrys eingespielt, in der diese die Ausbürgerung krimineller Migranten mit teilweise illegalem Aufenthaltsstatus als ultima ratio fordert, insofern es eben nicht gelungen sei, diese Personen über Jahre oder Jahrzehnte zu integrieren.

Was soll daran den Exkommunikationskriterien des Bischofs entsprechen? Natürlich müßte man sich das komplette neue AfD-Parteiprogramm zu Gemüte führen, um es – nimmt man Marx‘ Bannfluch wirklich beim Wort und nicht als stereotype Sprache-der-BRD-Kompilierung – Punkt für Punkt zu vergleichen. Interessant ist der Petry-Einspieler deshalb, weil medial damit ja etwas ausgesagt werden soll: so arg ist die AfD drauf! Sogar „in die Staatenlosigkeit“ entlassen werden sollten die genannten kriminellen Bandenmitglieder schlimmstenfalls.

Inakzeptabel für Katholiken ist nicht die AfD (denn die sollten sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, und dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und Gott geben, was Gottes ist), sondern dieser Bischof.

Pauschale Einheimischenfeindlichkeit, Islamophilie, Philosemitismus bis zur Unkenntlichkeit des eigenen Christentums, Verunglimpfung der eigenen Religionsgemeinschaft (zur Erinnerung: Marx war das, der das Kreuz abgelegt hat), Haß und Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen kirchlichen Tradition, sowie ein politisches Agieren im klerikalen Amte, das Ängste vor einer zur Bundestagswahl antretenden Partei schürt und einseitige innerkirchliche Interessen betont, sind mit einer christlichen Perspektive nicht vereinbar.

Uns geht es darum, in der Hinwendung zu Christus die frohe Botschaft gemeinsam zu verkünden.

Diese auf der Frühjahrsversammlung beschworene Gemeinsamkeit (hier: ökumenische, für den Osten der Republik nicht unwichtige, hier wohnen die meisten Protestanten, denen der katholische Bischof nicht wurscht ist, sondern denen an Ökumene oft sehr gelegen ist) verbaut sich  Marx mit seiner Wahlempfehlung gründlich, ja ich würde soweit gehen zu behaupten, daß das AfD-Parteiprogramm inhaltlich dem Christentum klarer Vorschub leistet als solcher bischöfliche Amtsmißbrauch. AfD und die Zukunft des Christentums – eine Gewissensprüfung anhand des Programms folgt demnächst an dieser Stelle. Bis dahin: recursus ad principem, so gut ich mit meinen Mitteln kann.